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Schriftlichkeit

Schrift, Kultur und Geschichte sind eng miteinander verknüpft. Aus kulturanthropologischer Perspektive wird unter Schriftlichkeit eine mediale Kommunikationsform neben anderen verstanden. Die Mündlichkeit (Oralität) bildet ihren Gegenpol. In der älteren Forschung wurde das kulturelle (Nicht-)Verwenden von Schrift als zentrales Merkmal der Unterscheidung von Urgeschichte und Geschichte angeführt. Demgemäss hätte nur eine auf schriftliche Überlieferung gegründete Geschichte als solche zu gelten, während eine schriftlose Kultur geschichtslos wäre. Der medial begründeten Definition der Schriftlichkeit sind Verschriftlichung bzw. Entschriftlichung, d.h. die zunehmende bzw. abnehmende kulturelle Verwendung von Schrift, idealtypisch zugeordnet. Verschriftlichung ist als (sozio)kultureller Prozess zu verstehen, in dessen Verlauf Inhalte schriftlich ausgedrückt, übermittelt und rezipiert werden, die bisher ohne Schrift oder gar nicht kommuniziert wurden. Umgekehrt sind immer auch Entwicklungen des abnehmenden Schriftgebrauchs zu beobachten. Beide Prozesse können innerhalb einer Gesellschaft zeitgleich vorkommen. Sie sind grundsätzlich an soziale Gruppen, an Inhalte und Formen der Kommunikation gebunden.

Im Raum der heutigen Schweiz sind aus vorrömischer Zeit Schriftfragmente (Inschriften, Stempel auf Tonwaren, Münzen) erhalten, die eine Schrift verwendende Kultur belegen. Bis in die Spätantike blieb die lokale Schriftkultur in den römischen Kulturkreis eingebettet. Als der Einfluss der römischen Kultur schwand, wurde die Schrift deutlich weniger verwendet. Nebst der Kultur der Spätantike bildeten die auf der Schrift beruhende christliche Religion und die orale Kultur der germanischen Völker die Grundlage für die Entwicklung der Schriftlichkeit im Früh- und Hochmittelalter. Verbreitet waren vor allem in lateinischer Sprache verfasste hagiografische sowie liturgische Werke, Abschriften der Bibel und der Texte der Kirchenväter. Diese Schriften wurden bis ins 12. Jahrhundert vorwiegend von Geistlichen in Stiften und Klöstern gelesen und vervielfältigt. Die Ausweitung der Schriftlichkeit ab 1150 auf Verwaltung und Recht (Kodifizierung von Gesetzen) fand zuerst in den südalpinen und westlichen Gebieten, ab ca. 1300 auch in den übrigen Regionen statt (Kanzlei). Schriftlichkeit wurde damit zu einem Mittel zur Durchsetzung von Normen und Praktiken. Der Verschriftlichungsprozess des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit erfasste die Buchführung und das Gerichts- und Notariatswesen (Notariat), womit die Entstehung des Notarenberufs – vor allem in der West- und Südschweiz – verbunden war. Der Verschriftlichungsprozess in der Politik (Flugschriften, Traktate, Abschiede, Instruktionen, Korrespondenzen) und die enge Verbindung von städtischer Kaufmannschaft bzw. städtischen Führungsgruppen mit Schriftgebrauch wirkten sich auf die Organisation von Herrschaft aus. Die private Schriftlichkeit (Briefe, Hausbücher, biografische Schriften) vergrösserte zudem den Kreis der Lesenden. Mit der Erfindung des Buchdrucks und der damit verbundenen Massenproduktion von schriftlichen Erzeugnissen griffen kirchliche und weltliche Herrschaftsträger zu den ersten konkret fassbaren Zensurmassnahmen (Zensur). Die Entwicklung zeigt, wie stark der Zugang zur Schrift ein Mittel zur Sozialdisziplinierung war.

Von der Reformation an und in noch stärkerem Ausmass seit der Aufklärung und dem Ende des Ancien Régime wurden Lese- und Schreibfähigkeit als grundlegendes Bildungsgut verstanden. Die bürgerliche Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts propagierte die Alphabetisierung als öffentliche Aufgabe. Das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gelten als Zeit der stärksten Schriftverbreitung. Mit dem Aufkommen neuer auditiver und visueller Medien ab ca. 1960 verlor die Schrift bei der Informationsverbreitung an Bedeutung (neue Mündlichkeit). Der Eintritt ins Computer-Zeitalter hat die Formen der Kommunikation und damit auch die Methoden des Schriftgebrauchs erneut verändert.

Quellen und Literatur

  • J. Goody, Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft, 1990
  • M. McLuhan, Die Gutenberg-Galaxis, 21995 (engl. 1962)
  • T. Hildbrand, Herrschaft, Schrift und Gedächtnis, 1996
  • A. Messerli, Lesen und Schreiben 1700 bis 1900, 2002
  • Scripta volant, verba manent: Schriftkulturen in Europa zwischen 1500 und 1900, hg. von A. Messerli, R. Chartier, 2007
  • S. Teuscher, Erzähltes Recht: lokale Herrschaft, Verschriftlichung und Traditionsbildung im SpätMA, 2007
Weblinks

Zitiervorschlag

Thomas Hildbrand: "Schriftlichkeit", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.11.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025628/2012-11-21/, konsultiert am 17.08.2022.