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Vatikanische Konzile

Als Vatikanische Konzile werden die im Vatikan abgehaltenen Zusammenkünfte der Bischöfe und Würdenträger der katholischen Kirche bezeichnet. Das Erste Vatikanum, das 20. der sogenannten ökumenischen Konzilien, fand von 1869-1870 statt, das Zweite Vatikanum 1962-1965.

Das Erste Vatikanische Konzil

Während des Pontifikats von Papst Pius IX. tauchte wiederholt der Gedanke auf, ein Konzil einzuberufen, das schützende Dämme gegen glaubensgefährdende Ideologien errichten sollte. 1869 traf sich der Weltepiskopat in Rom zur Diskussion von 20 Vorlagen, die von fünf vorbereitenden Kommissionen, denen kein Schweizer Theologe angehört hatte, erarbeitet worden waren.

"Das ökumenische Konzil". Lithografierte Karikatur, die am 17. September 1868 anlässlich der Ankündigung der Einberufung des Ersten Vatikanischen Konzils in der Mailänder Satirezeitschrift Lo Spirito Folletto erschienen ist (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
"Das ökumenische Konzil". Lithografierte Karikatur, die am 17. September 1868 anlässlich der Ankündigung der Einberufung des Ersten Vatikanischen Konzils in der Mailänder Satirezeitschrift Lo Spirito Folletto erschienen ist (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Philipp Anton von Segesser, katholischer Vordenker aus Luzern, verstand das Erste Vatikanum als Anstoss zur Kirchenreform im Hinblick auf die Überwindung der konfessionellen Spaltung. Er warnte vor neuen Dogmen, die weitere Hindernisse aufbauen könnten. Das katholische Kirchenvolk stand dem Konzil relativ gleichgültig gegenüber. Doch in der öffentlichen Meinung gewann bald die Auffassung Oberhand, das Konzil sei nur einberufen worden, um die Unfehlbarkeit des Papstes zu proklamieren und dessen Prärogativen zu festigen. Der Bundesrat wehrte alle Versuche vonseiten staatskirchlich gesinnter katholischer Radikaler ab, Vorbeugemassnahmen gegenüber den konziliaren Beschlüssen durchzusetzen.

In der Konzilsaula zeichnete sich eine Spaltung der Bischöfe ab: Eine den Ausbau des päpstlichen Primats favorisierende Mehrheit stand einer Minderheit gegenüber, die eine Öffnung zur Welt befürwortete. Unter den Schweizer Bischöfen gehörten Joseph Franz Xaver de Preux von Sitten und besonders Gaspard Mermillod, apostolischer Vikar von Genf, zur Mehrheit, auch der gemässigte Eugène Lachat von Basel. Carl Johann Greith von St. Gallen hielt sich als angesehener Sprecher der oppositionellen Minderheit zurück. Die Verkündigung der vatikanischen Beschlüsse 1870, namentlich die Unfehlbarkeit des Papstes und dessen Jurisdiktionsprimat, rief in der Schweiz vorerst keine besondere theologisch profilierte Gegenbewegung hervor, obwohl einzelne Vertreter des Klerus in St. Gallen und Basel gegenüber den neuen römischen Dogmen opponierten. Im aufflammenden Kulturkampf und in der Entstehung der christkatholischen Kirche können jedoch gravierende Spätfolgen des Ersten Vatikanums gesehen werden.

Das Zweite Vatikanische Konzil

Kardinal Charles Journet zwischen Abbé Pierre Mamie und Pater Georges Cottier bei der Ankunft im Vatikan für die letzte Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 © Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Sammlung CIRIC.
Kardinal Charles Journet zwischen Abbé Pierre Mamie und Pater Georges Cottier bei der Ankunft im Vatikan für die letzte Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 © Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Sammlung CIRIC.

Die 1959 erfolgte Ankündigung des Zweiten Vatikanums durch Papst Johannes XXIII. fand in der Schweiz eine positive, in katholischen Kreisen teilweise euphorische Aufnahme. Die Schweizer Bischöfe und Äbte jedoch traten ― zum Teil wegen ihres hohen Alters ― weder vor noch während des Konzils besonders in Erscheinung. Hingegen haben Schweizer Theologen an der Ausarbeitung wichtiger Dokumente mitgewirkt, so Johannes Feiner, Anton Hänggi, Benno Gut, Fernand Boillat, Charles Journet und Hans Küng, ebenso die als Beobachter eingeladenen Vertreter anderer Konfessionen wie zum Beispiel der reformierte Lukas Vischer. In vier Sitzungsperioden verabschiedete das Konzil von 1962-1965 zahlreiche Beschlüsse. Die liturgischen Reformen (z.B. die Zulassung der Muttersprache), das Ökumenismus-Dekret, das neu gefasste kirchliche Selbstverständnis gegenüber der modernen Welt sowie die Erklärung zur Religionsfreiheit berührten das kirchliche Leben unmittelbar. Die Öffnung, die das Konzil brachte, förderte die gesellschaftlich-kulturelle Integration der Katholiken in der Schweiz, führte zu einer Neupositionierung der katholischen Kirche (Synode 72) und intensivierte die Zusammenarbeit der Konfessionen (Ökumene). Ein gewisser Pragmatismus hatte bereits ab Ende der 1930er Jahre die Stossrichtung des Konzils vorweggenommen.

Wie beim Ersten Vatikanum traten Polarisierungen erst nach dem Konzil zutage, was sich auch in den neu entstandenen Bewegungen Una Voce, Pro Ecclesia et Pontifice und derjenigen Marcel Lefebvres äusserte (Integralismus). Die vom Konzil unterschätzte Glaubens- und Kirchenkrise am Ende des 20. Jahrhunderts im Kontext der Säkularisierung gab zusätzlich Anlass zu nachkonziliaren Spannungen.

Quellen und Literatur

Erstes Vatikanisches Konzil
  • V. Conzemius, «Der schweiz. Bundesrat und das erste Vatikan. Konzil», in SZG 15, 1965, 204-227
  • P. Stadler, Der Kulturkampf in der Schweiz, 1984 (21996)
  • K. Schatz, Vaticanum I, 3 Bde., 1992-94
  • P. Christophe, Le Concile Vatican I, 2000
  • J. Köhn, Beobachter des Vaticanum I, 2000
Zweites Vatikanisches Konzil
  • V. Conzemius, «La presse suisse et les interventions de Paul VI», in Paolo VI e i problemi ecclesiologici al Concilio, 1989, 530-544
  • O.H. Pesch, Das Zweite Vatikan. Konzil, 1993
  • G. Alberigo, Storia del Concilio Vaticano II, 5 Bde., 1995-2000
  • V. Conzemius, «Die Schweizer Kirche und das Zweite Vatikan. Konzil.», in Der Beitrag der deutschsprachigen und osteurop. Länder zum Zweiten Vatikan. Konzil., hg. von K. Wittstadt, 1996, 87-108
  • M. Ries, «Die Schweiz», in Kirche und Katholizismus seit 1945, hg. von E. Gatz, 1, 1998, 333-356
  • Die Rezeption des II. Vaticanums durch Schweizer Theologen, hg. von G. Bedouelle, M. Delgado, 2011
Weblinks

Zitiervorschlag

Victor Conzemius: "Vatikanische Konzile", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.01.2014. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017243/2014-01-15/, konsultiert am 02.07.2022.