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Sozialdarwinismus

S. meint eine in den 1870er Jahren entstandene Lehre, der zufolge jede Gemeinschaft nach denselben natürl. Gesetzen funktioniert, wie sie von Charles Darwin in seiner Evolutionslehre beschrieben wurden. Demnach setzen sich auch in der menschl. Gesellschaft im Laufe der Geschichte die Tüchtigen gegenüber den weniger Tüchtigen durch. Im Überlebenskampf überlebt auch hier, getreu Darwins "Survival of the Fittest", nur der Stärkste. Dieser Gedanke findet sich ausgeweitet im Wettstreit zwischen den Nationalstaaten wieder. Dass im Überlebenskampf der Nationen letztlich die mächtigen Nationen obsiegen würden, diente dem Imperialismus (Kolonialismus) als biologist. Legitimation.

Karikatur von Johann Friedrich Boscovits. Umschlag der Nummer 49 des Nebelspalters von 1907 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica).
Karikatur von Johann Friedrich Boscovits. Umschlag der Nummer 49 des Nebelspalters von 1907 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica). […]

Zu den dt. Protagonisten dieser Theorie, die in der Schweiz rezipiert wurden, gehörten der Naturphilosoph Ernst Haeckel und der "Rassenhygieniker" Alfred Ploetz. Der S. baute den Darwin'schen Kampf ums Dasein zu einem umfassenden sozialhygien. Programm aus, das den Untergang der sozial inferioren Untüchtigen als notwendig und gerechtfertigt betrachtete. Die Sozialdarwinisten wandten sich gegen die staatl. Unterstützung armer Bevölkerungsschichten, weil dies die natürl. Auslese verunmögliche. Zugleich forderten sie ein Fortpflanzungsverbot für sogenannte erbl. Minderwertige, damit das Volk nicht über die Generationen hinweg degeneriere (Eugenik).

Sozialdarwinist. Denken trat zu Beginn des 20. Jh. nicht nur in politisch rechtsgerichteten Kreisen auf. In der Schweiz gehörte der Sozialist Auguste Forel zu den vehementesten Vertretern des S. Er beklagte den seiner Meinung nach zu humanen Umgang mit den Schwachen und forderte die Sterilisation der minderwertigen Kreaturen. Auch der Psychiater Eugen Bleuler sah in medizin. Versorgung und Armenunterstützung einen Verstoss gegen das Darwin'sche Selektionsprinzip. Der Anthropologe Otto Schlaginhaufen beschäftigte sich während des 1. Weltkriegs mit der Frage, ob der Krieg als Züchter eher das Vorankommen der Tüchtigen fördere, indem er die Schwachen ausmerze, oder ob er im Gegenteil die Tüchtigen dezimiere, weil diese sich im Kampf besonders exponierten. Sozialdarwinist. Gedankengut vertraten auf der polit. Bühne der Arzt Eugen Bircher und Ernst Laur, der Sekr. des Schweiz. Bauernverbandes, der eine Mischung von S. und Blut-und-Boden-Ideologie propagierte. Der S. fand auch Eingang ins literar. und publizist. Schaffen, so bei Gonzague de Reynold.

Ohne explizit genannt zu werden, dienten sozialdarwinist. Denkmuster in der Schweiz im 20. Jh. als Grundlage für den von rechts geführten, rassist. Kampf gegen die sog. Überfremdung (Fremdenfeindlichkeit). Die Argumentation trug dort, wo sie sich gegen jüd. Immigranten richtete, deutl. Züge von Antisemitismus. In seinem Kern wurde der S. stets als wissenschaftlich verbrämte Waffe im Kampf gegen die Arbeiterbewegung benutzt. Später lieferte er eine der ideolog. Grundlagen für die sozialpolit. und eugen. Massnahmen im Nationalsozialismus. In den letzten Jahrzehnten tauchte sozialdarwinist. Gedankengut in den Diskussionen um die Gentechnologie (Biotechnologie) und vereinzelt unter fundamentalist. Vertretern der Ökolog. Bewegung wieder auf.

Quellen und Literatur

  • H.W. Koch, Der S., 1973
  • H.U. Jost, Die reaktionäre Avantgarde, 1992
  • Intellektuelle von rechts, hg. von A. Mattioli, 1995
  • C. Keller, Der Schädelvermesser, 1995
  • M. Vogt, S., 1997
Weblinks

Zitiervorschlag

Keller, Christoph: "Sozialdarwinismus", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.01.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017431/2012-01-04/, konsultiert am 15.05.2021.