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Naturheilkunde

Generell wird unter N. eine naturgemässe Medizin verstanden, welche sich durch die erstrangige Anwendung naturnaher Heilkräfte (Licht, Luft, Wasser, Diätetik und Körperübungen) sowie direkt in der Natur vorkommender Wirkstoffe (z.B. Heilpflanzen und Mineralien) und nicht zuletzt auch durch psychosomat.-bioenerget. Heilmethoden (wie etwa Meditation und Heilmagnetismus) von der naturwissenschaftl. Medizin abgrenzt. Letztere stellt die Schulmedizin dar, also die an den Universitäten vermittelte offizielle Lehrmeinung. Im Sinne von Naturgesetzlichkeit beruft sich diese ja ebenfalls auf die Natur, ist gegenwärtig aber mehrheitlich materiell-technisch orientiert (chem.-synthet. Arzneien, Chirurgie usw.).

Kolorierte Federzeichnung im Kapitel über die Gesundheit in der Zürcher Handschrift Regimen sanitatis von Heinrich Laufenberg, 1479–1485 (Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 102b, Fol. 101r).
Kolorierte Federzeichnung im Kapitel über die Gesundheit in der Zürcher Handschrift Regimen sanitatis von Heinrich Laufenberg, 1479–1485 (Zentralbibliothek Zürich, Ms. C 102b, Fol. 101r). […]

Die Naturnähe der N. ist meist mit dem Anspruch verbunden, primär regulativ (d.h. durch Anregung der körpereigenen Heilkräfte) auf den Organismus einzuwirken. Dies steht ebenfalls im Gegensatz zur Schulmedizin, welche zwar immunstimulierende Verfahren wie die Impfung auch kennt, sonst aber mehrheitlich symptombekämpfende Massnahmen einsetzt. Der schärfste Gegensatz zur Schulmedizin ergibt sich jedoch aus der in der N. sehr verbreiteten Modellvorstellung, dass eine immateriell-feinstoffliche, den ganzen Körper durchströmende Lebenskraft der materiellen Biologie des Organismus übergeordnet ist und als direkt mit der Psyche gekoppeltes sowie stets als Ganzheit funktionierendes Regulationssystem primär für die Erhaltung der Gesundheit verantwortlich ist (bioenerget. Ganzheitsmedizin).

Erst die im Zuge der Aufklärung einsetzende techn.-industrielle Revolution der letzten zweihundert Jahre machte eine klare Unterscheidung von N. und naturwissenschaftl. Medizin möglich. Als Vorkämpfer setzte der Arzt Paracelsus gegen die damalige Schulmedizin durch genaue Naturbeobachtung im 16. Jh. wichtige Signale für die spätere naturwissenschaftl. Medizin, blieb aber fest mit seinem lebensenergetischen, letztlich in der Alchemie verwurzelten, ganzheitl. Denkansatz verbunden (Volksmedizin). So ist er z.B. gleichzeitig auch der früheste Vordenker der Homöopathie, der um 1800 durch den dt. Arzt Samuel Hahnemann begründeten Heilmethode nach dem Ähnlichkeitsprinzip. Auch der Emmentaler Dorfarzt Michel Schüppach stand Mitte des 18. Jh. als erfolgreicher Vertreter der intuitiven Harndiagnostik gleichzeitig chirurgisch auf der Höhe des damaligen Wissens. Franz Anton Mesmer geriet mit seinem Heilmagnetismus dann aber bereits in der 1. Hälfte des 19. Jh. in das sich öffnende Spannungsfeld zwischen seiner lebensenerget.-feinstoffl. Heilweise und der sich immer mehr nur noch rein materiell-rationalistisch definierenden Schulmedizin. Ebenfalls in die Grauzone der Alternativmedizin abgedrängt wurde die Homöopathie, zu deren Weiterentwicklung Schweizer Ärzte erhebl. Beiträge lieferten.

In den Städten formierte sich im späten 19. Jh. die eigentliche Zurück-zur-Natur-Bewegung (Lebensreformbewegung). Einer ihrer frühesten Pioniere war der Schweizer Laienpraktiker Arnold Rikli, der im heutigen Slowenien eine aus sog. Lufthütten aufgebaute und ganz der vegetar. Licht-, Wasser- und Lufttherapie gewidmete Kuranstalt gründete. Sein Anliegen wurde zu Beginn des 20. Jh. von den Gründern des vegetar.-lebensreformer. Zentrums auf dem Monte Verità in Ascona aufgenommen, das v.a. als ideolog.-kulturelle Speerspitze der naturheilkundl. Bewegung weltweit wirksam war.

Von grösserer medizin. Bedeutung war das 1904 nach demselben Konzept von Maximilian Oskar Bircher in Zürich gegr. Sanatorium am Zürichberg mit dem weltberühmt gewordenen Birchermüesli (Ernährung). In Graubünden erreichte Pfarrer Johannes Künzle 1922 die Zulassung der Naturheilpraxis (Heilkräuter). In Lutry entwickelte Catherine Kousmine, die aus Russland stammte und in Lausanne das Medizinstudium abgeschlossen hatte, in den 1940er Jahren eine spezielle Diät zur Krebsbekämpfung. Arthur Vogel popularisierte mit Echinacea eine nordamerikan. Heilpflanze in der Schweiz und industrialisierte damit gleichsam die Phytotherapie. Auch die ebenfalls aus der naturheilkundl. Bewegung in Verbindung mit den Lehren Rudolf Steiners hervorgegangene anthroposoph. Medizin (Anthroposophie) hat ihre wichtigsten Zentren in der Schweiz. Als eine tragende Säule der N. etablierte sich ab Mitte des 20. Jh. die zur Traditionellen Chines. Medizin (TCM) gehörige Akupunktur (Gesundheitswesen). 2009 nahm der Souverän den Gegenentwurf zur 2005 eingereichten Volksinitiative "Ja zur Komplementärmedizin" an, die zugunsten des Gegenentwurfs zurückgezogen wurde. Die Initiative forderte u.a. adäquate Methoden für die umstrittene Wirksamkeitsüberprüfung und die Wiederaufnahme der fünf alternativen Heilmethoden (Anthroposoph. Medizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Pflanzenheilkunde und TCM) in die Grundversicherung, die bereits 1999-2005 abgedeckt gewesen waren.

Quellen und Literatur

  • S. Roth, «Im Streit um Heilwissen», in Geselligkeit, Sozietäten und Vereine, hg. von H.U. Jost, A. Tanner, 1991, 111-137
  • DuMonts grosse Enzyklopädie N., hg. von C. Bruch, 2002
  • B. Koster, Initiative "Ja zur Komplementärmedizin": eine Standortbestimmung der Einstellung der Schweizer Bevölkerung zur Komplementärmedizin und die daraus abgeleiteten Kommunikationsstrategien für Campaigning, Liz. Freiburg, 2006