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Svizzera italianaRegion

Der Ausdruck S. bezeichnet in geogr. Kontext das Gebiet des Kt. Tessin und die Täler Italienischbündens (Graubünden), Misox, Calanca, Bergell und Puschlav, in kulturellem Kontext die drittgrösste der vier Sprachregionen (Italienisch) der Eidgenossenschaft nach der Deutschschweiz, der Suisse romande und vor der rätorom. Schweiz. Im Deutschen wird unter dem Fremdwort S. eher das staatspolit. und identitäre Konstrukt verstanden, während der Terminus ital. Schweiz eine beschreibende Benennung der Gebiete mit mehrheitlich italienischsprachiger Bevölkerung ist. Nach der eidg. Volkszählung von 2000 zählte die ital. Schweiz 320'247 Einw., davon 266'730 Italienischsprachige gegenüber 470'961 Italienischsprachigen in der ganzen Schweiz (52,9% Schweizer, 47,1% Ausländer). Der Anteil der Italienischsprachigen an der Gesamtbevölkerung betrug 1850 5,4%, 1910 8,1%, 1941 5,2%, 1970 11,9% und 2000 6,5%. Der starke Rückgang der Italienischsprachigen seit den 1970er Jahren ist einerseits auf die sprachl. Integration der italienischsprachigen Schweizer und der Italiener der zweiten Generation an ihrem Wohnort in der Deutsch- oder Westschweiz, andererseits auf die Rückwanderung ital. Staatsbürger zurückzuführen.

Der Ausdruck S. geht auf die Zeit der acht eidg. Vogteien südlich der Alpen zurück, die auch ital. oder ennetbirg. Vogteien, schweiz. Lombardei, schweiz. Italien oder ab dem 18. Jh. ital. Schweiz genannt wurden(Ennetbirgische Vogteien). Der Freistaat der Drei Bünde, ab 1524 ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, war ein eigenständiges Gebilde mit eigener italienischsprachiger Bevölkerung, die sich neben dem Gebiet des heutigen Italienischbündens auch im Veltlin, in Chiavenna und in Bormio konzentrierte. Diese Territorien waren 1512-1797 Untertanengebiete der Drei Bünde und wurden dann der Cisalpin. Republik zugeschlagen. Erst der Beitritt der Drei Bünde zur Eidgenossenschaft als Kt. Graubünden und das Selbstständigwerden der ennetbirg. Vogteien als Kt. Tessin 1803 schufen die Voraussetzungen für die heutige territoriale Gestalt der S., doch setzte sich der Ausdruck in diesem geogr. Sinn nur zögerlich durch: Während Stefano Franscini im Anhang seines Werks "La Svizzera italiana" (1837-40) auch Italienischbünden einschloss, verstanden andere Autoren darunter nur den Kt. Tessin. Mit vielen Schwierigkeiten verbunden war auch die Herausbildung eines gemeinsamen Identitätsbewusstseins von Tessinern und Italienischbündnern, die erst im Lauf des 20. Jh. allmählich zu Formen engerer Zusammenarbeit fanden.

Durch die Zentralisierung des Zolls und die Schaffung eines nationalen Markts, in den die Alpensüdseite nur formell eingebunden war, begann der 1848 entstandene Bundesstaat, die wirtschaftl. und kulturellen Bindungen aufzulösen, welche die Bevölkerung des Tessins und Italienischbündens seit alters mit dem angrenzenden ital. Gebiet unterhalten hatten. Diese Entwicklung setzte sich fort mit dem Übergang Brusios und Poschiavos vom Bistum Como zum Bistum Chur (1870) sowie der Schaffung einer Tessiner Diözese (1884/88). Mit der Bundesverfassung von 1848, die formell die versch. Kulturen der Schweiz anerkannte und Deutsch, Französisch sowie Italienisch zu gleichberechtigten Amtssprachen erhob (Art. 109), wurde die S. auch im Nationalbewusstsein als eigener Bestandteil anerkannt. Sie war 1848-57 durch Franscini, 1857-64 durch Giovan Battista Pioda, 1911-40 durch Giuseppe Motta, 1940-50 durch Enrico Celio, 1954-59 durch Giuseppe Lepori, 1966-73 durch Nello Celio und 1986-99 durch Flavio Cotti im Bundesrat vertreten. Der Einsitz im Bundesrat wurde jedoch weder zu einem verbrieften noch zu einem Gewohnheitsrecht, weshalb die S. während langer Zeit nicht in der Landesregierung vertreten war. Der einzige offizielle Kandidat aus Italienischbünden, Ettore Tenchio, verpasste 1962 die Wahl in den Bundesrat, obwohl er Präs. der konservativ-christlichsozialen Partei (heute CVP) war.

Die Folgen der Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels 1882 im wirtschaftl. und kulturellen Bereich gaben der Diskussion über die Italianità im Tessin auch deshalb neuen Auftrieb, weil es zu Problemen bei der Integration der wachsenden schweizerdt. Kolonie kam. Schon in den 1920er Jahren war der Schutz der ital. Sprache und Kultur für die Tessiner Behörden und die Pro Grigioni Italiano (Pgi) das vorrangige Thema. Die in den Rivendicazioni ticinesi enthaltenen und von der Pgi 1924 und 1938 erhobenen wirtschaftl. und kulturellen Forderungen veranlassten die Eidgenossenschaft, Massnahmen zum Schutz der Italianità zu ergreifen. Ab 1931 verpflichteten sich die eidg. Behörden, den italienischsprachigen Gebieten Subventionen zur Unterstützung ihrer Schul- und Bildungspolitik zukommen zu lassen.

Die Herausforderung durch den Irredentismus und das Entstehen einer patriot. Abwehrfront in den 1930er Jahren, später das Klima der Geistigen Landesverteidigung liessen die Stimmen um die Gefährdung der kulturellen Integrität der S. und ihres angeblichen ethn. Zerfalls verstummen. Trotzdem wurden die eidg. Subventionen für die ital. Sprache und Kultur 1942 verfünffacht. In der unmittelbaren Nachkriegszeit herrschte in der ital. Schweiz der Eindruck vor, die S. sei, nach einem Wort Leporis von 1948, eine in kultureller Hinsicht "ethnisch bedrohte" Region und habe keine wirtschaftl. Entwicklungsperspektive. Im Tessin kamen erneut Befürchtungen auf, der Ausverkauf des Kantons aufgrund der wachsenden Zahl von Ferienwohnungen v.a. von Deutschsprachigen und die Bauspekulation könne die ethn. und religiöse Integrität der S. gefährden. Aus dieser Diskussion gingen später die Forderungen hervor, die ital. Schweiz für den Verkehr und die Entwicklung zu öffnen.

Das Radio und Fernsehen der italienschsprachigen Schweiz ist diejenige Institution, die am stärksten die S. vertritt, obwohl auch das 1991 gegr. Osservatorio linguistico della Svizzera italiana, die 1995 eröffnete Universität der italienischen Schweiz und die 1997 eingerichtete Fachhochschule der ital. Schweiz eine starke symbol. Ausstrahlung haben. 1997 ratifizierte die Eidgenossenschaft die europ. Charta der Regional- und Minderheitensprachen und stellte das Italienische damit auch unter den Schutz des Europarats. Seit Beginn des 21. Jh. ist die Identität der S. Gegenstand einer lebhaften Debatte, die v.a. vom Verein Coscienza Svizzera, einer Arbeits- und Informationsgemeinschaft für die ital. Schweiz, sowie von der Pgi geführt wird.

Quellen und Literatur

  • S. Bianconi, Lingue di frontiera, 2001
  • Esiste la S.? E oltre?, hg. von P. Parachini, 2011
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Kontext Italienische Schweiz