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Volkskunde

Volkskunde (europäisch Ethnologie) ist die ältere Bezeichnung für die empirische und vergleichende Wissenschaft von der Alltagskultur. Als Erfahrungswissenschaft untersucht diese kulturell geprägte Verhaltensweisen, Sachgüter, Einstellungen, Werte und Symbole, die im Alltag typisch und für Lebenswelten sinngebend sind. War die traditionelle Volkskunde eher auf untere und mittlere Sozialschichten – daher auch die Bezeichnung Volkskunde – ausgerichtet, so bezieht die heutige Forschung auch die bürgerliche Kultur mit ein. Der wissenschaftliche Standort variiert je nach Betrachtungsweise: Volkskunde erscheint zum Beispiel als Synthesenfach zwischen Ethnologie, Soziologie und Alltagsgeschichte, als regionale Sozialgeschichte oder als Regionalethnografie. Die vorzugsweise auf kleinere Gruppen und Lebenswelten (z.B. Familie, Nachbarschaft, Vereine, Berufsgruppen, Gemeinde, Quartier und Region) gerichteten Zugänge verhelfen zu fachlicher Eigenständigkeit, schwergewichtig unter dem Aspekt von Symbolstrukturen und Kommunikation.

Im Vordergrund stehen Mikroanalysen, die auch historische Entwicklungen einschliessen. Die Gegenstandsbereiche der Volkskunde decken den ganzen Alltag ab, erfahren gemäss Fachverständnis und Zeitstil jedoch unterschiedliche Gewichtung. Nach langer Hinwendung zu bäuerlich-alpinen Lebenswelten, oft in historischer Betrachtung, öffnete sich die moderne Volkskunde vermehrt gegenwartsbezogenen Themen, auch interdisziplinär. Sie erschliesst städtisches Alltagsleben, Kulturkontakte, Folklorismus und Tourismus ebenso wie geschlechts- und altersspezifische Lebenslaufgestaltung, Massenkultur oder die Technisierung des Alltags. Mit dem Verweis auf den herkömmlichen Kanon (z.B. Nahrung, Kleidung, Wohnen, Geräte, Brauch, Fest, Spiel, Frömmigkeit, Aberglaube, Lied und Sage) lassen sich viele Erscheinungen zwischen Tradition und Moderne nicht mehr erklären – neue Konzepte und Kontextualisierung drängen sich auf.

Die volkskundliche Betrachtungsweise versucht, Alltag und Lebenswelten funktional ganzheitlich oder segmentär zu erschliessen und auch den Wandel von Vermittlungsprozessen zu erfassen. Allgemein sind hermeneutische Ansätze von zentraler Bedeutung. Während sich die aktuelle Feldforschung hauptsächlich qualitativer Methoden (teilnehmende Beobachtung, Interview) bedient, betreibt die historische Volkskunde Quellen-, Objekt- und Bildanalysen.

Die Volkskunde der Schweiz formierte sich auf der Basis philologisch-historischer bzw. dialektologischer Interessen und überwand die mythologische Reliktforschung ohne nationalpolitische Färbung. In der Deutschschweiz gingen wichtige Impulse von der durch Eduard Hoffmann-Krayer 1896 gegründeten Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde aus (Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Aktion Bauernhausforschung, Atlas der schweizerischen Volkskunde, Internationale Volkskundliche Bibliographie, Volkskundlicher Dokumentarfilm), ebenso vom 1937 in Basel eröffneten Schweizerischen Institut für Volkskunde und vom Schweizerischen Museum für Volkskunde (1944), seit 1996 Museum der Kulturen in Basel. Den ersten Lehrstuhl richtete die Universität Zürich 1946 ein, Basel folgte 1965. In Bern wurde Volkskunde bis 2001 in Germanistik und Dialektologie verankert, während Neuenburg und Freiburg Regionalkulturelles der Ethnologie, Lausanne und Genf den Sozialwissenschaften und den Museen zuwiesen. Forschungsbetrieb und Fach wurden in Basel neu als Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie und in Zürich als Populäre Kulturen stark ausgebaut.

Quellen und Literatur

  • E. Hoffmann-Krayer, Feste und Bräuche des Schweizervolkes, 1913 (neu bearb. von P. Geiger, 1940, Nachdr. 1992)
  • R. Weiss, Volkskunde der Schweiz, 1946 (31984)
  • ASV, 1950-89
  • H. Bausinger, Volkskunde, 1971 (Nachdr. 1999)
  • Beitr. zur Ethnologie der Schweiz, 1980
  • Encycl.VD 10-11
  • C. Burckhardt-Seebass, «Spuren weibl. Volkskunde», in SAVk 1991, 209-224
  • Hb. der schweiz. Volkskultur, hg. von P. Hugger, 3 Bde., 1992
  • A. Niederer, Alpine Alltagskultur zwischen Beharrung und Wandel, 1993 (21996)
  • Zürcher Beitr. zur Alltagskultur, hg. von U. Gyr, W. Leimgruber, 1996-
  • U. Gyr, «Europ. Ethnologie aus der Sicht der Schweiz. Volkskunde», in Europ. Ethnologie - Ethnologie Europas, hg. von C. Giordano, J. Rolshoven, 1999, 45-62
Weblinks

Zitiervorschlag

Ueli Gyr: "Volkskunde", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.04.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/024477/2015-04-21/, konsultiert am 07.10.2022.