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Chenaux-Handel

Von 1780 bis 1784 erlebte der Stadtstaat Freiburg aus wirtschaftlichen, politischen und religiösen Gründen eine Zeit der Unruhen. Das spektakulärste Ereignis dieser Phase war der Chenaux-Handel von 1781, auch Chenaux-Revolution genannt. Der Kopf des Aufstands war wahrscheinlich der Anwalt Jean Nicolas André Castella, einer seiner Anführer Jean-Pierre Raccaud, aber die Revolte erhielt ihren Namen von Pierre-Nicolas Chenaux. Am 29. April 1781 plante Chenaux mit einer kleinen Gruppe im Gasthof «L'Epée couronnée» in Bulle einen Putsch, bei dem ein paar Männer, angeführt von Offizieren und Unteroffizieren, Freiburg im Handstreich einnehmen sollten. Das vorgesehene Datum war zunächst der Johannes-Tag (24. Juni), dann der Jahrmarkt vom 3. Mai. Doch die Regierung, beunruhigt durch den Aufruhr von 1780 im Sensebezirk und den Vorfall mit Peter Binno, war auf der Hut. Sie hatte von Chenaux' Plan Wind bekommen und ordnete diskret seine Verhaftung an. Doch Chenaux entkam dieser, da er in der Stadt gute Kontakte hatte. Als Freiburg am 1. Mai ein Kopfgeld auf ihn ausschrieb, ergriff er die Initiative: Er mobilisierte das Volk und rückte am 2. Mai gegen die Hauptstadt vor. Diese schloss die Tore und verhandelte. Die Belagerer nutzten die Zeit und riefen 2000-3000 Landleute zusammen. Die Belagerten aber gerieten in Panik und suchten in Bern um Hilfe nach. Da die Berner Obrigkeit befürchtete, der Freiburger Aufstand könnte in ihren welschen Landvogteien Nachahmer finden, schickte sie der Nachbarstadt sofort Truppen. Am 4. Mai brachte der Waadtländer Benjamin Louis Monod de Froideville, ehemaliger Offizier im preussischen Solddienst, mehrere Hundert Aufständische zur Kapitulation, ohne dass Blut floss. Chenaux zog sich in einen Wald zurück. In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai wurde er von einem Gefolgsmann, der es auf das hohe Kopfgeld abgesehen hatte, gestellt und im Zweikampf getötet. Seine Leiche wurde in die Stadt gebracht und dort öffentlich geköpft und gevierteilt. Bald schon pilgerte das Volk zu seinem Grab und flehte den «heiligen Nicolas Chenaux, Märtyrer der Freiheit», um Fürbitte an. Diese spontane Kanonisierung wurde von der Kirche scharf kritisiert und verurteilt. Die Beharrlichkeit der Regierung und die Repression – die flüchtigen Anführer wurden mit schweren Strafen belegt – zahlten sich aus. Chenaux geriet offenbar in Vergessenheit. Dennoch schlug die Freiburger Obrigkeit auf politischer Ebene den Weg des Ausgleichs ein, wozu ihr die eidgenössischen Orte Bern, Luzern und Solothurn rieten: Die Pfarreien und Gemeinden wurden eingeladen, ihre Klagen und Begehren schriftlich einzureichen. Von jenen eingegangenen aus der Alten Landschaft stellte keine einzige das regierende Patriziat in Frage, doch verlangten mehrere Steuererleichterungen und die Wiedereinführung der kurz zuvor abgeschafften religiösen Feiertage und Prozessionen. Die Bürgerschaft der Hauptstadt dagegen signalisierte durch geschicktes und nachdrückliches Vorgehen, dass sie Anteil an der Macht der regimentsfähigen Familien haben wollte. Der Konflikt spitzte sich zu und gipfelte 1783 in der Verbannung der wichtigsten Regimekritiker, die somit den entkommenen Aufständischen von 1781 ins Ausland folgten. Die einen wie die anderen begrüssten 1789 die Französische Revolution (Club helvétique) und kehrten 1798 in die Heimat zurück.

Quellen und Literatur

  • Hugger, Paul: Sozialrebellen und Rechtsbrecher in der Schweiz. Eine historisch-volkskundliche Studie, 1976.
  • Andrey, Georges: «Recherches sur la littérature politique relative aux troubles de Fribourg durant les années 1780. Imprimeurs de Genève et Carouge au service des proscrits fribourgeois (1781-1790)», in: Candaux, Jean-Daniel; Lescaze, Bernard (Hg.): Cinq siècles d'imprimerie genevoise. Actes du Colloque international sur l'histoire de l'imprimerie et du livre à Genève, 27-30 avril 1978, Bd 2, 1981, S. 115-156.
  • Neuenschwander, Marc: «Solidaires et complices. Les gouvernements de Genève et de Fribourg à la poursuite des séditieux. Imprimeurs de Genève et Carouge au service des proscrits fribourgeois (1781-1790)», in: Candaux, Jean-Daniel; Lescaze, Bernard (Hg.): Cinq siècles d'imprimerie genevoise. Actes du Colloque international sur l'histoire de l'imprimerie et du livre à Genève, 27-30 avril 1978, Bd. 2, 1981, S. 157-184.
  • AndreyGeorges: «La Révolution Chenaux et ses historiens. Deux siècles de controverse», in: Annales fribourgeoises, 60, 1992/1993, S. 57-70.
  • Michaud, Marius: «L'après-Chenaux. Les troubles en ville de Fribourg», in: Annales fribourgeoises60, 1992/1993, S. 7-56.
  • Würgler, Andreas: Unruhen und Öffentlichkeit. Städtische und ländliche Protestbewegungen im 18. Jahrhundert, 1995.
Von der Redaktion ergänzt
  • Kurschat, Serge: Pierre-Nicolas Chenaux. Le révolté gruérien, 2017.

Zitiervorschlag

Andrey, Georges: "Chenaux-Handel", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 29.08.2005, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017210/2005-08-29/, konsultiert am 22.01.2021.