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Heilkräuter

Heilkräuter finden in der Volksmedizin (Naturheilkunde) als traditionelle Phytotherapie und in der Pharmaindustrie (Pharmazie) zur Gewinnung von Reinstoffen und Stoffgemischen (moderne Phytotherapie) Verwendung.

Verwendung von Heilkräutern vor 1900

Seit frühgeschichtlicher Zeit wurden Heilpflanzen als Simplicia (Einfachmittel) eingenommen. In der Antike beschrieb der griechische Arzt Dioskurides im Werk "De materia medica" (1. Jh. n.Chr.) mehr als 600 Heilpflanzen, die ein Jahrhundert später von Galen gemäss der Theorie der Säftelehre als Composita (zusammengesetzte Mittel) eingesetzt wurden. Die Rezeption arabischer Gelehrter bereicherte den pflanzlichen Arzneischatz in Europa ab dem 11. Jahrhundert, insbesondere dank der Übersetzungen von Constantinus Africanus. Orientalische Drogen wie Kampfer und Sandelholz fanden Eingang in die Therapie. Neben den ersten Arzneibüchern, wie dem "Antidotarium Nicolai" (von einem unbekannten Autor aus der Schule von Salerno), entstand mit "Circa instans" (12. Jh.) von Matthaeus Platearius, ebenfalls aus der Schule von Salerno, eine Drogenkunde. Die Kultur und die Verarbeitung der Heilpflanzen oblag im Mittelalter vor allem den Klöstern, die in ihren Gärten Heilkräuter anbauten. Die Mystikerin Hildegard von Bingen beschrieb im 12. Jahrhundert in naturkundlichen Werken die medizinisch-therapeutischen Eigenschaften von Heilkräutern. Sie stützte sich dabei auch auf die volksheilkundliche Tradition.

Frontispiz und Titelseite der Originalausgabe des Pflanzenbuchs Theatrum Botanicum von Theodor Zwinger, das 1696 in Basel erschien (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Frontispiz und Titelseite der Originalausgabe des Pflanzenbuchs Theatrum Botanicum von Theodor Zwinger, das 1696 in Basel erschien (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).

In der Renaissance entstanden durch die Betrachtung der Pflanzenwelt naturgetreue Illustrationen in den sogenannten Kräuterbüchern, die als Grundlagen für die pflanzliche Therapie galten. In dieser Tradition stand auch das "Theatrum Botanicum" (1696) des Basler Professors Theodor Zwinger. Neben botanischen Gärten wurden Herbarien angelegt, die der systematischen Klassifizierung (Botanik) dienten. Zudem tauchten die ersten Drogen aus Amerika wie Guaiakholz (gegen Syphilis) und Chinarinde (gegen Malaria) in den Arzneibüchern auf. Die Entdeckung der Alpenwelt zu Beginn des 18. Jahrhunderts förderte die Erforschung und die Nutzung der einheimischen Flora als Arzneimittel, die exotischen Produkte traten in den Hintergrund. Jacob Constant veröffentlichte 1709 die Abhandlung "Essay de la Pharmacopée des Suisses" (lateinisch bereits 1677), in der er versuchte, sämtliche exotischen Medikamente durch inländische zu ersetzen. Zur gleichen Zeit erfreute sich der sogenannte Schweizertee grosser Popularität in ganz Europa. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden bloss ganze Pflanzenteile als Arzneimittel benutzt. Dank der Entdeckung der Alkaloide (Morphin 1804, Chinin 1820, Kodein 1832 usw.) konnten molekulare Stoffe pharmazeutisch genutzt werden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen Schweizer Hochschullehrer (Friedrich August Flückiger, Alexander Tschirch, Carl Hartwich) massgeblich an der Entwicklung der Pharmakognosie als akademischem Fach teil und legten für den Unterricht mit den Studierenden pharmakognostische Sammlungen als Demonstrationsmodelle an. Mit Heilmitteln aus Pflanzen beschäftigten sich seit den 1830er Jahren homöopathische Ärzte, welche sich 1856 in einem Verein zusammenschlossen. Ihr Ziel war, das vom deutschen Arzt Samuel Hahnemann begründete Heilverfahren zu fördern. Die Homöopathie erlebte insbesondere in den 1990er Jahren einen Boom und wird heute auch in der anthroposophischen Medizin verwendet.

Heilpflanzenanbau im 20. Jahrhundert

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts propagierte der Pfarrer und Naturheilpraktiker Johannes Künzle die Pflanzenheilkunde mit seinem Lehrbüchlein "Chrut und Uchrut" (1911) und dem "Grossen Kräuterheilbuch" (1945). Kurt Siegfried regte 1912 den Anbau von Heilkräutern ausserhalb von Gärten an. Im Ersten Weltkrieg, der den Import von Heilkräutern unterbrach, entwickelte sich ein inländischer Anbau, der von pharmazeutischen Firmen genutzt wurde. Seinen Höhepunkt erreichte er zwischen 1932 und 1947. Während dieser Zeit wirkten alle an Forschung, Anbau, Verarbeitung und Handel interessierten Kreise in dem von Hans Flück gegründeten Schweizerischen Heilpflanzenverband zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg reduzierte sich der Anbau auf wenige glykosidhaltige Pflanzen, bis er 1976 eingestellt wurde, da die gefragten Wirkstoffe synthetisiert werden konnten.

Das steigende Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung leitete ein neues Kapitel im Heilpflanzenanbau ein. Erste Anregungen gingen von der Lebensmittelindustrie aus. Nachdem 1980 im Puschlav ein Probeanbau von Heilkräutern erfolgreich verlaufen war, folgte die Ausdehnung auf traditionelle Ackerbaustandorte in den Alpen und im Jura. Begleitet wurde die Entwicklung von landwirtschaftlichen Forschungs- und Beratungsinstitutionen. Seit 1985 kontrollieren auch Produzentenorganisationen die Anbautechnik sowie die Herkunft. Die Heilkräuterproduktion von rund 200 Bergbauernfamilien im Umfang von 150 t (1997) getrockneter Kräuter füllte primär eine Marktnische im Lebensmittelsektor (Kräuterbonbon, Kräutertee). In den 1990er Jahren setzten sich auch pharmazeutische Institute vermehrt für den Heilkräuteranbau ein, als sie mit der Entwicklung moderner Phytopharmaka begannen. Der schweizerische Heilpflanzenanbau lag unter 10% der Inlandnachfrage, sodass der Vertragsanbau mit phytopharmazeutischen Firmen und mit Unternehmen der Lebensmittelbranche für die Produzenten notwendig wurde. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stieg die Nachfrage nach pflanzlichen Wirkstoffen an. Aus Gründen des internationalen Artenschutzes geriet die verbreitete Wildsammlung von Heilkräutern unter Druck. Zusammen mit steigenden gesetzlichen Anforderungen an die Qualitätssicherung bei Phytopharmaka verlagerte sich die Beschaffung von Heilkräutern auf den kontrollierten Anbau.

Quellen und Literatur

  • A. Tschirch, Hb. der Pharmakognosie, 1909-27
  • W. Schneider, Lex. zur Arzneimittelgesch., 1968-75
  • W.-D. Müller-Jahncke, C. Friedrich, Gesch. der Arzneimitteltherapie, 1996
  • R. Schmitz, Gesch. der Pharmazie 1, 1998
Weblinks

Zitiervorschlag

François Ledermann; Michel Roux: "Heilkräuter", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 24.06.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026235/2010-06-24/, konsultiert am 06.12.2022.