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Esoterik

Der Begriff esoterisch (griechisch esoterikos, deutsch nach innen) bezog sich in der griechischen Antike zunächst auf Schriften und Lehren eines Philosophen, die Schülern mit der notwendigen Vorbildung vorbehalten waren, im Unterschied zu den allgemein verständlichen, exoterischen Lehren. Noch in der Antike erweiterte sich der Begriff, und Esoterik wurde zur Bezeichnung für geheimes oder verborgenes (lateinisch occultus) Wissen. Solche Geheimlehren finden sich unter anderem in den antiken Mysterienkulten, in der Gnosis, der spätantiken hermetischen Literatur und in der jüdischen Kabbala.

Die seit der Renaissance in westlichen Kulturen entstehende Esoterik steht in enger Wechselbeziehung zu den sogenannten geheimen Wissenschaften Alchemie, Astrologie und Magie, ab dem 19. Jahrhundert auch zur Theosophie. Der Franzose Antoine Faivre hat sie als «Denkform» beschrieben, die durch das Denken in Vergleichen, die Vorstellung von der Beseeltheit des Kosmos, die Betonung der Imagination sowie die Erfahrung der Verwandlung gekennzeichnet sei. Faivres Verständnis von Esoterik ist allerdings umstritten. Heute ist Esoterik im alltäglichen Sprachgebrauch zum Sammelbegriff für Daseinsdeutungen und Praktiken geworden, die sich seit den 1970er Jahren in den USA und in Europa verbreitet haben, und die meist in Opposition stehen zum naturwissenschaftlichen Weltbild, zum Christentum, zunehmend auch zur klassischen Psychologie und Schulmedizin. In synkretistischer Weise übernimmt die Esoterik Ideen, die mit sogenanntem überzeitlichen Wissen in Einklang gebracht werden, um ein optimistisches Lebensgefühl und Teilhabe an einem kosmischen Bewusstsein zu erlangen.

"Das Urteil". Karte aus der Serie "1 J[uno] J[upiter] Swiss Tarot", die 1974 von AGM AGMüller in Neuhausen am Rheinfall nach den Originalen von 1835 herausgegeben wurde (Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen).
"Das Urteil". Karte aus der Serie "1 J[uno] J[upiter] Swiss Tarot", die 1974 von AGM AGMüller in Neuhausen am Rheinfall nach den Originalen von 1835 herausgegeben wurde (Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen). […]

In der Schweiz ist die Esoterik seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Theosophie und Anthroposophie (Goetheanum Dornach) verbreitet. Zu den älteren Vorläufern zählen neuzeitliche Bewegungen wie der zunächst im Protestantismus begründete Spiritualismus, die Rosenkreuzer, die Freimaurerei, ab dem 19. Jahrhundert auch der Spiritismus. Seit den 1980er Jahren erleben esoterische Denkformen mit der sogenannten New-Age-Bewegung einen Aufschwung in bis dahin unbekanntem Ausmass. Es handelt sich dabei meist nicht um geschlossene Lehren, sondern um ein vielfältiges Angebot unterschiedlicher Wertvorstellungen und Techniken zur Lebenshilfe. Ein verbindliches Bekenntnis und eine feste Mitgliedschaft gibt es in der Regel nicht. Die Esoterik des beginnenden 21. Jahrhunderts umfasst ein sehr weites Spektrum, das von Astrologie, Magie, Mantik, aussersinnlicher Wahnehmung, Channeling und Geistheilung über Formen von esoterischer Psychologie, Meditation, indianischer Religiosität und Schamanismus bis hin zu kommerziellen Heilungs- und Wellness-Angeboten wie Reiki reicht. Vermittelt wird Esoterik durch Bücher, Magazine, Kurse, Kongresse (z.B. Psi-Tage in Basel, Astrologiekongress in Luzern) oder Therapien. Um die Esoterik entwickelte sich ein Markt mit Spezialgeschäften und -abteilungen (Buch- und Musikhandel; Verkauf von Hilfsmitteln wie Edelsteinen, Tarot-Karten, Essenzen), Beratungsstellen und Messen (z.B. in Zürich, Genf, St. Gallen).

Quellen und Literatur

  • A. Faivre, L'ésotérisme au XVIIIe siècle en France et en Allemagne, 1973
  • O. Eggenberger et al., New-Age aus christl. Sicht, 31988
  • J.-F. Mayer, «Sekten und alternative Religiosität», in Hb. der schweiz. Volkskultur 3, hg. von P. Hugger, 1992, 1471-1486
  • O. Eggenberger, Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen, 61994, 296-304
  • J. Maier, Die Kabbalah, 1995
  • H. Zinser, Der Markt der Religionen, 1997
  • Esoterik als neue Volksreligion, hg. von A. Keller, S. Müller, 1998
  • E. Ghezzi, Faszination Esoterik, 1998
  • M. Neugebauer-Wölk, «Esoterik in der Frühen Neuzeit», in ZHF 27, 2000, 321-364
  • H. Stamm, Achtung Esoterik, 2000
  • B. Grom, Hoffnungsträger Esoterik?, 2002
Weblinks

Zitiervorschlag

Franz Xaver Bischof: "Esoterik", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.10.2013. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026988/2013-10-03/, konsultiert am 30.11.2022.