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PestalozziZH

Zürcher Bürgergeschlecht, das in die Handelsaristokratie, aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ins Regiment aufstieg. Auch im 19. und 20. Jahrhundert brachte die Familie bedeutende Vertreter in der kantonalen und eidgenössischen Politik sowie der Wirtschaft hervor.

Wappen der Familie Pestalozzi. Detail von Seite 454 aus Bibliothecae novae Tigurinorum publico privatae album, das ist, Stamm- und Nammbuch der Neuwangestellten Bibliothec einer Burgerschafft der Loblichen Statt Zürich, Manuskript, 1629-1769 (Zentralbibliothek Zürich, Arch St 22; e-manuscripta, DOI: 10.7891/e-manuscripta-45784).
Wappen der Familie Pestalozzi. Detail von Seite 454 aus Bibliothecae novae Tigurinorum publico privatae album, das ist, Stamm- und Nammbuch der Neuwangestellten Bibliothec einer Burgerschafft der Loblichen Statt Zürich, Manuskript, 1629-1769 (Zentralbibliothek Zürich, Arch St 22; e-manuscripta, DOI: 10.7891/e-manuscripta-45784). […]

Die Geschichte der Pestalozzi in Zürich beginnt mit Johann Anton Pestalozzi (1537-1604), der um 1550 aus Chiavenna in die Limmatstadt übersiedelte, um sich bei Bernhard von Cham zum Eisenkaufmann ausbilden zu lassen. Er war adliger Abstammung und wurde in Zürich gelegentlich als Junker bezeichnet. Der Titel verlor sich im Lauf der Zeit, da dieser nur denjenigen zustand, die keiner Erwerbstätigkeit nachgingen. Johann Anton Pestalozzi heiratete 1562 Anna Gessner, die Enkelin seines zweiten Arbeitgebers Andreas Gessner (1482-1568), und wurde 1567 ins Bürgerrecht von Zürich aufgenommen. Seine erste Firma gründete er zusammen mit Laurenz Bebie. Die beiden handelten mit Leinwand, Baumwolltüchern sowie mit Samt und Seide. 1579 spezialisierten sie sich auf den Handel und die Verarbeitung von Seide. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts ging Johann Anton Pestalozzi eine Verbindung mit seinem Schwager Cornelius Toma ein. Sie importierten Seide und Baumwolle und exportierten Florettseide. Nach dem Tod von Johann Anton Pestalozzi 1604 hielten die Erben die Partnerschaft mit dessen Schwager aufrecht. Andreas (1581-1646), Caspar (1585-1650) und Johann Anton (1589-1677) – Johann Anton Pestalozzis Söhne aus dritter Ehe mit Magdalena von Muralt – trennten sich 1617 von Toma und führten die Firma unter dem Namen «Joh. Anthoni Pestalutz selig Erben» fort. Das Seidengeschäft entwickelte sich hervorragend, unter anderem weil das Unternehmen von steuerlichen Privilegien aufgrund des 1618 zwischen Zürich und Venedig ausgehandelten Staatsvertrags profitierte. Die Pestalozzi pflegten Handelsbeziehungen nach Bergamo, Mailand, Lyon, Basel, Strassburg, St. Gallen, Augsburg und Calw. Erst 1653, als zwei der drei Firmeninhaber gestorben waren, trennten sich die Erben. Die alte Firma wurde durch die Söhne von Andreas Pestalozzi unter dem Namen «Andreas Pestalozzi und Gebrüder» weitergeführt. Johann Anton (1589-1677) trat mit seinem Unternehmen von nun an unter dem Namen «Johann Anton Pestalozzi zum Brünneli» auf. Bis ins 19. Jahrhundert waren die Pestalozzi vor allem Kaufleute im Seidenhandel. Cleophea Pestalozzi galt als eine der bedeutendsten Unternehmerinnen ihrer Zeit.

Stammbaum der Zürcher Familie Pestalozzi. Öl auf Leinwand, ausgerollt (212,5 x 194 cm), 1858 (Familienarchiv Pestalozzi).
Stammbaum der Zürcher Familie Pestalozzi. Öl auf Leinwand, ausgerollt (212,5 x 194 cm), 1858 (Familienarchiv Pestalozzi). […]

Die Bedeutung der Familie in der Zürcher Kaufmannschaft zeigt sich darin, dass bei der Gründung des siebenköpfigen Kaufmännischen Direktoriums 1662 Johann Anton Pestalozzi (1589-1677) in dieses Gremium gewählt wurde. Die Pestalozzi zählten zu den bedeutendsten Vertretern der Zürcher Handelsaristokratie, obwohl sie lange Zeit nicht regimentsfähig waren. Sie gehörten 1767 erstmals dem Grossen Rat an, als Hans Jakob Pestalozzi (1711-1787) Zwölfer zur Meisen wurde. Insgesamt stellten sie nur fünf Grossräte im ausgehenden Ancien Régime. Gar nur einmal gelangten sie mit Hans Jakob Pestalozzi als Ratsherr zur Meisen 1788-1798 in den Kleinen Rat. Seine politische Karriere überdauerte die politischen Umstürze der Revolutionszeit und 1803-1831 sass er erneut im Kleinen Rat. Ab 1770, als Kaufmann Hans Konrad Pestalozzi (1727-1774) aus der Linie zum Trauben von seinem Schwiegervater Moritz Füssli den Schild 5 erwarb, war die Familie Mitglied der Gesellschaft der Schildner zum Schneggen.

Von der ersten Generation an verbanden sich die Pestalozzi eng mit den führenden Familien Zürichs. So verheiratete sich bereits der älteste Sohn des Stammvaters Johann Anton Pestalozzi, Franziskus Pestalozzi (1573-1617), mit Margaretha Keller vom Steinbock, der Tochter des Bürgermeisters Junker Hans Keller. Ihre Paten hatte die Familie sowohl in zahlreichen Junkerfamilien wie den von Wellenberg, von Schönau, Meyer von Knonau als auch in den politisch einflussreichen Familien von Grebel, Holzhalb, Heidegger, Rahn, Bodmer und Schwyzer (Schweizer).

Die Söhne Franziskus (1573-1617), Johann Anton (1589-1677) und Andreas (1581-1646) des Stammvaters Johann Anton Pestalozzi begründeten die drei Stämme des Geschlechts. Die heute noch lebenden Familienmitglieder stammen in der männlichen Linie alle von Andreas Pestalozzi ab; auch der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi war dessen Nachfahre.

Innen- und Aussenansicht des Hauses zum Weissen Turm an der Brunngasse 4 in Zürich. Fotografien, 1989 (Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich, BAZ_081378 und BAZ_081363).
Innen- und Aussenansicht des Hauses zum Weissen Turm an der Brunngasse 4 in Zürich. Fotografien, 1989 (Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich, BAZ_081378 und BAZ_081363). […]

Rund zweihundert Jahre nach ihrer Einwanderung in Zürich waren die Pestalozzi eine weit verzweigte Familie, die neun Häuser an bester Lage (zum Weissen Turm, zum Brünneli, Froschau, Brunnenhof, zum Trauben, Mohrenkönig, zum Steinbock, Thalhof und Wolkenstein) besassen. Trotz ihrer Grösse bewahrten sie ein enges Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aus Angst vor dem sozialen Abstieg einzelner Mitglieder wurde 1750 ein Familienfonds errichtet. Um 1900 zählten die Pestalozzi rund 100 Angehörige.

Ihre herausragende Stellung in Zürich behielt die Familie auch in der unruhigen Zeit im Gefolge der Helvetischen Revolution 1798 und nach der Gründung des Bundesstaats 1848. Bis 2020 gehörten 16 Mitglieder dem Grossen Rat von Zürich (ab 1869 Kantonsrat), darunter Friedrich Otto Pestalozzi, und zwei dem Kleinen Rat (ab 1831 Regierungsrat) an. Seit 1861 sassen sie viermal im Stadtrat von Zürich und stellten mit dem freisinnigen Hans Konrad Pestalozzi 1889-1909 den Stadtpräsidenten. Hingegen wirkten nur drei Pestalozzi auf nationaler Ebene, der bereits erwähnte Hans Konrad und Friedrich Pestalozzi als Nationalräte sowie Hans Jakob Pestalozzi als Ständerat. Im Bereich der Wirtschaft gilt es das Stahlhandels- und Dienstleistungsunternehmen Pestalozzi zu erwähnen, das auf eine über 250-jährige Geschichte zurückblickt.

Quellen und Literatur

  • Schweizerisches Geschlechterbuch, Bd. 1, 1905, S. 381-389; Bd. 4, 1913, S. 414-424; Bd. 7, 1943, S. 379-393.
  • Corrodi-Sulzer, Adrian: «Das Haus "zum Brünneli" an der Froschaugasse. Stammhaus der Zürcher Pestalozzi», in: Zürcher Taschenbuch, 57, 1936, S. 28-44.
  • Pestalozzi-Keyser, Hans: Geschichte der Familie Pestalozzi, 1958.
  • Arnet, Helene: «Die Suche nach dem Zürcher Adel», in: Tages-Anzeiger, 27.12.2013.

Zitiervorschlag

Hürlimann, Katja: "Pestalozzi (ZH)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.09.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/023830/2020-09-16/, konsultiert am 27.11.2020.