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Vermögenssteuer

Unter Vermögenssteuer wird die Besteuerung von in Geldwert bemessenem Vermögen, d.h. von mobilem (Bargeld) sowie immobilem Besitz (Grundbesitz, Immobilien) eines Wirtschaftssubjekts verstanden (Steuern). Als Sonderform der Vermögenssteuern müssen die Vermögensverkehrssteuern erwähnt werden, die im Laufe der Zeit die verschiedensten Formen annehmen konnten (z.B. Stempelabgabe, Erbschaftssteuern, Handänderungssteuern).

Im Spätmittelalter wurden in der Eidgenossenschaft mit der Ausbreitung der Geldwirtschaft vor allem in den Städten, aber auch auf dem Land wiederholt Vermögenssteuern erhoben, um damit ausserordentliche Ausgaben zu decken. In einzelnen Städten, unter anderem in Schaffhausen und St. Gallen, entwickelten sich solche ausserordentlich erhobenen Vermögenssteuern zu jährlich regelmässigen Steuern, welche einen mehr oder weniger bedeutenden Anteil an den öffentlichen Finanzhaushalten dieser Gemeinwesen einnahmen. Personen, deren Vermögen unterhalb einer gewissen Höhe lag, wurden jeweils nach ihren Einkommen besteuert (Einkommenssteuer). Als Sonderform der Vermögenssteuer lässt sich im Gebiet der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft die sogenannte Abzugssteuer als Vermögensverkehrssteuer feststellen, welche den Abfluss von Vermögenswerten durch Wegzug der steuerpflichtigen Person oder durch Vererbung an Auswärtige erfasste. Durch bi- und multilaterale Abkommen versuchten die einzelnen Orte, gegenseitige Abzugsfreiheit für ihre Angehörigen zu sichern. In den meisten Orten der Eidgenossenschaft wurden Vermögenssteuern nur ausserordentlich erhoben, häufig zur Deckung von durch Kriegsfolgen entstandenen Schulden. Nicht selten führten solche ausserordentliche Steuererhebungen zu Unruhen und Aufständen.

In der Zeit des helvetischen Einheitsstaats wurden erstmals direkte Steuern – die Vermögenssteuer nahm den gewichtigsten Anteil darunter ein – als Grundlage für die Staatsfinanzierung eingeführt. Obwohl mit der Mediation 1803 die helvetische Steuergesetzgebung wieder verschwand, blieb die Vermögenssteuer in einzelnen Kantonen eine wichtige Einnahmequelle. Mit der Errichtung des schweizerischen Bundesstaats 1848 und der Abtretung der Zollhoheit von den Kantonen an den Bund gewannen die Vermögenssteuern nicht ohne Widerstand einen immer bedeutenderen Anteil an den kantonalen Finanzen. In einzelnen Kantonen wurden sie durch Erwerbs- bzw. Einkommenssteuern ergänzt (erstmals 1840 im Kanton Basel-Stadt).

Plakat von Hans Beat Wieland für die Volksabstimmung vom 3. Dezember 1922 über die Ergänzung von Artikel 42bis der Bundesverfassung (Privatsammlung).
Plakat von Hans Beat Wieland für die Volksabstimmung vom 3. Dezember 1922 über die Ergänzung von Artikel 42bis der Bundesverfassung (Privatsammlung). […]
"Die Vermögensabgabe in Form von Naturalien". Plakat von Edouard Elzingre für die Volksabstimmung vom 3. Dezember 1922 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
"Die Vermögensabgabe in Form von Naturalien". Plakat von Edouard Elzingre für die Volksabstimmung vom 3. Dezember 1922 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). […]

Bis zum Ersten Weltkrieg blieb allerdings in den meisten Kantonen die Vermögenssteuer die wichtigste Einnahmequelle; erst in dieser Zeit wurde sie zugunsten eines zunehmenden Ausbaus der Einkommenssteuer in ihrer Vormachtstellung abgelöst. Aufgrund der durch den Weltkrieg verursachten starken Staatsverschuldung sah sich der schweizerische Bundesstaat 1915 erstmals veranlasst, auch auf eidgenössischer Ebene direkte Bundessteuern zu erheben, die in ähnlicher Form wie die Kantone das Einkommen und das Vermögen besteuerten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden mit dem sogenannten Wehropfer 1940 und 1942 erneut ausserordentliche Vermögenssteuern erhoben. Bis heute wird die direkte Bundessteuer als wesentliche Einnahmequelle des Bundes gegen Widerstand vor allem von bürgerlicher Seite erhoben. Linke Kräfte suchten hingegen ab den 1920er Jahren wiederholt, die Vermögen stärker zu besteuern. 1922 scheiterte jedoch eine entsprechende Initiative am Widerstand breiter bürgerlicher Kreise ebenso wie 1977 die sogenannte Reichtumssteuer. Indes wurden auf kantonaler Ebene solche Reichtumssteuern vereinzelt angenommen, unter anderem 1972 im Kanton Basel-Landschaft. Ausserdem fordern linke Kreise neben der heute gängigen Versteuerung des in Aktienkapital angelegten Vermögens auch die Besteuerung von Kapitalgewinnen, die aus dem Aktienverkauf erzielt werden, was bürgerliche Parteien allerdings strikte ablehnen.

Quellen und Literatur

  • K. Hauser, «Über den Abzug in der Schweiz», in JSG 34, 1909, 1-162
  • HSVw 1, 362-367, 503 f.
  • W. Schnyder, «Soziale Schichtung und Grundlagen der Vermögensbildung in den spätma. Städten der Eidgenossenschaft», in Altständ. Bürgertum 2, hg. von H. Stoob, 1978, 425-444
  • Die Schweizer Wirtschaft 1946-1986, 1987, 149-171
  • K. Schmuki, Steuern und Staatsfinanzen, 1988
Weblinks

Zitiervorschlag

Oliver Landolt: "Vermögenssteuer", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.03.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026201/2015-03-19/, konsultiert am 26.09.2022.