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Tscharner

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch bestehende Bündner und Berner Familie. In Graubünden brachten es die Churer Tscharner zu grossem Ansehen.

Bündner Zweig

Der ursprünglich aus dem Domleschg stammenden Familie gehörten sowohl freie Bauern als auch Leibeigene an. Im 16. Jahrhundert stieg sie zu einem führenden Ratsherrengeschlecht in der Stadt Chur auf. Während 1471 Matthäus und Wilhelm als Inhaber von Mühlen und 1472 Martin, Diebold und Jakob Wilhelm als freie Bauern in Feldis erwähnt werden, unterstand daselbst 1501 Wilhelm als leibeigener Bauer dem Grafen Jörg von Werdenberg-Sargans. Zwischen 1471 und 1483 werden Symon, Caspar und Peter als Churer Bürger erwähnt. Symon war vermutlich der Vater des Luzius (ca. 1481-1562), der um 1500 in Wien studierte, 1529 Ratsherr und 1530 Säckelmeister in Chur war und kurz darauf nach Bern übersiedelte, wo er die Berner Linie begründete.

Aus Luzius' erster Ehe stammt Hans (->), der zu den höchsten politischen Ämtern der Stadt Chur aufstieg. Von seinen drei Söhnen war Simeon 1575 Hauptmann auf der Fürstenburg und 1576 bischöflicher Hofmeister, Hans Oberst und Churer Seckelmeister und Johann Baptista Stadtschreiber und häufiger Gesandter der Drei Bünde, unter anderem nach Venedig, Mailand und Paris. Ein Sohn des Letzteren, Johann (->), leitete die Stadt Chur nach den Bündner Wirren. Auch seine Nachfahren gleichen Namens, Johann Baptista (->) und Johann Baptista (->) bekleideten höchste Ämter. Eine hervorragende Gestalt war Johann Baptista (->), der sich gegen Ende des Ancien Régime zum Kreise der Patrioten bekannte und für umfassende Reformen im Dreibündestaat eintrat. Ab dem 18. Jahrhundert kamen die Tscharner häufig vom Säckelmeisteramt in die höchsten Ämter der Stadt und des Bundes und wurden durch den Speditionshandel und den fremden Kriegsdienst vermögende Grundbesitzer. In dieser Tradition standen diverse Vertreter des 19. Jahrhunderts wie Johann Baptista (->), Johann Friedrich (->) und Peter Conradin (->), während Johann Baptista (->) 1857-1858 liberaler Ständerat war. Im 19. Jahrhundert betätigten sich zahlreiche Tscharner als Ingenieure, Architekten, Bankdirektoren oder Berufsoffiziere.

Berner Zweig

Titelseite der von Beat Rudolf Tscharner verfassten und 1765 in Bern veröffentlichten Historie der Stadt Bern (Schweizerische Nationalbibliothek).
Titelseite der von Beat Rudolf Tscharner verfassten und 1765 in Bern veröffentlichten Historie der Stadt Bern (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Die Berner Linie der Familie Tscharner, seit 1844 von Tscharner, geht auf den Churer Säckelmeister Luzius zurück. Dieser heiratete in zweiter Ehe Margaretha von Wattenwyl (1568), Tochter des Jakob, und wurde 1530 ins Berner Burgerrecht sowie in die Gesellschaft zu Pfistern aufgenommen. Bereits Luzius' Sohn David (1536-1611) gelangte 1564 in den Grossen Rat und 1583 in den Kleinen Rat. Die Tscharner gehörten zur zweiten Klasse der «edelvesten» Geschlechter und im 18. Jahrhundert zu den fünf im Grossen Rat zahlenmässig am stärksten vertretenen Familien. Sie stellten bis zum Ende des Ancien Régime sieben Kleinräte, von denen Niklaus (->), Beat Jakob (->) und Johann Rudolf (->) zum Venner und Niklaus Emanuel (->) zum Deutschsäckelmeister aufstiegen. Niklaus und Samuel (->) durchliefen militärische Karrieren. Nachdem sich schon im 18. Jahrhundert Niklaus Emanuel und Vinzenz Bernhard (->) als aufklärerischer Reformer hervorgetan hatten, brachten die Tscharner während der Regeneration mit Carl Friedrich (->) und Albrecht Friedrich (->) zwei Berner Regierungsräte hervor. Der konservative Karl Ludwig (->) wurde als Mitglied der Siebnerkommission zu einer Haftstrafe verurteilt. Ausser Reichenbach (ab 1530) besassen die Tscharner keine Herrschaften, verfügten aber ab dem 18. Jahrhundert über mehrere Landsitze, so über Brunnadern bei Bern, über das Rothaus in Bolligen sowie in Kehrsatz über den Blumenhof, den von Beat Emanuel (1753-1825) errichteten Sitz Lohn und das Schloss. Im 19. Jahrhundert kamen das von Beat Ludwig (1801-1873) neugotisch renovierte ehemalige Priorat Amsoldingen, das Schloss Rümligen sowie die Landgüter Burier in La Tour-de-Peilz und Morillon in Wabern dazu. Auf ein ehemaliges Landgut der Familie verweist auch die Berner Grossraumsiedlung Tscharnergut. In Bern liess Beat Jakob am Münsterplatz das repräsentative Tscharnerhaus errichten. Seit dem 19. Jahrhundert wandten sich die Tscharner als Juristen, Ingenieure und Mediziner bürgerlichen Berufen zu und engagierten sich allmählich auch in Handel und Industrie; vereinzelt widmeten sie sich der Kunst, so etwa der Bildhauer Karl Emanuel (->). Gleichzeitig erweiterte sich ihr Heiratskreis – im Ausland (Norwegen, USA) auf Adels- und reiche Kaufmannsfamilien und in der Schweiz zuerst auf bürgerliche Aufsteiger, dann auf breitere soziale Schichten.

Quellen und Literatur

  • BBB, FamA
  • StAGR
Bündner Zweig
  • Schweiz. Geschlechterbuch 1, 616-618; 2, 707-709; 4, 617-640; 6, 724-735; 7, 614-618
  • P.E. Grimm, Die Anfänge der Bündner Aristokratie im 15. und 16. Jh., 1981
Berner Zweig
  • Schweiz. Geschlechterbuch 1, 619-628
  • N. Lieber et al., Les Tscharner de Berne, 2003
Weblinks
Weitere Links
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Zitiervorschlag

Martin Bundi; Hans Braun: "Tscharner", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.11.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/020917/2013-11-05/, konsultiert am 28.05.2022.