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Physiokratie

Die Physiokratie ist eine in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstandene Wirtschafts- und Staatstheorie, die sich als Gegenbewegung zum Merkantilismus verstand und die Eingriffe des Staates auf ein Minimum beschränken wollte. Neben Pierre Samuel Du Pont de Nemours, auf dessen «Physiocratie ou constitution naturelle du gouvernement le plus avantageux» (1767) der Begriff Physiokratie zurückgeht, waren François Quesnay und der Marquis Victor de Mirabeau Hauptvertreter der französischen Physiokratie. Für sie war die Landwirtschaft, nicht der Handel, der einzige Wirtschaftszweig, der einen Reinertrag (produit net) hervorbringen konnte. Nach der physiokratischen Lehre sollten die Grundeigentümer mindestens die Hälfte ihres Einkommens aus der Landwirtschaft tätigen. Die Physiokratie forderte eine grundlegende Modernisierung des produktiven Sektors, ihr Ideal war eine kapitalintensive, technisierte Pächterwirtschaft nach englischem Vorbild.

Deutsche Titelseite aus der Reihe Abhandlungen und Beobachtungen, publiziert 1767 in Deutsch und Französisch von der Ökonomischen Gesellschaft zu Bern (Schweizerische Nationalbibliothek).
Deutsche Titelseite aus der Reihe Abhandlungen und Beobachtungen, publiziert 1767 in Deutsch und Französisch von der Ökonomischen Gesellschaft zu Bern (Schweizerische Nationalbibliothek). […]
Französische Titelseite aus der Reihe Abhandlungen und Beobachtungen, publiziert 1767 in Deutsch und Französisch von der Ökonomischen Gesellschaft zu Bern (Schweizerische Nationalbibliothek).
Französische Titelseite aus der Reihe Abhandlungen und Beobachtungen, publiziert 1767 in Deutsch und Französisch von der Ökonomischen Gesellschaft zu Bern (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Die Physiokratie fand schnell ihre Anhänger in der Schweiz. Eine Pionierrolle kam der 1759 gegründeten Berner Ökonomischen Gesellschaft (Ökonomische Gesellschaften) zu, die ein Korrespondentennetz in der ganzen Schweiz aufbaute. Mittels Preisfragen holte sie Verbesserungsvorschläge ein, die dann in den «Abhandlungen und Beobachtungen durch die Ökonomische Gesellschaft zu Bern gesammelt» publiziert wurden (Agrarrevolution). Die Beiträge galten so verschiedenen Gebieten wie der Bienenzucht, dem Futterbau oder auch der Be- und Entwässerung. Prämien sollten jedoch auch Praktikern zugute kommen. Meist kurzlebige, von Bern inspirierte Sozietäten entstanden vor allem in der bernischen Waadt, so in Aigle, Avenches, Lausanne, Nyon, Payerne, Vevey, aber auch in Freiburg (1761 bis um 1768). Auch in anderen Landesteilen verbreiteten Sozietäten physiokratische Ideen, so in Basel, Solothurn und Chur.

In Zürich tat sich die 1759 gegründete Ökonomische Kommission der Naturforschenden Gesellschaft (bis 1831) in der Popularisierung physiokratischer Ideen hervor, wobei sich diese mit merkantilistisch-kameralistischem Gedankengut mischten. Verbindungsmann zur bäuerlichen Bevölkerung war Jakob Gujer, genannt Kleinjogg, der auf seinem Musterbetrieb die physiokratischen Lehren in die Praxis umsetzte. Obwohl sich die Naturforschende Gesellschaft fast ausschliesslich aus Vertretern der Oberschicht zusammensetzte, formierten sich in der Obrigkeit und im Rat Widerstände gegen allzu forcierte Neuerungen. Bekanntestes Opfer der obrigkeitlichen Ablehnung war Johann Heinrich Waser, Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft, der seiner Statistiken wegen 1780 zum Tode verurteilt und enthauptet wurde. Nach 1770 kann ein abnehmender Reformeifer beobachtet werden, und auch von Seiten der Bauern wurde Widerstand geübt, da es innerhalb der bäuerlichen Bevölkerung aufgrund der ausgeprägten sozialen Ungleichheit widersprüchliche Interessen gab.

Eine spezifisch schweizerische Note erhielt der physiokratische Diskurs durch die Solddienstfrage. Kritisiert wurde der stetige Bevölkerungsverlust durch den Solddienst; dieser würde die Eidgenossenschaft schwächen und letztlich zu ihrem Untergang führen. Deshalb sollte die ländliche Bevölkerung unterstützt werden. Die Ökonomischen Patrioten übten denn auch einen grossen Einfluss in der Helvetischen Gesellschaft (1761-1797) aus, in der mit Isaak Iselin und Niklaus Emanuel Tscharner prominente Anhänger der physiokratischen Lehre wirkten. Iselins «Bekehrung» zur Physiokratie wird ins Jahr 1770 datiert. Dessen «Träume eines Menschenfreundes» von 1776 und die von ihm herausgegebene Monatsschrift «Ephemeriden der Menschheit» (1776-1782) sind zusammen mit den Schriften des Volkswirtschafters Jean Herrenschwand die gedanklich anspruchsvollsten Werke der Schweizer Physiokratie.

Quellen und Literatur

  • G.C.L. Schmidt, Der Schweizer Bauer im Zeitalter des Frühkapitalismus, 1932
  • H.R. Rytz, Geistliche des alten Bern zwischen Merkantilismus und Physiokratie, 1971
  • E. Erne, Die schweiz. Sozietäten, 1988
  • R. Graber, «Reformdiskurs und soziale Realität. Die Naturforschende Ges. in Zürich als Medium der Volksaufklärung», in SZG 47, 1997, 129-150
  • P. Rásonyi, Promotoren und Prozesse institutionellen Wandels. Agrarreformen im Kt. Zürich im 18. Jh., 2000
Weblinks

Zitiervorschlag

Fabian Brändle: "Physiokratie", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 28.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026192/2010-09-28/, konsultiert am 12.08.2022.