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Disputationen

Disputationen, eigentlich akademische Streitgespräche zwischen zwei Kontrahenten, bildeten in der Reformation seit Martin Luthers Auftritt in Leipzig (1519) das bevorzugte Mittel, die neue Lehre zu verbreiten. Sie bezweckten, die Gegner von der Notwendigkeit der Kirchenreform zu überzeugen. In der Schweiz fanden Disputationen vor allem auf Betreiben Huldrych Zwinglis oft im städtischen Rahmen und unter Mitwirkung der weltlichen Behörden statt.

Titelseite der Berner Disputationsakten von 1527, gedruckt 1528 bei Christoph Froschauer in Zürich (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara).
Titelseite der Berner Disputationsakten von 1527, gedruckt 1528 bei Christoph Froschauer in Zürich (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Alte Drucke und Rara).

Als Vorbild dienten die beiden Zürcher Disputationen (29. Januar und 26. Oktober 1523). Sie gründeten auf dem Einvernehmen zwischen Zwingli und den Behörden und markierten den Beginn der Zusammenarbeit von Kirche und Staat. Ihr eigentlicher Zweck war die Beendigung der Auseinandersetzungen, welche die reformierten Predigten ausgelöst hatten, und die Überprüfung der Bibeltreue des römischen Kultus. Gegen den Widerstand des Bischofs von Konstanz wurde in Zürich darauf die Reformation beschlossen und die Messe abgeschafft (1525). In Graubünden fielen Bauernaufstände mit der Absicht einiger Priester zusammen, sich der Reformation anzuschliessen. Johannes Comander unterbreitete den Behörden achtzehn Thesen, worauf in Ilanz eine Disputation stattfand (8.-9. Januar 1526), die eher zugunsten der Katholiken ausging. Kurz darauf erklärte die Tagsatzung von Chur die Schrift zur alleinigen Richtschnur, behielt aber Messe und Heiligenverehrung bei.

Auf Antrag der katholischen Orte wurde auch in Baden an der eidgenössischen Tagsatzung eine Disputation abgehalten (21. Mai-8. Juni 1526), um die Reformation in Zürich rückgängig zu machen. Wortführer der katholischen Partei war Johannes Eck, der die Unterstützung des Bischofs von Konstanz genoss; weil Zwingli seine Teilnahme verweigert hatte, trat Johannes Oekolampad als Gegenspieler auf. Wie sich zeigte, war die reformierte Theologie vor allem in Bezug auf das Verhältnis von Schrift und Tradition nicht gefestigt. Zwar ging die katholische Partei siegreich hervor, doch hatte die Disputation unter anderem zur Folge, dass Basel und Bern der Reformation fortan günstiger gestimmt waren. Die Berner Disputation (6.-26. Januar 1528) setzte der religionspolitischen Isolation Zürichs ein Ende. Die meisten Katholiken hatten ihre Teilnahme verweigert; die reformierten Disputanden Zwingli, Berchtold Haller, Martin Bucer und Wolfgang Capito hatten keine ebenbürtigen Gegner und trugen einen leichten Sieg davon, worauf der Rat von Bern die Reformation einführte.

In Genf führte die Rückkehr Guillaume Farels im Frühjahr 1535 dazu, dass Jacques Bernard, ein zum neuen Glauben übergetretener Franziskaner, dem Magistrat fünf Thesen vorlegte. Der Kleine Rat und der Rat der Zweihundert gaben seinem Gesuch statt, verhielten sich aber neutral, doch die Disputation (30. Mai-24. Juni 1535) wurde von den Katholiken boykottiert. Daraufhin gaben die Räte den reformierten Forderungen teilweise nach und führten die Reformation per 21. Mai 1536 ein. Nach der Eroberung der katholisch gebliebenen Waadt berief Bern in Lausanne eine Disputation ein (1.-8. Oktober 1536). Zwar waren die Katholiken zahlreich vertreten, doch kaum aktiv. Die Protestanten gewannen unter der Führung von Farel und Pierre Viret rasch die Oberhand. Obgleich nur vereinzelte Katholiken den Thesen Farels zugestimmt hatten, riefen die Behörden den Beitritt der Waadt zur Reformation aus.

Die reformatorischen Ideen hatten auch in den ennetbirgischen Vogteien Fuss gefasst. Der katholische Landvogt von Locarno ordnete eine Disputation an (5. August 1549), auf der Giovanni Beccaria und Taddeo Duno den neuen Glauben vertraten. Die katholischen Behörden verfügten darauf die Ausweisung der Protestanten. An anderen Orten konnten die geplanten Disputationen nicht stattfinden: so in Appenzell (7. Juli und 26. Dezember 1524), Basel (1525, 1529) und Solothurn (1529). Die Reformation wurde auch in anderen Gegenden Europas, namentlich in den süddeutschen Reichsstädten und den baltischen Ländern, nach der Durchführung von Disputationen angenommen.

Quellen und Literatur

  • B. Moeller, «Zwinglis Disputationen», in ZRG 87, 1970, 275-324; 91, 1974, 213-364
  • La Dispute de Lausanne (1536), hg. von E. Junod, 1988
  • T. Fuchs, Konfession und Gespräch, 1995
  • I. Backus, Das Prinzip "sola scriptura" und die Kirchenväter in den Disputationen von Baden (1526) und Bern (1528), 1997 (engl. 1993)
Weblinks

Zitiervorschlag

Irena Backus: "Disputationen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.01.2006, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017172/2006-01-23/, konsultiert am 19.05.2022.