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Hospiz

Als Hospize (von lateinisch hospitium, Gastfreundschaft, Unterkunft) werden Herbergen an Pilgerwegen, auf Bergpässen und an Wallfahrtsorten bezeichnet, die von Mönchen oder Laien mit christlicher Hausordnung geführt werden. Von der im Mittelalter auch in der Schweiz verbreiteten Institution sind heute vor allem die Hospize auf Passhöhen bekannt.

Die in lateinischen Urkunden unter anderem als hospitale, hospitalis domus oder griechisch-lateinisch als xenodochium bezeichneten Hospize bildeten eine der frühen kirchlichen Infrastrukturen Europas, aus der sich, ab dem 14. Jahrhundert zunehmend säkularisiert und zum Teil kommunalisiert, letztlich die Hotellerie (Gastgewerbe) und das Spitalwesen entwickelten. Im Früh- und Hochmittelalter entstanden Hospize auf dem Land an Transitrouten und Pilgerwegen aus der Notwendigkeit, Reisenden – Rittern auf Kreuzzügen, Pilgern (Pilgerwesen) und Kaufleuten – Unterkunft und Speise anzubieten. Ähnliche Institutionen in den Städten waren mit der Beherbergung von Armen und der Pflege von Kranken vermehrt karitativ tätig (Spital). Allen gemeinsam war ihr ursprünglich rein kirchlicher Charakter: Wie die Spitäler wurden auch Hospize von Mönchen oder Laienbrüdern (und -schwestern) unter geistlicher Leitung geführt; sie unterstanden der Kirchenaufsicht und dem Schutz des Bischofs. Ihre Aufgabe war eine doppelte, nämlich die Betreuung der Reisenden und die Seelsorge. Neben Spitalorden, wie unter anderem Augustinern, Antonitern und Hospitalitern vom Heiligen Geist, führten in der Schweiz auch andere mittelalterliche Orden Hospize, so die Ritterorden (Johanniter, Lazariter, Deutscher Orden), die Benediktiner, Cluniazenser und Prämonstratenser.

In der Schweiz entstanden Hospize im internationalen Pilgerverkehr sowie im Passverkehr über die Alpen. An den vielen Verbindungen durch das Mittelland reihten sich die Hospize der verschiedenen Orden in Tagesabständen aneinander; das waren zum Beispiel an der auch von Jakobspilgern genutzten Route zwischen dem Elsass und Savoyen neun Cluniazenserpriorate, darunter Leuzigen, Payerne und Romainmôtier. Besonders dicht war das Netz an Hospizen im alpenländischen Passverkehr. Vom 10. bis 12. Jahrhundert wurden Klöster im Alpenraum in die Passpolitik der deutschen Könige und Kaiser eingespannt. Sie übernahmen als Gegenleistung für empfangene Schenkungen die Betreuung der Reisenden – im Wallis unter anderem die Klöster Bourg-Saint-Pierre am Grossen St. Bernhard und die Johanniterkomturei Salgesch am Simplonpass, im Bündnerland unter anderem am Lukmanierpass die Benediktinerabtei Disentis nördlich und der Humiliatenorden südlich der Alpen. Die ältesten Hospize entstanden am Fuss der Pässe bei den Klöstern, am Passweg selbst und an den vom Mittelland herführenden Routen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt kamen Hospize auf der Passhöhe auf, zum Beispiel auf dem Grossen St. Bernhard um 1050 (königliche Dotation), auf dem Gotthardpass 1237 und auf dem Lukmanierpass 1374 (Disentis). Allein acht Hospize – wahrscheinlich wurden diese von Humiliaten geführt – sorgten von Lugano bis auf die Passhöhen des Gotthards bzw. des Lukmaniers für die Reisenden. Beeindruckend ist die Institution des über acht Jahrhunderte tätigen Hospizordens der Chorherren vom Grossen St. Bernhard, die beidseits des Passes ein weit reichendes Netz an Niederlassungen aufbauten, das im 12. und 13. Jahrhundert von England bis Sizilien reichte.

Gründer der Hospize waren ausser den Klöstern der grundbesitzende Adel und reiche Bauern, die ihre Stiftungen geistlicher Leitung unterstellten. Die Hospize erscheinen als klösterliche Niederlassungen im Rang von Prioraten und Komtureien eines Ordensverbands. Meist kleine geistliche Gemeinschaften von einigen Mönchen oder Laienbrüdern unter einem Prior (Komtur) oder dieser allein (lateinisch hospitalarius) führten die Hospize, die oft nur Kirche (Kapelle), Wohnhaus (Schlafsaal für Pilger, Wohnung des geistlichen Verwalters) und Ökonomie umfassten. Ihre Existenz sicherten Einkünfte aus Grund- und Gerichtsherrschaften und Zehnten wie bei anderen Klöstern.

Das Hospiz auf dem Simplonpass. Farblithografie von Adolphe Cuvillier, um 1850 (Museum für Kommunikation, Bern).
Das Hospiz auf dem Simplonpass. Farblithografie von Adolphe Cuvillier, um 1850 (Museum für Kommunikation, Bern). […]

Wegen magerer Dotierung wurden im Spätmittelalter kleine Hospize – zum Beispiel die Priorate Bargenbrück, Leuzigen und Hettiswil – in Personalunion verwaltet und zum Teil aufgegeben, zumal den Hospizen vom 13. Jahrhundert an weltliche Konkurrenz durch grundherrliche Tavernen (Gasthäuser) erwuchs, die im Mittelland schon im 15. Jahrhundert zur dörflichen Infrastruktur zählten. In den reformierten Territorien wurden die noch existierenden Hospize in der Reformation aufgehoben und abgebrochen oder umgenutzt und ihr Besitz karitativen Institutionen zugeführt. Erhalten blieben dagegen die wichtigsten Hospize im vorwiegend katholischen Alpenraum. Ab dem 19. Jahrhundert kamen sie mit dem Wegfallen des Pilgerbetriebs zum Teil in weltlichen Besitz (z.B. Stiftung Pro St. Gotthard) und dienen unter weltlichen Pächtern in den Sommermonaten dem touristischen Passverkehr als Hotels.

Quellen und Literatur

  • LexMA 5, 133-137
  • HS IV/1, 25-278; IV/4, 19-34, 289-393; IX/1
Weblinks

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Hospiz", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.05.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016580/2010-05-20/, konsultiert am 28.06.2022.