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Römisches Heer

Nach der Schlacht bei Bibracte gewann das R. erst mit den Alpenfeldzügen von Drusus und Tiberius unter Ks. Augustus geschichtsbildende Bedeutung für das heutige Staatsgebiet der Schweiz. Danach lagen an mehreren Orten röm. Verbände, zunächst im Rahmen der Vorbereitungen für die Kriege im Innern Germaniens, dann, nach der Niederlage des P. Quinctilius Varus im Teutoburgerwald (9 n.Chr.), zunehmend als Grenztruppen an strategisch wichtigen Punkten der neu entstandenen Rheingrenze (Limes).

Als Ks. Tiberius Ende 16 n.Chr. die Kampfhandlungen im rechtsrhein. Gebiet einstellen liess, wurde in Vindonissa ein festes Lager errichtet, das bis ca. 45/46 n.Chr. der legio XIII Gemina, bis 70 n.Chr. der legio XXI Rapax und danach bis 101 n.Chr. der legio XI Claudia pia fidelis als Hauptstandort diente, und zu dem mindestens bis Mitte des 1. Jh. n.Chr. noch weitere kleinere, meist direkt am Rhein gelegene Kastelle gehörten (v.a. Augusta Raurica, Zurzach). In den Kastellen und im Legionslager Vindonissa selbst lagen zudem verschiedene, z.T. in Abteilungen aufgespaltene Hilfstruppen (Auxilia). Alle diese Einheiten bildeten zusammen die südlichste Gruppe des obergerm. Heeres (exercitus Germanicus superior) und unterstanden dem kaiserl. Statthalter in Mainz. Ihre Aufgabe lag v.a. in der Kontrolle des rechtsrhein. Vorfeldes und im Schutz der linksrheinischen röm. Besitzungen, die für die Versorgung der röm. Truppen eine wesentl. Rolle spielten. Ferner wurden die Soldaten zum Polizeidienst, zu Verwaltungsaufgaben und zu Bauarbeiten im öffentl. Interesse herangezogen. Teilweise von Vindonissa aus wurde auch die Anlage vorgeschobener militär. Posten und Lager betrieben, die schliesslich mit der Einziehung des Dekumatenlandes und der Einrichtung der Provinz Germania Superior unter Ks. Domitian (81-96) zur offiziellen Vorverlegung der Reichsgrenze führte. Deshalb konnte Ks. Traian im Jahr 101, als er die 11. Legion für den Krieg gegen die Daker in den Osten berief, das nun weit hinter der Grenze gelegene Legionslager Vindonissa auflassen.

Die Legionen, die traditionellen Kerntruppen des R.s, bestanden aus 5'000-6'000 überwiegend freiwillig dienenden röm. Bürgern. In Vindonissa stammte die Mehrzahl aus Norditalien, einige aus Südgallien, später auch aus Spanien und dem Osten. Die meist ca. 500 Mann starken Hilfstruppen waren ursprünglich aus den waffenfähigen Männern der unterworfenen oder der mit Rom befreundeten Völker aufgestellt worden und wurden später zunehmend aus dem Hinterland ihres Stationierungsorts ergänzt. So dienten schon im frühen 1. Jh. auch Helvetier, v.a. als Reiter, in den Auxilia. Die Hilfstruppen spielten im kaiserzeitl. Heer die Rolle spezialisierter Kampfeinheiten (z.B. Reiterei, Bogenschützen). Nicht zum R. gehörten die milites Helvetiorum, die im Bürgerkriegsjahr 69 n.Chr. aufgerieben wurden. Mit der Entlassung erhielten die Auxiliarsoldaten u.a. das röm. Bürgerrecht. Viele Legions- und Hilfstruppenveteranen liessen sich danach in der Nähe ihrer ehemaligen Truppe nieder. Das R. sicherte somit die Verbreitung der lat. Sprache, des röm. Bürgerrechts, der röm. Werte, Lebensweisen und Kultur im Umland des Stationierungsorts.

Nach dem Abzug der 11. Legion waren bis gegen Ende des 3. Jh. n.Chr. auf dem heutigen Gebiet der Schweiz keine röm. Truppen mehr fest stationiert. Gegen Ende des 1. Jh. n.Chr. und im 2. Jh. n.Chr. wurden im Gebiet der Helvetier, im Wallis und bei den Raurakern jedoch neue Hilfstruppen aufgestellt. Helvetier dienten auch in anderen Hilfstruppen und sogar in der berittenen kaiserl. Leibgarde.

Nach den Germaneneinbrüchen um die Mitte des 3. Jh. n. Chr. wurden die Rheingrenze und z.T. auch die Nachschubwege v.a. unter den Ks. Diokletian (284-305), Konstantin I. (306-337) und Valentinian I. (364-375) neu befestigt. Von den spätröm. Grenzbesatzungen sind lediglich Teile der legio I Martia vom frühen 4. Jh. an in Kaiseraugst bezeugt sowie im Kastell in Arbon spätestens gegen Ende des 4. Jh. die cohors Herculea Pannoniorum. Der Boden- und der Genfersee wurden durch Flotten bewacht. Der Abzug der letzten kaiserl. Grenztruppen wird allgemein für das Jahr 401/402 angenommen.

Quellen und Literatur

  • R. Fellmann, La Suisse gallo-romaine, 1992
  • M.A. Speidel, Die röm. Schreibtafeln von Vindonissa, 1996