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Völkerwanderung

Der Ausdruck Völkerwanderung bezeichnet die Wanderbewegungen germanischer und anderer Völker, die zwischen dem Ende des 2. und dem 7. Jahrhundert Zivilisationen und Machtzentren erschütterten sowie Grossreiche spalteten und Teilreiche untergehen liessen. Im Französischen wird der Vorgang als invasions barbares, im Italienischen als invasioni barbariche bezeichnet und vermittelt damit – nach der griechisch-römischen Bedeutung von «Barbar» für alles nicht Griechisch-Römische bzw. für alles Fremde – die Vorstellung von einem Barbareneinfall ins Römische Reich, in dessen Folge unter Ausnutzung des kaiserlichen Machtzerfalls unabhängige Reiche in Westeuropa und Nordafrika entstanden. Die zeitgenössische Historiografie betrachtet diese Ereignisse als Akkulturationsprozess und nicht mehr als eine Welle gewalttätiger Invasionen.

Relativ zahlreiche schriftliche Quellen wie Chroniken, Gesetzestexte, Heiligenviten und Briefwechsel, die aber fast alle aus der römischen Welt stammen, vermitteln ein schiefes, durch die Archäologie, Anthropologie, Orts- und Flurnamenforschung sowie Sprachwissenschaft zum Teil korrigiertes Bild. Bei den in den Schriftstücken erwähnten Völkern handelt es sich mehrheitlich um germanische (Burgunder, Franken, Alemannen), seltener um iranische (Sarmaten, Alanen), türkische (Hunnen) oder slawische Völkerschaften. Sie bildeten keine einheitliche Ethnien, sondern waren aus Stämmen oder Individuen unterschiedlicher Herkunft zusammengesetzt, die für eine gewisse Zeit den gleichen König anerkannten und zum gleichen Heer gehörten. Eine lange Zugehörigkeit zu einer Gruppe konnte zur Bildung eines «Volks» mit gemeinsamer Sprache und eigenen Gebräuchen führen. Die Ursachen der Völkerverschiebungen sind vielfältig und oft nicht zu ergründen: Schwächung des Reichs, Wanderungen von Völkern jenseits des Rheins und der Donau oder sogar in Ostasien, die die Germanen nach Westen trieben; klimatische, wirtschaftliche oder demografische Faktoren.

Der erste grosse Zusammenstoss zwischen dem Römischen Reich und den verschiedenen Völkerstämmen erfolgte unter der Herrschaft Mark Aurels (161-180 n.Chr.). Im 3. Jahrhundert mehrten sich die Einfälle. Um 260 besetzten die Alemannen das Dekumatland (Schwarzwald, Südbayern). Die Reichsgrenze wurde an den Rhein zurückverlegt. Das schweizerische Mittelland und die Bündner Alpenpässe befanden sich fortan an vorderster Front. 275-277 standen die Alemannen im Mittelland und plünderten Städte, darunter Augusta Raurica und Aventicum. Rom reagierte; die Rheingrenze (Limes) wurde durch die Errichtung einer Reihe von Befestigungswerken und Türmen (Kastell) verstärkt und zahlreiche Siedlungen wie Yverdon, Chur und Bellinzona wurden mit Mauern umgeben. Mehrere alemannische Einfälle im 4. Jahrhundert sowie die Erhebung von Magnentius (350-353) zum Gegenkaiser nötigten nacheinander die Kaiser Constantius II., Julian, Valentinian und Valens zu Interventionen. Rom nahm ausserdem zahlreiche Fremdstämmige (Barbaren) entweder einzeln in die Auxiliartruppen auf oder siedelte ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts fremde Völkerschaften zur Verteidigung besonders bedrohter Gebiete an, indem es ihnen einen Vertrag (foedus) gewährte, der zu ihrer Bezeichnung als foederati führte.

Durch diese Massnahmen konnte die Grenze des Reichs gehalten werden. 376 überquerten jedoch die von den Hunnen angegriffenen Westgoten die Donau, rückten 401 nach Italien vor, plünderten 410 Rom und gründeten 418 in Aquitanien als erste fremde Völkerschaft ein unabhängiges Königreich. Um ihnen die Stirn zu bieten, hatte der römische General Stilicho – im Übrigen selbst fremder Herkunft – die Truppen 401 vom Rhein abgezogen. Dieses Datum wurde lange mit dem Ende der römischen Herrschaft nördlich der Alpen gleichgesetzt, aber die neuere Historiografie nimmt an, dass sich diese über die lokalen Institutionen bis zur Errichtung der germanischen Königreiche gehalten hat; das Gebiet der heutigen Schweiz war noch nach 401 Teil des römischen Imperiums.

Dem Beispiel der Westgoten folgten bald weitere Völker. Sie hatten 406 den Rhein überschritten und profitierten nun von der Schwächung des Reichs: die Vandalen in Afrika, die Sueben auf der iberischen Halbinsel, die Burgunder und Franken in Gallien. Mitte des 5. Jahrhunderts halfen diese Neuankömmlinge dem römischen Heerführer Flavius Aëtius, die Hunnen 451 auf den Katalaunischen Feldern aufzuhalten. Um 440 waren die Burgunder von Aëtius in der Genferseeregion als foederati angesiedelt worden. Sie waren nicht sehr zahlreich, verstanden es aber dank ihrer Politik, mit den lokalen Eliten in gutem Einvernehmen zu leben. Dieser rasche Integrationsprozess wurde noch befördert durch den Übertritt von König Sigismund zum katholischen Christentum zu Beginn des 6. Jahrhunderts. Dies erklärt auch, weshalb sie so wenig eigene archäologische Spuren und Sprachzeugen hinterlassen haben.

Germanenreiche gegen Ende des 5. Jahrhunderts
Germanenreiche gegen Ende des 5. Jahrhunderts […]

Nach dem Ende des weströmischen Reichs 476 gründeten die Ostgoten 493 ihrerseits ein Königreich in Italien. Einige Jahre nach dem Tod ihres Königs Theoderich, der 526 starb, eroberte der oströmische Kaiser Justinian vorübergehend Nordafrika und Italien zurück, doch die Ankunft der Langobarden 568 erschütterte die Halbinsel erneut. Die Provinz Liguria, zu der die Tessiner Täler gehörten, war schon gegen Ende des 5. Jahrhunderts ins ostgotische Reich integriert worden. Um die Mitte des folgenden Jahrhunderts führte die Rückeroberung durch Justinian zur Errichtung des byzantinischen Limes (Byzanz), zu dem wahrscheinlich das Kastell von Bellinzona gehörte. Die romanische Siedlungskontinuität zeigt sich vor allem in der Sprache, den Kirchen und den Gräberfeldern. Nur wenige Gräber mit Waffenbeigaben (Stabio, Bellinzona, Castione), die Angehörigen der langobardischen Oberschicht zugeschrieben werden, zeugen von der Errichtung des neuen Königreichs.

Ab dem Ende des 5. und im 6. Jahrhunderts dehnten die Franken auf Kosten der Westgoten, Alemannen und Burgunder ihre Herrschaft auf ganz Gallien und das Gebiet jenseits des Rheins aus (Frankenreich). 496/497 und 506 siegten sie über die Alemannen, die ab Ende des 3. Jahrhunderts an der Rheingrenze siedelten, und unterwarfen sie. Ein Teil der alemannischen Führungsschicht fand vorübergehend Zuflucht in Rätien. Diese Provinz, die am Ende des 5. Jahrhunderts ins ostgotische Reich eingegliedert worden war, geriet 536 ebenfalls unter fränkische Herrschaft. Die Zugehörigkeit Rätiens zu zwei germanischen Königreichen, zuerst zum ostgotischen, anschliessend zum fränkischen, hat seine kulturelle Entwicklung kaum beeinflusst. Die romanische Kontinuität manifestiert sich in der Sprache (Rätoromanisch), in der Beibehaltung der Kirchenorganisation und auch in der Verwendung des römischen Rechts. Nur ein paar Gräber mit Waffenbeigaben werden mit fränkischen Beamten in Verbindung gebracht (Tamins). Die Quellen belegen die Bedeutung der lokalen Eliten, die zumindest bis gegen Ende des 8. Jahrhunderts eine relative Autonomie bewahrt zu haben scheinen. 534 wurden auch die Burgunder endgültig von den Franken besiegt.

Mit Ausnahme des Tessins stand also ab der Mitte des 6. Jahrhunderts fast das gesamte Gebiet der heutigen Schweiz unter fränkischer Herrschaft. Diese politische Aneignung zog keine grossen Bevölkerungsverschiebungen nach sich. Die ersten Zeugnisse für die Anwesenheit von Germanen im Mittelland tauchen ab dem 6. Jahrhundert auf und werden mit Vertretern der fränkischen Herrschaft in Zusammenhang gebracht (Basel-Bernerring, Elgg). Daneben behauptete sich die romanische Bevölkerung weiterhin, und zwar nicht nur in den befestigten Orten Kaiseraugst und Arbon, sondern auch auf dem Land (Galloromanen). Erst ab dem 7. Jahrhundert tauchten im Mittelland vermehrt Gegenstände und Bräuche aus dem germanischen Kulturkreis auf, als eine eigentliche alemannische Einwanderung einsetzte, die sich namentlich anhand reicher Grabfunde in einigen Kirchen wie Bülach und Altdorf (UR) feststellen lässt. Es handelt sich dabei um den Anfang eines jahrhundertelangen Prozesses, der zur Herausbildung einer überwiegend germanischen Sprach- und Kulturregion führte (Deutsch).

Quellen und Literatur

  • P. Riché, Les invasions barbares, 1953 (102003)
  • Die Schweiz zwischen Antike und MA, hg. von A. Furger, 1996
  • R. Kaiser, Churrätien im frühen MA, 1998 (22008, überarbeitete und erweiterte Aufl.)
  • The Cambridge Ancient History 14, 2000
  • R. Marti, Zwischen Römerzeit und MA, 2 Bde., 2000
  • C. Azzara, Le invasioni barbariche, 2001 (22003)
  • SPM 5-6
  • De l'Antiquité tardive au haut Moyen Age (300-800), hg. von R. Windler, M. Fuchs, 2002
  • W. Pohl, Die Völkerwanderung, 2002 (22005)
  • Die Völkerwanderung, hg. von M. Knaut, D. Quast, 2005
  • A. Barbero, Barbari: immigrati, profughi, deportati nell'impero romano, 2006
  • I Longobardi, hg. von G.P. Brogiolo, A. Chavarría Arnau, 2007
  • Roma e i barbari, Ausstellungskat. Venedig, 2008
Weblinks

Zitiervorschlag

Lucie Steiner: "Völkerwanderung", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.04.2015, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017148/2015-04-15/, konsultiert am 13.06.2024.