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Krisen

Der Begriff Krise (von griechisch krisis = Scheidung, Streit, Entscheidung, angewandt im medizinischen, theologischen und juristischen Kontext) wurde in der französischen Sprache ab dem 17., in der deutschen ab dem 18. Jahrhundert zur Charakterisierung von zunächst militärischen, dann auch politischen Situationen verwendet, die von den Handlungsträgern einen Entscheid bzw. konkrete Massnahmen verlangten. Seitdem dient die Diagnose einer Krise auch als Rechtfertigung eines Eingreifens, wie umgekehrt Interessengruppen Krisen oder Scheinkrisen herbeireden, um ihre Anliegen durchzusetzen. Im Revolutionszeitalter wurde der Begriff Krise einerseits, geschichtsphilosophisch aufgeladen, zum "Ausdruck einer neuen Zeiterfahrung, Faktor und Indikator eines epochalen Umbruchs", der einmalig ist und "die Qualität der Geschichte grundsätzlich verändert" (Reinhart Koselleck). Andererseits diente der Terminus dann auch in anderen Wissenschaften wie im alltäglichen Sprachgebrauch zunehmend zur Bezeichnung von Problemsituationen aller Art, die mit den herkömmlichen Problemlösungstechniken nicht überwunden werden konnten, sondern ein spezifisches Krisenmanagement verlangte. Solche Situationen können einmalig sein, sich wiederholen oder sich zu chronischen Krisen auswachsen. Sie werden je nach Standort des Betrachters negativ oder positiv beurteilt. Die von der Geschichtswissenschaft rezipierten soziologischen Krisentheorien versuchen, Ursachen, Verlauf und Möglichkeit der Beendigung von gesellschaftlichen und politischen Krisen zu erklären. Krisen werden als Störungen der System- bzw. Umweltbeziehungen begriffen, die den Fortbestand des Systems oder wichtiger Strukturen desselben gefährden. Dementsprechend rücken in der soziologischen Diskussion Probleme der Anpassung von System und Mitwelt, von Stabilität und Wandel oder von Komplexitätssteigerung und Komplexitätsbewältigung sowie die aus diesen resultierenden sozialen Konflikte in den Vordergrund.

Erst im 19. Jahrhundert wurde der Begriff Krise anstelle älterer Ausdrücke wie Rückfall oder Stockung auch im ökonomischen Kontext benutzt. Unter Wirtschaftskrise im engen Sinn versteht man die Wende im Zyklus der Konjunktur, also den Umschlag vom Auf- zum Abschwung, falls dieser in brüsker Form erfolgt und von Konkursen, tiefen Stürzen der Börsenkurse sowie grossen Preiseinbrüchen begleitet ist. In der Umgangs- und der historischen Fachsprache begreift man häufig nicht nur die kurze Spanne des Konjunkturumschwungs, sondern auch die folgende Periode der Depression als Wirtschaftskrise. In der vorindustriellen Zeit wurden Wirtschafts- und Bevölkerungskrisen oft durch Naturkatastrophen, Seuchen (auch Viehseuchen), Missernten, Kriege usw. ausgelöst (Krise des Spätmittelalters), aber auch Spekulationskrisen sind schon nachweisbar. Mit der Industrialisierung wurden die Spekulationskrisen (Eisenbahn, Bergbau usw.) häufiger. Durch den raschen Wandel der Produktionstechniken und der Standortbedingungen verloren mehrfach ganze Branchen in kürzester Zeit ihre Konkurrenzfähigkeit; Politik und Wirtschaft bezeichnen solche Phänomene in der Regel als Strukturkrisen. Als Folge der zunehmenden Verflechtung der Nationalökonomien und der Entstehung des Weltmarkts wirken sich ökonomische Krisen in einem Staat oft direkt in anderen aus, so dass seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch mehrere Weltwirtschaftskrisen zu verzeichnen sind. Die internationale Dependenz nahm im ausgehenden 20. Jahrhundert noch zu.

Ein Lastwagen der Aktion "Semaine du kilo" in Lausanne. Fotografie aus der Illustrierten En famille vom 17. Februar 1934 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Ein Lastwagen der Aktion "Semaine du kilo" in Lausanne. Fotografie aus der Illustrierten En famille vom 17. Februar 1934 (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Politische und gesellschaftliche Krisen sind in vielfältiger Weise mit wirtschaftlichen rückgekoppelt. Andauernde Hungersnöte führten schon lange vor der Moderne zur Infragestellung der Legitimität der jeweiligen Herrschaftsträger und zu Revolten. Umgekehrt ziehen grössere gesellschaftliche oder politische Krisen wirtschaftliche nach sich, weil in Zeiten, in denen die Zukunft nicht gesichert erscheint, in der Regel die Investitionen erheblich zurückgehen und damit politische Krisen in ökonomische überführt werden.

Die Erforschung von Krisen fand in der schweizerischen Geschichtswissenschaft bis in die 1970er Jahre nur wenig Aufmerksamkeit. Dies erklärt sich durch ein schweizerisches Selbstverständnis, dessen ungebrochene territoriale und politische Kontinuität als herausragendes Merkmal aufgefasst wurde. Die Geschichtsschreibung pflegte die verkürzte These, der schweizerische "Sonderfall" beruhe auf fein austarierten Konfliktbewältigungsstrategien, dank derer die "Einheit in der Vielfalt" dauernd möglich wurde. Krisen als Wendepunkte der historischen Entwicklung und als Umbrüche im gesellschaftlichen Leben hatten in diesem Geschichtsbild nur wenig Platz.

Einzelne Schweizer Historiker haben sich aber durchaus mit dem Phänomen der Krisen befasst. Da die Forschung durch das Erleben aktueller Krisen zur Rekonstruktion vergangener Umbrüche angeregt wird, die intensive Beschäftigung mit historischen Umbrüchen also selbst ein Indiz für krisenhaften Wandel ist, lässt sich anhand der Erscheinungsdaten der im folgenden angesprochenen Literatur ein schweizerischer "Krisenkalender" erstellen. In diesem figurieren die 1890er Jahre, die frühen 1920er und 1930er sowie die 1970er Jahre als Phasen krisenhafter Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens, die aber auch viele Innovationen hervorgebracht haben. Die Studien über Krisenphänomene stammten lange Zeit nicht von den Vertretern der etablierten Nationalgeschichte, sondern von Aussenseitern.

Jacob Burckhardt unterscheidet im historischen Prozess zwischen den "allmählichen und dauernden Einwirkungen und Verflechtungen der grossen Weltpotenzen" und den "beschleunigten Prozessen" oder eben "geschichtlichen Krisen, in denen Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen", innerhalb weniger Wochen ablaufen. Damit unterscheidet er zwischen gesellschaftlichen Krisenlagen und einem Normalzustand, der aber keineswegs konfliktfrei sein muss. Burckhardts Krisenphänomenologie ist am revolutionären Frankreich um 1789 orientiert. Zentral ist der Ansteckungscharakter der Krise, die immer weitere Kreise erfasst, alle gesellschaftlichen Beziehungen infiziert und schliesslich die herrschende Macht in Frage stellt. Typisch ist nicht nur der Pessimismus, den Burckhardt mit der darauffolgenden Restauration einer neuen alten Ordnung verbindet, sondern auch das kreative Potenzial, das er beobachtet, wenn "Schranken zu Boden gerannt sind oder eben werden." Allerdings hat Burckhardt den Krisenbegriff nicht präzis ausgeführt und auch nicht empirisch auf die Schweiz angewandt.

In der Zwischenkriegszeit wurde der Diskurs von den Rändern des politischen Spektrums lanciert. Der sozialistische Politiker Robert Grimm forderte das harmonische, kontinuitätsbetonte freisinnige Geschichtsbild mit einem Gegenentwurf heraus, der sich an geschichtstheoretischen Überlegungen von Karl Marx orientierte: Klassenkämpfe und ihre Zuspitzung zu krisenhaften revolutionären Umschlagspunkten trieben gemäss dieser Auffassung den historischen Prozess voran. Der Freiheitskampf der Eidgenossen, die Entstehung der Zünfte, die Reformation und der Bauernkrieg, die Helvetik und die Bundesstaatsgründung seien das Resultat ökonomisch motivierter Klassenkämpfe, in denen eine Gesellschaftsformation krisenhaft in die nächste überginge. Folgerichtig interpretierte Grimm den Generalstreik 1918 und die konservative Stabilisierung nach dessen Niederschlagung als Krisen der liberalen Demokratie im Übergang zu einem autoritären System.

Im Kontext der "Krise des Liberalismus" deutete auch der rechte Intellektuelle Gonzague de Reynold die Geschichte der Schweiz. Er widersprach dem linearen Fortschrittsdenken der liberalen Geschichtsschreibung und lehnte die Ideen von 1789 kategorisch ab: Der aus dem Ausland importierte "Démocratisme", der die Umbrüche von 1798 und 1848 verursachte, habe die Schweiz sich selbst entfremdet und eine Kluft zwischen dem "pays légal" und dem "pays vivant" aufgerissen. Der Bruch mit der Tradition der vorrevolutionären Eidgenossenschaft habe die Schweiz "krank gemacht". Nun brauche sie einen Mann, der das Land, gestützt auf die christliche Familie und ständestaatliche Strukturen, aus der Krise führe. Krise definierte de Reynold als jene "entscheidende Spanne Zeit", in der sich ein Umschwung vorbereite, von dem aber niemand wisse, ob er zum Heil oder zum Unheil gereichen werde. Mit dieser am medizinischen Krisenbegriff orientierten Definition blieb de Reynold seinem organischen Gesellschaftsmodell treu. Er betonte aber auch die Offenheit des historischen Prozesses und distanzierte sich vom liberalen Credo der fortschreitenden Vervollkommnung der nationalen Verhältnisse.

Anders als Grimms Vorstoss, der kaum beachtet wurde, löste de Reynolds Analyse heftigen Widerspruch von liberaler und linker Seite aus. Die grosse Mehrzahl der Historiker konzentrierte sich – zumal in den Jahren der Geistigen Landesverteidigung – auf die Darstellung eines geradlinigen Weges der Schweiz. Einer Geschichtsforschung, die sich als nationale Sinn- und Identitätsstifterin verstand, lag es fern, sich systematisch mit Krisen auseinanderzusetzen.

Erst 1968 wurde dieser sozusagen krisenfreien Geschichtsbetrachtung eine andere Perspektive entgegengestellt. Sie nahm ein Krisenbewusstsein auf, das schon mit dem "helvetischen Malaise" einen früheren bürgerlichen Ausdruck gefunden hatte und gab ihm unter dem Einfluss der Frankfurter Schule eine neomarxistische Deutung. Die Krise der "spätbürgerlichen Gesellschaft" wurde vor dem Hintergrund einer Geschichtsauffassung analysiert, die sich explizit gegen die blosse Aufzählung und Schilderung historischer Tatsachen abgrenzte und stattdessen erklären und aufklären wollte, und zwar nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart. Gemäss dieser Anschauung war die Krise nicht ein Produkt des Zufalls, sondern eine Folge des Spätkapitalismus: Sie resultiere aus den Widersprüchen zwischen den dynamischen Produktivkräften und den statischen Produktionsverhältnissen, die sich im historischen Prozess ruckartig anzupassen hätten.

Der kreative Umgang mit dem Marxismus leitete eine Öffnung der Geschichte gegenüber den Sozialwissenschaften ab den 1970er Jahren ein, die sich auch in einer vermehrten Auseinandersetzung mit Krisenphänomenen äusserte. Hansjörg Siegenthaler entwickelte in den 1980er Jahren ein Modell des sozialen Wandels, das wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftliche Krisen systematisch aufeinander bezieht: Das wirtschaftliche Wachstum zieht zwangsläufig Brüche in der gesellschaftlichen Entwicklung nach sich, weil es Verschiebungen der relativen Preise sowie eine Steigerung der sozialen Mobilität auslöst und somit zu Spannungen im jeweiligen Status- und Normensystem führt. Individuelle und kollektive Akteure verlieren dadurch das Vertrauen in die bestehenden Orientierungsangebote, was zukunftsgerichtetes Handeln sowie insbesondere die Investitionstätigkeit hemmt. Gleichzeitig öffnet sich der "Marktplatz der Ideen", und die konkurrierenden Realitätsdeutungen verschärfen die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Erst nach konfliktreichen Integrations- und Ausgrenzungsprozessen stehen jene Akteure fest, die in der Lage sind, wieder ein stabiles Set von Ideen und Institutionen zu schaffen. Das Modell unterscheidet also zwei "Aggregatzustände" moderner Gesellschaften: Zum einen die strukturdeterminierte Normalphase, in der stabile Orientierungen wirtschaftliches Wachstum begünstigen und soziale Konflikte im Schoss der dafür vorgesehenen Institutionen entsorgt werden. Zum anderen die kürzere Krisenphase, in der neue Strukturen mühsam gebildet werden müssen.

Das Modell lässt sich mikrosoziologisch belegen, wenn man die Deutungsabhängigkeit sozialen Handelns voraussetzt und Kollektive als Vermittler von Weltdeutungen postuliert. Von der Überlegung ausgehend, dass die Welt von den Akteuren interpretiert und intersubjektiviert werden muss, schufen Kurt Imhof und Gaetano Romano eine kommunikationstheoretische Erweiterung von Siegenthalers Modell, indem sie die Genese und Reproduktion von Weltbildern öffentlichen Diskursen zuschrieben. In den verschiedenen Arenen der "Öffentlichkeit" werden handlungsleitende Deutungsmuster entworfen, eigene und fremde Identitäten aufgebaut und politische Definitionsmacht etabliert. Allerdings gelingt das nur auf Zeit. Denn die angesprochenen Modernisierungsprozesse entwerten bestehende Deutungsmuster, schaffen Raum für konkurrierende Bewegungen und neue Medien, die den öffentlichen Diskurs verändern. So lässt sich gesellschaftlicher Wandel als krisenhafter Strukturwandel von Öffentlichkeit beschreiben.

Dieser Forschungsansatz, der die neue Geschichte der Schweiz als eine Abfolge von Krisen- und Stabilisierungsprozessen interpretiert, wurde vielfach rezipiert, insbesondere auch in neueren Forschungen über den Bundesstaat. Die Geschichtswissenschaft hat angesichts der Europafrage, der Spannungen zwischen den Sprachregionen und der Diskussionen um die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs in den 1990er Jahren ein anhaltendes Interesse an historischen Krisen entwickelt.

Quellen und Literatur

  • R. Grimm, Gesch. der Schweiz in ihren Klassenkämpfen, 1920
  • G. de Reynold, La démocratie et la Suisse, 1929
  • R. Grimm, Der 12. Dezember des Bürgertums, 1930
  • G. de Reynold, Die Schweiz im Kampf um ihre Existenz, 1934
  • M. Imboden, Helvet. Malaise, 1964
  • P. Stadler, «Zwischen Klassenstaat, Ständestaat und Genossenschaft», in Hist. Zs. 219, 1974, 290-358
  • F. Müller, Krise – Zufall oder Folge des Kapitalismus?, 1976
  • J. Burckhardt, Weltgeschichtl. Betrachtungen, 1978 (11905), 116 ff.
  • R. Koselleck, «Krise», in Geschichtl.. Grundbegriffe 3, hg. von O. Brunner et al., 1982, 617-650
  • W.L. Bühl, Krisentheorien, 1984
  • H. Siegenthaler, Regelvertrauen, Prosperität und Krisen, 1993
  • Kontinuität und Krise, Fs. für H. Siegenthaler, hg. von A. Ernst et al., 1994, 9-30
  • K. Imhof, G. Romano, Die Diskontinuität der Moderne, 1996
Weblinks

Zitiervorschlag

Ernst, Andreas: "Krisen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.11.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026214/2008-11-04/, konsultiert am 02.12.2021.