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Ferienkolonien

Als Ferienkolonien bezeichnet man Ferienlager, die in ländlicher Umgebung für Kinder im schulpflichtigen Alter durchgeführt werden. Die Ferienkolonien sollten ursprünglich dazu dienen, Körper und Geist der Kinder mit pädagogischen Massnahmen zu stärken. Anfänglich für Jungen und Mädchen konzipiert, deren Eltern sich keine Ferien leisten konnten, wurden Ferienkolonien zunehmend von Kindern aller sozialer Schichten besucht. Die Idee der Ferienkolonien verbreitete sich von der Schweiz aus rasch in ganz Europa, später in den USA, in Südamerika und in Japan.

Die erste Ferienkolonie führte Pfarrer Hermann Walter Bion 1876 im Kanton Appenzell Ausserrhoden mit 68 Kindern und zehn Erwachsenen durch. Bion wollte die Kinder «einfach halten und auf das Notwendigste beschränken». Die Knaben schliefen in Scheunen auf Heu und Stroh, die Mädchen in Bauernhäusern. Die Kinder wurden mit hauswirtschaftlichen Aufgaben betraut, daneben bewegten sie sich vor allem im Freien (Spaziergänge, Beeren und Blumen pflücken, Ausflüge). In den Jahren nach 1876 wuchs die Teilnehmerzahl dieser ersten Ferienkolonien auf knapp hundert an.

Nach Bions Vorbild verwirklichte die Stadt Basel 1878 ihre erste Ferienkolonie, gefolgt von Bern und Genf (1879), Lausanne (1884), Aarau, Biel und Töss (1889), Wädenswil (1891), Olten, Veltheim (AG) und Zofingen (1896) sowie La Chaux-de-Fonds (1898). 1899 besuchten rund 3500 Kinder eine Ferienkolonie. Da die öffentlichen Beiträge zu Beginn gering ausfielen, wurden die Ferienkolonien und der Kauf von Unterkünften mit Sammlungen finanziert. Nach 1945 besuchten deutlich mehr Kinder die Ferienkolonien als noch vor dem Zweiten Weltkrieg, worauf auch die Gemeinden ihre Zuschüsse erhöhten. Der Verkauf von Abzeichen ersetzte die Sammlungen an der Haustür.

In den 1960er Jahren differenzierten sich die Ferienkolonien thematisch: Nun wurden neben Fotokolonien auch Naturkunde- oder Geografiekolonien durchgeführt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es von Gemeinden, Kantonen, Stiftungen oder Sportvereinen durchgeführte Sommerlager mit einem breiten thematischen Spektrum, die jedoch seit den 1990er Jahren nicht mehr unter dem Namen Ferienkolonie stattfinden (z.B. Stadt Zürich: 35 Lager für 1200 Kinder). Der Schwerpunkt der Veranstaltungen liegt im Unterschied zu früher primär auf der sinnvollen Freizeitgestaltung.

Quellen und Literatur

  • A. Ziegler, 100 Jahre Zürcher Ferienkolonien, 1975
  • H.-U. Grunder, «Die Ferienkolonie», in Jb. der Kindheit 7, 1990
Weblinks

Zitiervorschlag

Hans-Ulrich Grunder: "Ferienkolonien", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 09.08.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016592/2012-08-09/, konsultiert am 19.04.2024.