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Erster Mai

Tag der Arbeit

Der Erste Mai als internationaler Kampf- und Feiertag der sozialistischen Arbeiterbewegung fand in der Schweiz erstmals 1890 statt. Im Jahr zuvor hatte ein internationaler Arbeiterkongress in Paris Arbeiterorganisationen aller Länder dazu aufgerufen, am Ersten Mai für den Achtstundentag (Arbeitszeit) zu demonstrieren. Daraus entwickelten sich die jährlichen Maifeiern, deren Hauptelemente die politisch-gewerkschaftliche Demonstration und das Fest waren. Die Schweiz gehört zu den wenigen europäischen Staaten, die seit 1890 eine ungebrochene Tradition der Erste-Maifeiern aufweisen.

Maibändel, Zürich 1912 (Gretler's Panoptikum zur Sozialgeschichte, Zürich).
Maibändel, Zürich 1912 (Gretler's Panoptikum zur Sozialgeschichte, Zürich). […]

Weil Maifeiern oft während der Arbeitszeit stattfanden, hatten teilnehmende Arbeiter anfänglich Sanktionen zu gewärtigen; ab Mitte der 1890er Jahre erhielten sie aber immer häufiger einen unbezahlten Freitag, um Demonstrationen und Fest besuchen zu können. In grösseren Ortschaften bestand die klassische Maifeier aus drei Teilen: einer geordneten Demonstration der Arbeiter, die in sonntäglicher Kleidung von Musik begleitet mit Transparenten, Fahnen und Tafeln mit Forderungen aufmarschierten, ferner einer Kundgebung mit politischen Reden und gelegentlich auch Resolutionen und schliesslich einem Fest in einem Lokal, auf einem Platz oder im Wald. Die Festkultur im Mai mit ihren Brauchtumselementen und Symbolen, die von der Arbeiterschaft zum Teil übernommen wurden, schaut auf eine bis ins Mittelalter reichende Geschichte zurück.

Nach 1900 zählte man in Städten jeweils mehrere Tausend Beteiligte, der politische Aspekt gewann an Bedeutung. Der Erste Mai des Jahres 1919 – wenige Monate nach dem Landesstreik – ging in die Geschichte ein, weil ihn die Gewerkschaften zum Stichtag für die Einführung der 48-Stunden-Woche machten. Danach sank die Beteiligung, ausser in Basel, wo der Erste Mai seit 1923 Feiertag ist. Nach einem Tiefpunkt im Zweiten Weltkrieg, als im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung sogar die Parolen der Zensur unterlagen, erlebten die Maifeiern einen Wiederaufschwung. Im Kalten Krieg wandelten sie sich zunehmend zu unpolitischen Ritualen, an denen auch Trachtengruppen, bürgerliche Musikvereine und Ehrendamen teilnahmen. Ab Mitte der 1960er Jahre wurden die Feiern zunehmend von Fremdarbeitern und Mitgliedern neuer sozialer Bewegungen besucht. Das Erscheinungsbild wurde multikulturell, die Forderungen international. Die Beteiligung schwankte je nach der Aktualität der Themen. Ab 1964 erklärten einige weitere Kantone den Ersten Mai zum Feiertag.

Quellen und Literatur

  • M. Vuilleumier, «Switzerland», in The Memory of May Day, hg. von A. Panaccione, 1989, 369-381
  • Vorwärts – und nicht vergessen, hg. von R. Gretler, 1990
  • B. Degen, «Les mutations sociales, politiques et culturelles de la fête du premier mai en Suisse», in Fourmies et les premier mai, 1994, 383-401
  • U. Anderegg, Der 1. Mai in der Schweiz, 2008