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VincenzoVela

3.5.1820 Ligornetto, 3.10.1891 Ligornetto, katholisch (später Freidenker), aus Ligornetto. Bildhauer, Professor für Bildhauerei, gesellschaftlich und politisch engagierter Künstler.

Porträtfotografien von Vincenzo Vela, eine mit seinem Sohn Spartaco Vela. Von links: zwei Albuminabzüge von Conjugi Mazzocca, Turin, beide um 1863 (10,6 x 6,2 cm und 9,6 x 6,2 cm), sowie je ein Albuminabzug von einem unbekannten Fotografen, 1879 (18,5 x 13,5 cm) und von Icilio Calzolari, Mailand, 1881 (10,4 x 6,2 cm) (Museo Vincenzo Vela, Ligornetto, Inv. Ve6651, Ve6663, Ve6652 e Ve6662; Fotografien Francesco Girardi und Sergio Andreoli).
Porträtfotografien von Vincenzo Vela, eine mit seinem Sohn Spartaco Vela. Von links: zwei Albuminabzüge von Conjugi Mazzocca, Turin, beide um 1863 (10,6 x 6,2 cm und 9,6 x 6,2 cm), sowie je ein Albuminabzug von einem unbekannten Fotografen, 1879 (18,5 x 13,5 cm) und von Icilio Calzolari, Mailand, 1881 (10,4 x 6,2 cm) (Museo Vincenzo Vela, Ligornetto, Inv. Ve6651, Ve6663, Ve6652 e Ve6662; Fotografien Francesco Girardi und Sergio Andreoli).

Vincenzo Vela war das jüngste von sechs Kindern des Giuseppe Vela und der Teresa geborene Casanova, beide von Ligornetto. Alle vier Söhne der Familie zogen nach Italien: Luigi als Schreiner nach Mailand, Giovanni als Steinmetz nach Crema (ab 1853 österreichischer Staatsbürger), Lorenzo als Dekorationsbildhauer sowie Lehrer der Akademie Brera nach Mailand und Vincenzo als Bildhauer nach Mailand und Turin. Der Vater war Kleinbauer, die Mutter führte eine Gastwirtschaft. Am 21. Februar 1853 heiratete Vela Sabina Dragoni in Turin. Die beiden hatten sich in den 1840er Jahren im Atelier von Benedetto Cacciatori in Mailand kennengelernt, wo Dragoni Modell stand. 1854 kam ihr einziger Sohn Spartaco zur Welt, der in den 1880er und 1890er Jahren in Mailand als Maler wirkte.

Nach einer rudimentären Grundschulbildung begann Vela um 1832 (manche Quellen sprechen auch von 1829) eine Lehre als Steinhauer in den Steinbrüchen von Besazio sowie später Viggiù und verbrachte vor 1834 einen Teil seiner Ausbildungszeit in Mailand bei einem Steinmetz der Dombauhütte. Unterstützt von seinem Bruder Lorenzo, schrieb Vela sich 1835 an der Akademie Brera ein, wo er bei Ferdinando Albertolli und 1841-1844 beim puristischen Bildhauer Benedetto Cacciatori studierte. Letzterer erkor ihn bald zu seinem engsten Mitarbeiter für figürliche Arbeiten. 1842 gewann Vela den renommierten Skulpturenwettbewerb der Akademie von Venedig.

Der Durchbruch gelang dem aufstrebenden Künstler 1845 mit dem Standbild des Bischofs Giuseppe Maria Luvini für das Rathaus in Lugano, das mit Begeisterung aufgenommen wurde. Fortan konnte er auf die Unterstützung namhafter Vertreter der Mailänder Romantik wie des Malers Francesco Hayez, des Dichters Andrea Maffei und der Kunstkritiker Carlo Tenca, Giuseppe Mongeri und Giuseppe Rovani zählen, die seine neue realistische Formensprache in der Skulptur begrüssten. Er erhielt zahlreiche Aufträge einer aristokratischen wie bürgerlichen Klientel, die mit den Arbeiten von Hayez und mit den nördlich der Alpen verbreiteten romantischen Strömungen vertraut war und nicht nur den neuen Geschmack – der etwa in der 1846 an der Jahresausstellung der Akademie Brera gezeigten Skulptur Das Morgengebet zum Ausdruck kommt – zu schätzen wusste, sondern auch den symbolisch-nationalistischen Gehalt seiner Werke verstand. Nachdem er zur Vollendung seiner Ausbildung einige Monate in Rom verbracht hatte, schloss er sich 1847 als Freiwilliger den Tagsatzungstruppen im Sonderbundskrieg (Sonderbund) an. 1848 kämpfte er im lombardischen Aufstand (Cinque giornate di Como) und im anschliessenden Feldzug gegen die Österreicher. In dieser Zeit entwarf er das Modell des Spartakus, eines monumentalen, männlich-heroischen Aktes, den er anschliessend für den Herzog Antonio Litta aus Marmor fertigte und 1851 an der Brera sowie 1855 an der Weltausstellung in Paris präsentierte, wo er zum Symbol für Italiens Unabhängigkeitsstreben und nationalen Einigungswillen wurde. Im Juli 1852 schlug Vela die Ernennung zum Ehrenmitglied der Kunstakademie Brera aus, weil er jeden Ausgleich mit der österreichischen Regierung ablehnte. Darauf folgte seine Ausweisung aus der Lombardei.

Vela liess sich in Turin nieder, wo er die Protektion lombardischer Exilaristokraten und wichtiger Vertreter der von Viktor Emanuel II. begonnenen italienischen Einigungspolitik genoss. Zu ihnen gehörten Camillo Cavour und Massimo d'Azeglio, von denen er bemerkenswerte Bildnisse anfertigte. Weiter schuf er viel beachtete Denkmäler (darunter diejenigen für Cesare Balbo, die sardische Armee, Maria Theresia von Österreich-Toskana zusammen mit Adelheid von Österreich und Karl Albert von Savoyen) sowie Grabmonumente (zum Beispiel der Familie Prever, von Tito Pallestrini und Giacinto Provana di Collegno). 1856 erhielt er eine Professur für Bildhauerei an der Akademie Albertina, wo Giuseppe Grandi zu seinen Schülern gehörte.

Das Atelier Vincenzo Velas in Turin. Aquarell auf Papier von Pierre Henri Théodore Tetar van Elven, um 1858, 41,5 x 54,5 cm (Museo Vincenzo Vela, Ligornetto, Inv. Ve4214; Fotografie Mauro Zeni, 2019).
Das Atelier Vincenzo Velas in Turin. Aquarell auf Papier von Pierre Henri Théodore Tetar van Elven, um 1858, 41,5 x 54,5 cm (Museo Vincenzo Vela, Ligornetto, Inv. Ve4214; Fotografie Mauro Zeni, 2019). […]

Velas Erfolge am Salon 1863 und an der Weltausstellung 1867 in Paris, die mit Kaiserin Eugénies Auftrag für das Denkmal des Christoph Kolumbus (1864-1867) und Napoleons III. Kauf der Marmorskulptur Die letzten Augenblicke Napoleons I. (1866) gekrönt waren, brachten ihm Aufträge einer internationalen Kundschaft ein. Nachdem die Hauptstadt des neuen Königreichs Italien nach Florenz verlegt worden war und sich das Risorgimento teilweise von den politischen Idealen entfernte, für die Vincenzo Vela gekämpft hatte, verliess er 1867 Turin und kehrte endgültig nach Ligornetto in sein prächtiges Atelierhaus zurück, das heute das nach ihm benannte eidgenössische Museum mit seiner Gipsfigurensammlung und den Kunstkollektionen der Familie beherbergt (Museo Vincenzo Vela). Hier setzte er in den kommenden Jahrzehnten seine künstlerische Produktion fort und arbeitete etwa an den aufwendigen, aber nie realisierten Projekten der Standbilder von Herzog Karl II. von Braunschweig in Genf und Daniele Manin in Venedig. Mit seinen von Symbolismus und Verismus geprägten Porträtarbeiten, den Grabmonumenten für Beatrice Barbiano di Belgiojoso und Maria Scala De Martini sowie den Denkmälern Agostino Bertanis in Mailand, Giuseppe Garibaldis in Como oder demjenigen der Opfer der Arbeit (in Erinnerung an die Männer, die beim Bau des Tunnels für die Gotthardbahn ihr Leben verloren hatten) trug Vela massgeblich zur Erneuerung der europäischen Skulpturensprache im ausgehenden 19. Jahrhundert bei.

Seine im In- und Ausland gezeigten Werke erhielten zahllose Auszeichnungen. Vincenzo Vela war Ehrenmitglied mehrerer Akademien und Kunsthochschulen und sass regelmässig in Gremien für die Vergabe von Preisen und öffentlichen Aufträgen. Er war 1862-1877 beratendes Mitglied im Erziehungsrat des Kantons Tessin und sass 1881-1884 in der Ständigen Kunstkommission des Königreichs Italien. Als Mitverfasser des neuen Reglements der Akademie Brera von 1860 beteiligte sich Vela an Reformen in der Kunstausbildung. 1885-1887 unterstützte er das Projekt einer eidgenössischen Kunstakademie im Tessin. Er engagierte sich in zahlreichen lokalen Gesellschaften zur Förderung der Künste und Hilfskassen, um die Zusammenarbeit sowohl unter Künstlern als auch unter Arbeitern zu unterstützen. Als eine der zentralen Figuren des Tessiner Radikalismus vertrat Vela 1877-1881 während einer Legislatur die Radikalliberalen im Grossen Rat. Den Idealen des Risorgimento und des Liberalismus blieb er zeitlebens treu: von den bewaffneten Konflikten 1847-1848 in der Schweiz und im Lombardo-Venezianischen Königreich über sein kämpferisches Auftreten an der Seite seines Freundes Carlo Battaglini in der radikalliberalen Partei bis zu seinem unermüdlichen Widerstand gegen die konservative Kantonsregierung, der in seiner Beteiligung am Rande der Schiesserei von Stabio am 22. Oktober 1876 und im darauffolgenden Prozess von 1880 gipfelte. Seine ideologische Haltung und die Unterstützung der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwälzungen, die das Leben des Bürgertums und der Arbeiterschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über seine Heimatländer Schweiz und Italien hinaus in ganz Europa prägten, verdeutlichen sich aber vor allem in seiner Kunst und Lehrtätigkeit. 1891 starb Vela als gefeierter Künstler in seinem Anwesen in Ligornetto.

Velas stilistische Erneuerungen der Bildhauerei wurden von den progressiven Kritikern der Romantik von Anfang an wohlwollend aufgenommen. Diese sahen in seinem eindringlichen Realismus und im ergreifend emotionalen Ausdruck seiner Figuren die Ideologie des Risorgimento verkörpert. Andere beanstandeten, seine verführerischen, in einem unmittelbar taktil-realistischen Stil gehaltenen Frauenfiguren ebneten der Sentimentalität und der aufreizenden Deutlichkeit naturalistischer Skulpturen den Weg, die seine Nachahmer sehr erfolgreich auf italienischen und internationalen Ausstellungen der zweiten Jahrhunderthälfte präsentierten. Seine virtuose, fast malerische Oberflächenbearbeitung mit Helldunkel-Effekten, die für sein Spätwerk kennzeichnend ist, fand im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in der Lässigkeit der Scapigliatura eines Grandi ihre direkte Aufnahme und widerspiegelt sich teilweise auch im atmosphärischen Schaffen Medardo Rossos. Das diese Fertigkeit gleichsam räumlich wie expressiv synthetisierende Hochrelief Die Opfer der Arbeit führte 1882 die Strömung des sozialen Verismus in der Bildhauerei ein. Der Künstler schloss damit an den französischen Realismus der Jahrhundertmitte an und nahm Lösungsansätze von Constantin Meunier vorweg.

Aufbahrung Vincenzo Velas im achteckigen Saal seiner Villa in Ligornetto. Fotografie von Grato Brunel, Lugano, 1891, Albuminabzug auf Karton, 23,8 x 31,5 cm (Museo Vincenzo Vela, Ligornetto, Inv. Ve6958; Fotografie Francesco Girardi, 2020).
Aufbahrung Vincenzo Velas im achteckigen Saal seiner Villa in Ligornetto. Fotografie von Grato Brunel, Lugano, 1891, Albuminabzug auf Karton, 23,8 x 31,5 cm (Museo Vincenzo Vela, Ligornetto, Inv. Ve6958; Fotografie Francesco Girardi, 2020).

Zu Lebzeiten und kurz nach seinem Tod hoch gefeiert – erwähnt seien die Biografien von Augusto Guidini, Walther von Arx, Romeo Manzoni und Marco Calderini –, erfuhr das Ansehen des Künstlers später vor allem in Regionalstudien über das Tessin, das Piemont und die Lombardei eine Schmälerung: Sein Werdegang diente nunmehr als Beispiel für den sozialen Aufstieg einer lokalen Persönlichkeit, der dank der Kunst gelungen war. Als nach Jahrzehnten der Vernachlässigung ab 1975 eine allgemeine Neubewertung der europäischen Kunst des 19. Jahrhunderts mitsamt ihrem offiziellen Kunstschaffen, dem Akademismus, der historischen Motivik und der Monumentalplastik einsetzte, galt diese sofort auch Vincenzo Velas Werk. Dazu erschienen Studien von Nancy J. Scott, Barbara Cinelli, Gianna Piantoni und Donata Massola. Das in jüngerer Zeit auch international steigende Interesse am Künstler ist besonders auf neue Arbeiten zurückzuführen, die das Museo Vincenzo Vela unter der Direktorin Gianna A. Mina ab den 1990er Jahren angestossen hat.

Quellen und Literatur

  • Museo Vincenzo Vela, Ligornetto.
  • Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, Vincenzo Vela.
  • Zanchetti, Giorgio (Hg.): Vincenzo Vela. Carteggio, 3 Bde., 2020.
  • Guidini, Augusto: Vincenzo Vela, 1893.
  • Arx, Walther von: «Vincenzo Vela», in: Richard, Eugène; Muyden, Henri van et al.: Fils de leurs œuvres. Caractères et portraits nationaux, 1905, S. 611-665.
  • Manzoni, Romeo: Vincenzo Véla. L'homme, le patriote, l'artiste, 1906 (Faksimile-Ausgabe, 1995).
  • Calderini, Marco: Vincenzo Vela, scultore, 1920.
  • Scott, Nancy J.: Vincenzo Vela, 1820-1891, 1979.
  • Piantoni, Gianna: «Vincenzo Vela», in: Piantoni, Gianna (Hg.): Da Antonio Canova a Medardo Rosso. Disegni di scultori italiani del XIX secolo, 1982, S. 46-74 (Ausstellungskatalog).
  • Massola, Donata: Vincenzo Vela, 1983.
  • Cinelli, Barbara: «I contributi di Andrea Maffei per le Gemme d'Arte Italiane», in: Botteri, Marina; Cinelli, Barbara et al. (Hg.): L'Ottocento di Andrea Maffei, 1987, S. 144-155, 160-163, 184-185, 190-191, 222-229, 232-239 (Ausstellungskatalog).
  • Gamboni, Dario: «La dernière demeure de Vincenzo Vela», in: Unsere Kunstdenkmäler, 1992/4, S. 523-538.
  • Mina, Gianna A. (Hg.): Vincenzo Vela. Il monumento a Giuseppe Garibaldi, 1997 (Casa d'artisti. Quaderni del Museo Vela, 2).
  • Gamboni, Dario: «Phidias in Ligornetto. Das letzte Vierteljahrhundert von Vincenzo Vela», in: Schläpfer, Beat (Hg.): Swiss, made. La Suisse en dialogue avec le monde, 1998, S. 67-78 (Ausstellungskatalog).
  • Zanchetti, Giorgio: «"Und nur als Bildhauer können wir tapfer sein". Ein Bild des Risorgimento von Vincenzo Vela», in: Schläpfer, Beat (Hg.): Swiss, made. La Suisse en dialogue avec le monde, 1998, S. 57-66 (Ausstellungskatalog).
  • Zanchetti, Giorgio: Vincenzo Vela scultore 1820-1891, Dissertation, Università cattolica di Milano, 1998 (mit Werkverzeichnis).
  • Chiappini, Rudy (Hg.): Arte in Ticino. 1803-2003, Bd. 1, 2001, S. 363-379, 406-407; Bd. 2, 2002, S. 121-140, 274-277 (Ausstellungskatalog).
  • Mina, Gianna A. (Hg.): A fior di pelle. Il calco dal vero nel secolo XIX, 2002 (Ausstellungskatalog).
  • Mina, Gianna A. (Hg.): Museo Vela. Le collezioni. Scultura, pittura, grafica, fotografia, 2002.
  • Mina, Gianna A. (Hg.): Spartaco. La scultura in rivolta, 2005 (Saggi sulla scultura, 1).
  • Mina, Gianna A. (Hg.): Vincenzo Vela e il Vittoriano di Roma. Ideali e contraddizioni di un monumento nazionale, 2013 (Casa d'artisti. Quaderni del Museo Vela, 6).
  • Mina, Gianna A. (Hg.): I fratelli Vela e la committenza d'Adda, 2014 (Saggi sulla scultura, 4).
  • Mina, Gianna A. (Hg.): «Die Opfer der Arbeit» von Vincenzo Vela, 1882. Entstehung und Rezeptionsgeschichte eines Meisterwerks, 2016 (Casa d'artisti. Quaderni del Museo Vela, 7).
  • Wasmer, Marc-Joachim: Museo Vincenzo Vela in Ligornetto, 2020 (Schweizerische Kunstführer, 1070).
  • Mina, Gianna A. (Hg.): Pagine che parlano. La vita e l'arte di Vincenzo Vela raccontate dai suoi libri, 2021.
  • Zanchetti, Giorgio: «"Il campo del sentimento, dell'espressione, della verità." Idee sulla scultura dalla prolusione di Vincenzo Vela ai corsi dell'Accademia Albertina nel 1856», in: L'uomo nero, 2021/17-18, S. 11-25.
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF

Zitiervorschlag

Giorgio Zanchetti: "Vela, Vincenzo", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.07.2022, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/021969/2022-07-05/, konsultiert am 29.09.2022.