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Seen

In der Schweiz gibt es rund 1480 Seen. Die meisten von ihnen liegen im Alpenraum, knapp über hundert im Mittelland und vierzehn im Jura. Ihre Grösse reicht von weniger als 10 ha (10% aller Schweizer Seen) bis zu einer Fläche von über 570 km2 (Genfersee).

Der Vierwaldstättersee. Bildtafel aus dem Geographischen, Volkswirtschaftlichen, Geschichtlichen Atlas der Schweiz, publiziert in sechs Lieferungen vom Verlagshaus Attinger Frères in Neuenburg, 1907-1908 (Privatsammlung).
Der Vierwaldstättersee. Bildtafel aus dem Geographischen, Volkswirtschaftlichen, Geschichtlichen Atlas der Schweiz, publiziert in sechs Lieferungen vom Verlagshaus Attinger Frères in Neuenburg, 1907-1908 (Privatsammlung). […]

Entstehung und Veränderungen

Aufgrund ihrer Entstehung werden drei Arten von Seen unterschieden: Die tektonischen Seen gehen auf Faltungen, Einbrüche, Verschiebungen und Bergstürze zurück. Glaziale Seen haben sich durch Erosion bzw. Auskolkung durch Gletscher und Gletscherbäche sowie durch Eindämmung durch Seiten- und Stirnmoränen gebildet. Schliesslich gibt es noch jene Seen, die von Menschenhand angelegt wurden. Die Seenlandschaft verändert sich seit der Eiszeit ständig. Durch die Schwemmarbeit der Flüsse und Bäche wurden Wasserflächen zerteilt, verkleinert oder gänzlich beseitigt. So bestand in postglazialer Zeit ein zusammenhängender See zwischen Orbe und Solothurn, der heute nur noch in Teilen als Neuenburgersee, Bielersee und Murtensee existiert. Andere Seen wie der Tuggenersee zwischen dem Zürichsee und dem Walensee wurden ganz ausgefüllt. Hingegen haben natürliche und anthropogene Ursachen auch neue Seen geschaffen, zum Beispiel den 1749 durch einen Bergsturz entstandenen See von Derborence oder die zahlreichen, vor allem im 20. Jahrhundert angelegten Stauseen (Stauwerke).

Frühe Besiedlung

In prähistorischer Zeit waren vorab die Seeufer bereits besiedelt (Ufersiedlungen). Gründe hierfür waren unter anderem die günstigen Verkehrsverbindungen per Boot (Wasserwege), der Fischreichtum der Gewässer (Fischerei) und die Möglichkeit, an den Ufern relativ leicht Ackerböden zu gewinnen. Nomadisierende Fischer hinterliessen in der Mittelsteinzeit (ca. 9000-5500 v. Chr.) ihre Siedlungsspuren nicht nur an den Mittelland- und Alpenrandseen, sondern auch an den Seen des Alpenraums (z.B. Sarnersee, Lungernsee). In der Jungsteinzeit (ca. 6500-2200 v. Chr.) entwickelte sich entlang der Seen ein reiches kulturelles Leben. Ufernahe Dörfer mit ebenerdigen Bauten entstanden. Die Besiedlung war dort am dichtesten, wo sich die stark frequentierten Verkehrswege befanden (z.B. am Bielersee).

In der römischen Epoche lagen viele Städte und Kolonien an Seen, so Genf, Nyon, Zürich oder Bregenz. Der Genfer- und der Bodensee sind auf der Tabula Peutingeriana als Orientierungspunkte eingetragen. Der Schiffsverkehr war kostengünstig und daher verbreitet.

Hoheitsrechte

Die Hoheitsrechte über die Seen, ursprünglich Regalien, gehörten im Hochmittelalter als Reichslehen oder gräfliches Recht weltlichen oder kirchlichen Herrschaften. Einige bedeutendere Seen im politischen Kräftefeld der eidgenössischen Orte gelangten im Spätmittelalter unter deren Hoheit oder wurden einer gemeinen Herrschaft angegliedert, zum Beispiel der Nordzipfel des Langensees, der 1513 zur gemeinen Herrschaft Locarno kam. Seen mit mehreren Anrainerkantonen bzw. Anrainerstaaten konnten einen trennenden Einfluss ausüben, so der Bodensee für die Grenzbildung zwischen der Schweiz und Deutschland ab dem 16. Jahrhundert oder der Genfersee im Wirtschaftskrieg des 17. und 18. Jahrhunderts zwischen Genf und Savoyen. Die verbindende Wirkung der Seen war jedoch ausgeprägter. So waren die Orte um den Vierwaldstättersee kirchlich spätestens ab dem 12. Jahrhundert im Vierwaldstätterkapitel zusammengefasst und ab 1291 bzw. 1332 auch politisch verbündet.

Fischerei, Rebbau und weitere Urproduktion

Die Fischereirechte (Fischenzen) waren Teil der Seehoheit. Die Fischerei wurde vom Hoheitsträger den Fischern als Lehen übertragen. Daneben bestanden genossenschaftlich-allmendrechtliche Formen der Fischerei, etwa auf dem Bielersee, dem Baldeggersee, dem Hallwilersee und dem Vierwaldstättersee. Die Fischer besassen weitgehende Selbstständigkeit und Selbstkontrolle und verfügten über eine eigene, überregionale Organisation, den vor 1397 entstandenen Fischermaien. An einigen Seen, zum Beispiel am Greifensee, waren die Fischenzen Privateigentum. Ab dem 16. Jahrhundert verstärkten die Obrigkeiten ihren Einfluss. Die Vorschriften über Fanggeräte, Schonzeiten und Fangmengen nahmen zu.

Die südexponierten Hänge an den grossen Seebecken begünstigten den Rebbau. Weinberge an Seeufern wurden vermutlich schon in der Römerzeit eingeführt (z.B. am Genfersee) und prägen bis heute vielerorts das Landschaftsbild.

An den Mündungsdeltas der Zuflüsse wird seit dem 19. Jahrhundert Sand und Kies abgebaut (z.B. im Kanderdelta). Auf den im Winter meist zugefrorenen Kleinseen wie dem Seelisberger-, dem Lauerzer-, dem Klöntalersee oder dem Lac de Joux wurde Eis gewonnen, bis dieses Gewerbe um 1950 überflüssig wurde.

Verkehr

Die Seen dienten stets als Verkehrswege und bildeten mit den Flüssen und Kanälen (z.B. dem Entreroches-Kanal) ein Wasserwegnetz, das bis zum Ausbau der Strassen im 19. Jahrhundert neben dem Landweg bedeutungsvoll war. Von der römischen Antike an wurde es auch für den Transitverkehr von Norden nach Süden genutzt, so der Zürich- und der Walensee für den Verkehr in Richtung der Bündner Pässe. Die Regelung der Schifffahrt oblag den Hoheitsträgern, etwa den adeligen Landesherren oder den eidgenössischen Orten. Gegen den Willen der zünftig organisierten Schiffergesellschaften eroberte das Dampfschiff im 19. Jahrhundert die Seen; 1823 verkehrte ein solches erstmals auf dem Genfersee. Der Ausbau der Strassen und vor allem der Bau der Eisenbahnen entzogen dem Schiffsverkehr einen Grossteil der Güter und Passagiere. Die Schifffahrt ist jedoch bis in die Gegenwart für den Tourismus von Bedeutung.

Siedlungsentwicklung

Die vielfältigen Vorteile und Funktionen der Seen förderten die fortschreitende Besiedlung der Uferregionen. Es entstanden Fischer-, Winzer- und Hafenorte, an verkehrsgünstiger Lage auch Susten und Zollstätten sowie Marktorte. Diese Entwicklung, deren Anfänge in die Frühgeschichte zurückreichen, intensivierte sich mit dem Aufkommen der Städte im Hochmittelalter. Genf, Luzern und Zürich entfalteten sich zu bedeutenden Seekopfstädten mit zentralörtlichen Aufgaben für die gesamte Region. Die Siedlungsverdichtung an den Seen hält bis in die Gegenwart an. Mit Landschaftsschutzplänen wird seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht, den Siedlungsdruck zu kanalisieren und die Seeufer vor Überbauungen zu schützen und zum Teil wieder öffentlich zugänglich zu machen.

Wasserbau, Trinkwasser, Gewässerschutz

Zur Verhinderung von Seespiegelschwankungen und zur Gewinnung von zusätzlichem Kulturland wurden vom ausgehenden 16. Jahrhundert an Seeregulierungen und Seeabsenkungen vorgenommen, zum Beispiel im 16. Jahrhundert am Zugersee, 1836 am Lungernsee und 1950 am Zürichsee. Bei Fliessgewässern führten Gewässerkorrektionen ebenfalls zu Seespiegelabsenkungen. So sank der Spiegel des Murtensees nach der Ersten Juragewässerkorrektion um 3,3 m.

Die dicht besiedelten Regionen an Genfer-, Zürich- und Bodensee beziehen einen beachtlichen Teil ihres Trinkwassers aus den Seen. Durch die Abwässer wurden die Seen verschmutzt und leiden seit der Mitte des 20. Jahrhunderts teilweise an Eutrophierung. Kläranlagen sowie Sauerstoffzufuhr und Zwangszirkulation in kleineren Seen verbesserten die Situation. Der Gewässerschutz wird regional koordiniert und ist auf Konkordate bzw. internationale Übereinkommen abgestützt, zum Beispiel 1960 am Bodensee und 1962 am Genfersee. Er förderte den regionalen Zusammenhalt und führte zur institutionalisierten Zusammenarbeit, etwa 1987 im Conseil du Léman und 1994 in der Bodenseekonferenz. Forschungs- und Beratungsaufgaben übernimmt die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz in Dübendorf, die 1936 an der ETH Zürich gegründet wurde. Sie ist seit 1960 mit dem 1916 gegründeten Forschungszentrum für Limnologie in Kastanienbaum (Horw) zusammengeschlossen.

Kulturgeschichtliche Aspekte

Bis in die frühe Neuzeit wurden hauptsächlich die funktionalen Aspekte der Seen wahrgenommen. Bauten mit Seeanstoss entstanden fast ausschliesslich für das Seegewerbe (Fischerei, Schifffahrt) oder dienten der Befestigung (z.B. Schloss Chillon). Herrschaftliche Villen und Schlösser errichtete man in respektvoller Distanz zum Wasser. Eine Ausnahme bildeten die sogenannten Weiherhäuser mit Seeanstoss. Diese repräsentativen Wohnbauten, die von einem Wassergraben umgeben sind, entstanden vor allem im 16. und 17. Jahrhundert.

Mit der Aufklärung und dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Tourismus wurden die Seen als Naturideal und Erholungsgebiet entdeckt. An den Seeufern entstanden Hotelbauten mit breiten Quaianlagen, zum Beispiel in Lugano, Genf, Luzern und Brunnen. In Seenähe wurden zusätzliche Nobelquartiere errichtet (etwa Ouchy in Lausanne). Der seit dem 16. Jahrhundert überlieferte Wassersport – namentlich Schwimmen – entwickelte sich im 20. Jahrhundert zum Breitensport. Auch Segeln, Bootssport und Surfen nahmen an Beliebtheit zu.

"Die Bäder, Seen und Berge der Schweiz". Buchdeckel einer zweisprachigen, französisch-englischen Publikation, veröffentlicht von der Schweizerischen Verkehrszentrale in Basel, 1923 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
"Die Bäder, Seen und Berge der Schweiz". Buchdeckel einer zweisprachigen, französisch-englischen Publikation, veröffentlicht von der Schweizerischen Verkehrszentrale in Basel, 1923 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Der Wandel in der Wahrnehmung der Seen widerspiegelte sich in der Kunst und Literatur. Landschaftsmaler und vor allem Grafiker schufen ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert Darstellungen von Seenlandschaften und ihren Sehenswürdigkeiten, die bei den Touristen Absatz fanden. Seit Friedrich Gottlieb Klopstocks "Ode an den Zürichsee" (1750) und Jean-Jacques Rousseaus "Julie ou la Nouvelle Héloïse" (1761) sind die Seen auch Thema der schöngeistigen Literatur. Kulturelle Vereinigungen beschäftigen sich mit den Seeregionen, wie der 1868 gegründete Bodenseegeschichtsverein, der Forschungen zur Naturkunde und Geschichte aller drei Anrainerländer betreibt.

Quellen und Literatur

  • F.K. Mathys, Wassersport, Ausstellungskat. Basel, 1975
  • E. Egli, Seen der Schweiz in Landschaft und Kultur, 1979
  • A.-M. Dubler, Handwerk, Gewerbe und Zunft in Stadt und Landschaft Luzern, 1982, v.a. 95-97
  • Der Vierwaldstättersee und die Seen der Zentralschweiz, hg. von P. Stadelmann, 1984 (mit Bibl.)
  • Segeln in der Schweiz, 1989
  • K. Aerni, «Zusammenhänge zwischen Verkehrs- und Siedlungsentwicklung in der Schweiz seit dem MA», in Geographica Helvetica 46, 1991, 71-78
  • H. Finke, W. Vogel, Dem See nah sein, 1991
  • N. Schnitter, Die Gesch. des Wasserbaus in der Schweiz, 1992
  • H. Kläui, Seen im MA, 1993
Weblinks

Zitiervorschlag

Stadler, Hans: "Seen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.03.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/024612/2013-03-15/, konsultiert am 07.12.2021.