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Ehre

E. spielt als verhaltensleitender Code und als komplexes kommunikatives Regelsystem bis heute eine zentrale Rolle, ist aber besonders bedeutsam für die vormoderne Gesellschaft. E. wird in der neueren Geschichtswissenschaft nicht mehr als moral. Konzept oder als vorab persönl. Qualität verstanden, sondern als soziales Medium, das Interaktion und Kommunikation zwischen Personen bestimmt (Geschlechtergeschichte). Die E. kann nicht allgemein gültig definiert werden, denn ihre unterschiedl. Formen und Funktionen sind von Zeit, kulturellem Kontext und Sozialgruppe abhängig und für beide Geschlechter verschieden ausgeformt (Geschlechterrollen).

Als äusserst instabiles, leicht verletzl. und lebenswichtiges Gut musste E. vor Beschädigung geschützt, verteidigt und wiederhergestellt werden. Ein Angriff auf die E. galt als Herausforderung, die eine Gegenreaktion provozierte. E. wurde damit zu einem zentralen Medium für die Austragung von Konflikten von der individuellen und privaten bis hinauf zur offiziellen und staatl. Ebene. Ehrverlust war gleichbedeutend mit Schande, die in der Folge nicht nur auf die fehlbare Person zurückfiel, sondern die E. der Familie, der Verwandtschaft oder des gesamten Standes traf (Ständische Gesellschaft). Ausschluss aus dem Kollektiv sowie Isolation und Verlust der sozialen und wirtschaftl. Beziehungen waren die weiteren Folgen, wenn es nicht gelang, die beschädigte E. wiederherzustellen. Eine Lösung konnte zwischen den direkt Beteiligten oder durch Vermittlung Dritter gefunden werden: durch öffentl. Zurücknahme der ehrverletzenden Worte, gewaltsames Vorgehen gegen den Beleidiger (Fehde), Duellforderung (Duell) oder Gerichtsentscheid.

Durch Gesten, Schimpfwörter und andere beleidigende Handlungen, die auf die moral., soziale und sexuelle Integrität des Gegenübers abzielten, liess sich dessen E. beschädigen. Während z.B. das Schimpfwort Hure die körperbezogene, weibl. E. zentral angriff und sexuelles Fehlverhalten implizierte, traf Dieb oder Schelm die männl., status- und gruppenbezogene E. und sprach dem Betreffenden Vertrauenswürdigkeit und Integrität ab. Eine Ausnahme bildet der Ausdruck Kuhgehyer, mit dem die Schwaben im 15. und 16. Jh. eidg. Männern sodomit. Praktiken unterstellten.

Ab dem 13. Jh. wurde zwischen "innerer" und "äusserer" E. unterschieden. Persönl. Ehrgefühl und standesspezif. Ehransprüche manifestierten sich in den Formen von Repräsentation und Ehrerbietung. Als soziales Regulativ bildete E. das Kernstück höf.-ritterl. Lebensweise, beschränkte sich aber nicht auf adlige Eliten (Adel). Auch Bürger, Bauern und Angehörige von Randgruppen besassen ihre standes- oder gruppenspezif. E., sei es als Mitglieder des Rats, einer Zunft, als Stadtbürger, Vertreter eines eidg. Orts oder der gesamten Eidgenossenschaft.

Der Verrat von Novara vom 10. April 1500, dargestellt 1513 vom Zeichner der Luzerner Chronik von Diebold Schilling (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).
Der Verrat von Novara vom 10. April 1500, dargestellt 1513 vom Zeichner der Luzerner Chronik von Diebold Schilling (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern). […]

In der frühen Neuzeit bildeten öffentlich vollzogene Ehrenstrafen einen wesentl. Bestandteil der obrigkeitl. Bemühungen um Kontrolle und Disziplinierung anhand des Gegensatzes E. und Schande. Die frühneuzeitl. Rechtsprechung kannte ein breites Spektrum an Ehrstrafen (Strafrecht), die Delinquentinnen und Delinquenten der öffentl. Schande preisgeben sollten (Schellenwerk). Auf der polit. Ebene erfolgte der Verlust der nationalen E. durch Verrat am Soldherrn bzw. an den Bundesgenossen. Die nationale E. der Eidgenossenschaft, die ab dem Ende des 15. Jh. auf ihren krieger. Ruhmestaten gründete, wandelte sich durch den sog. Verrat von Novara von 1500 (Schlachten bei Novara) zur nationalen Schande. Die zunehmende Kritik am Soldwesen wurde fortan zu einem Kristallisationspunkt im Diskurs über die divergierenden polit. Interessen der einzelnen Orte und damit über die gesamteidg. E.

Eine grundsätzlich neue Vorstellung von nationaler und eidg. E. sowie von E. als Selbstachtung des Individuums bildete sich erst in der Aufklärung, insbesondere im Helvetismus, heraus. Für die Konstruktion einer schweiz. Nationalehre wurde die Tatsache zum Problem, dass nur Bern und die Innerschweiz 1798 gegen die franz. Invasion Widerstand geleistet hatten. Im 19. Jh. zeichnete sich die Verlagerung von korporativen Sonderehren auf die Nation und das bürgerl. Individuum ab. Daneben existierten in residualen Bereichen Sonderehren des Patriziates, der Studenten, Handwerker, Arbeiter und des Militärs weiter.

Quellen und Literatur

  • P. Henry, Crime, justice et société dans la Principauté de Neuchâtel au XVIIIe siècle, 1984
  • L. Faggion, «Points d'honneur, poings d'honneur», in Revue du vieux Genève, 19, 1989, 15-25
  • M. Bösiger, Der Ehrbegriff im schweiz. Strafrecht, 1990
  • S. Burghartz, Leib, E. und Gut, 1990
  • L'honneur, hg. von M. Gautheron, 1991
  • U. Frevert, Ehrenmänner, 1991
  • E. Wechsler, E. und Politik. Ein Beitrag zur Erfassung polit. Verhaltensweisen in der Eidgenossenschaft 1440-1500 unter hist.-anthropolog. Aspekten, 1991
  • A. Schnyder-Burghartz, Alltag und Lebensformen auf der Basler Landschaft um 1700, 1992
  • Verletzte E., hg. von K. Schreiner, G. Schwerhoff, 1995
  • K. Simon-Muscheid, «"Schweizergelb" und "Judasfarbe"», in ZHF 22, 1995, 317-343