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Reichtum

Der so bedeutungsreiche wie unscharfe Begriff R. ist von demjenigen des Eigentums als einer Rechtsbeziehung zu differenzieren und hängt semantisch mit dem Begriff Armut zusammen. Armut wie R. spiegeln den Grad der Teilhabe an materiellen Ressourcen in gesellschaftl. Kontexten sowie ihre Relation zueinander wider. R. ist demnach ein relationaler und qualitativer Begriff; sein Verständnis ist abhängig von kulturellen wie hist. Kontexten und keinesfalls allein quantifizierend auf die ökonom. Verhältnisse zu beziehen (Vermögen). Eine allgemein anerkannte Definition oder Theorie von R. steht noch aus.

Zwei illuminierte Seiten aus dem altfranzösischen Poème moral von Raoul Bollart. Manuskript aus dem beginnenden 16. Jahrhundert (Bibliothèque de Genève).
Zwei illuminierte Seiten aus dem altfranzösischen Poème moral von Raoul Bollart. Manuskript aus dem beginnenden 16. Jahrhundert (Bibliothèque de Genève). […]

Für Aristoteles ist R. qualitativ beschränkter R., der dem guten Leben zu dienen hat. R. als Selbstzweck lehnten Aristoteles und Platon als Gefahr für den sittl. Organismus des Staates ab. Neben solchen krit. Stellungnahmen kennt die klass.-griech. Tradition offensive Rechtfertigungen des R.s und der Reichen. Solch eine ambivalente Sicht des R.s findet sich auch in den bibl. Schriften. Zunächst konnte R. in der hebräischen Bibel positiv als Segen Gottes verstanden werden. Als in Israel sozioökonom. Transformationsprozesse zu einer Konzentration von R. und zu wirtschaftl. Abhängigkeitsverhältnissen führten, formulierten ab dem 8. Jh. v.Chr. zahlreiche Propheten radikale Kritik an den mächtigen "Reichen" und forderten die Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Diese Perspektive spielt auch im Neuen Testament und im frühen Christentum eine wichtige Rolle. Die frühchristlichen bibl. Schriften zeigen vor dem Hintergrund einer akuten Reich-Gottes-Erwartung eine Auseinandersetzung mit dem R. als einer Macht, die den Menschen in seiner Gottesbeziehung behindert. Die jüd. und frühchristl. Analyse der destruktiven Macht der Geldwirtschaft gehört in den Kontext der griech.-röm. Kritik an derselben, die nicht religiös aufgeladen war. In der dominanten westl. Auslegungstradition vollzog sich im Zuge der schwindenden eschatolog. Naherwartung und einer sich ausdifferenzierenden sozialen Zusammensetzung der Gem. schon früh eine Entschärfung der radikalen Reichtumskritik. Vielfältige Legitimationsstrategien bemühten sich wirksam um den Nachweis der Kompatibilität von - richtig eingesetztem - R. und christl. Existenz und marginalisierten reichtumskritische theol. Traditionen. Der kompromisslosen Reichtumskritik (Bettelorden) wurde im MA zudem das erfolgreiche Modell der Wechselbeziehung zwischen Armen und Reichen entgegengestellt, das eine religiöse Arbeitsteilung im Modus von Almosen und Fürbitte und somit einen heilsökonom. Tausch vorsah. R. bekam insofern eine eminent religiöse Bedeutung, da Almosen und Stiftungen einen Sünden tilgenden Charakter besassen (Fürsorge). Diese religiöse Praxis führte schon in merowing.-karoling. Zeit zu Besitzverschiebungen.

In der Reformation des 16. Jh. betonte Martin Luther einerseits die Irrelevanz des materiellen Besitzes für die Gottesbeziehung und andererseits die soziale Verpflichtung der Besitzenden. Eine grundsätzl. Verwerfung des R.s oder die Forderung nach Besitzlosigkeit vertraten weder er noch Johannes Calvin. Calvin warnte einerseits vor Gütergemeinschaft als Gefahr für die öffentl. Ordnung, andererseits begrenzte die Forderung der Nächstenliebe das Eigentumsrecht und erklärte den Besitz als Geschenk der göttl. Gnade. Dieser theol. Reichtums- bzw. Eigentumsbegriff limitierte auch die obrigkeitl. Gewalt über den Besitz der Untertanen. Calvin stand Gewinn positiv gegenüber, war sich jedoch der mit Geld und R. verbundenen Gefahren bewusst und forderte einen Schutz der Armen vor der Ausbeutung durch Wucherer und Mächtige (Calvinismus). Gegen die Kapitalismusthesen von Max Weber ist einzuwenden, dass sich prot. Ethiken nicht durch besondere Hochschätzung des R.s oder gar des Kapitalismus auszeichnen.

Seit dem 17. Jh. traten naturrechtl. Begründungen des R.s und des Eigentums in den Vordergrund. Zentrale Bedeutung gewannen John Lockes Thesen vom Zusammenhang von Arbeit und R. In der Aufklärung wurde die Verbindung von Eigentum und Freiheit entscheidend. Der schweizerische theol. Aufklärer Georg Joachim Zollikofer beispielsweise verstand - wie andere Zeitgenossen auch - die Differenzen von Ständen, Macht und Reichtum als in der menschl. Natur begründet. Die Bewertung des R.s orientierte sich sowohl an der Gesinnung des Besitzenden wie auch an seiner Verwendung als Kapital für die Verwirklichung barmherziger Werke. Im Zuge der wirtschaftl. und sozialen Umbrüche des 19. Jh. verlor diese Sicht schliesslich an Plausibilität. Zusehends erkannte man R. als gesellschaftl. und polit. Macht. In der Schweiz waren es v.a. die Vertreter des Religiösen Sozialismus (Sozialismus), die sich - ausgehend von einer sozial und politisch perspektivierten Reich-Gottes-Theologie - im frühen 20. Jh. im Kontext einer radikalen Gesellschafts- und Wirtschaftskritik gegen den als "Mammonismus" verworfenen Kapitalismus wandten. In der kath. Kirche erlebte im 19. Jh. die Eigentumslehre des Thomas von Aquin eine Renaissance. Die Enzyklika "Rerum novarum" (1891) begriff die sozialen Verhältnisse als unveränderl. Naturtatsachen, die aus Selbstzweck existieren. Eine entscheidende Wendung brachte das 2. Vatikan. Konzil (1962-65), in dessen Folge eine theol.-ethische "Option für die Armen" formuliert und R. hinsichtlich seines Nutzens oder Schadens im Sinne der sozialen Gerechtigkeit beurteilt wurde.

Die in Liberalismus und Marxismus zentrale Stellung des Eigentumsbegriffs griffen die sozialethischen Debatten nach 1945 auf, weshalb der Begriff R. bis in die 1990er Jahre zugunsten des Eigentums zurücktrat (z.B. bei Emil Brunner und Arthur Rich) und die Frage nach Gerechtigkeit sozial- und pflichtenethisch an Bedeutung gewann. In der neuesten Diskussion werden die Wirtschaft als gesellschaftl. Subsystem sowie die Fragen von Armut und R. Gegenstand wirtschaftsethischer Fragestellungen. In der gegenwärtigen Schweiz ist der R. einseitig verteilt.

Quellen und Literatur

  • M. Hengel, Eigentum und R. in der frühen Kirche, 1973
  • Y. Citton, «La richesse est un crime. (Im)moralité de l'accumulation de John Locke à Isabelle de Charrière», in Etre riche au siècle de Voltaire, hg. von J. Berchtold, M. Porret, 1996, 47-65
  • C. Walker, «Les pratiques de la richesse. Riches Genevois au XVIIIe siècle», in Etre riche au siècle de Voltaire, hg. von J. Berchtold, M. Porret, 1996, 135-160
  • Theorien des R.s, hg. von E.-U. Huster, F.R. Volz, 2002
  • U. Mäder, E. Streuli, R. in der Schweiz, 2002
  • Enz. der Neuzeit 10, 2009, 963-970
  • R. und Armut in den schweiz. Republiken des 18. Jh., hg. von A. Holenstein et al., 2010