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Kirchenlied

Unter dem Begriff Kirchenlied wird ein mit einem geistlichen Text christlicher Prägung ausgestatteter Gesang verstanden, dessen Melodie sich zum Singen in der Gruppe eignet und der im Gottesdienst, bei Prozessionen, Wallfahrten usw. eingesetzt wird. Der Text ist durch eine metrische Form bestimmt und strophisch aufgebaut. Der Begriff kann bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden; in der Form kirchlidlin verwendet ihn zum Beispiel 1581 Johann Fischart.

Das Kirchenlied bis zur Glaubensspaltung

Die Wurzeln des Kirchenliedes reichen bis in die lateinische Hymnendichtung der frühchristlichen Zeit zurück (Gregorianischer Gesang). Mit dem im 9. Jahrhundert nachgewiesenen Petrus-Lied setzt die schriftliche Überlieferung des deutschen geistlichen Liedes ein. Bis zum Beginn der Verbreitung durch den Buchdruck etablierten sich der Leis (Strophenmodell mit angehängtem Kyrie eleis), der Ruf (knappe Strophe mit Bittruf) und die Cantio (deutscher oder lateinisch-deutscher gemischter strophischer Text) als spezielle Formen. Der Mönch von Salzburg und Heinrich von Laufenberg taten sich im 14. bzw. 15. Jahrhundert durch Übersetzungen von Hymnen, Sequenzen und weiteren geistlichen Stücken hervor. Die Entstehung geistlicher Lieder wurde auch durch den Minne- und Meistersang sowie durch die Devotio moderna beeinflusst, mehrfach kam es zu direkten Umdichtungen weltlicher Vorlagen.

Das Lied in der reformierten Kirche

Eine Doppelseite aus den von Clément Marot in Verse gefassten Psalmen Davids, die 1549 bei Godefroy & Marcellin Beringen in Lyon gedruckt wurden (Musée historique de la Réformation, Genf; Fotografie Hervé Genton).
Eine Doppelseite aus den von Clément Marot in Verse gefassten Psalmen Davids, die 1549 bei Godefroy & Marcellin Beringen in Lyon gedruckt wurden (Musée historique de la Réformation, Genf; Fotografie Hervé Genton).

Martin Luther führte den Gesang von zu Liedern umgeformten Psalmen im Gottesdienst ein. Im 16. Jahrhundert entstanden auch in der reformierten Schweiz solche Psalmübertragungen, so zum Beispiel 1526 in Basel und 1527 in St. Gallen. In der Zürcher Reformation wurden Gesang und Orgel zunächst aus der Kirche verbannt; erst 1598 liess der Rat den Kirchengesang wieder zu. Das deutschsprachige Liedgut stammt weitgehend aus Strassburg und Konstanz. Die erste rätoromanische Psalmliedausgabe datiert aus dem Jahr 1661, die erste italienische aus dem Jahr 1753 (Soglio). Die französischsprachigen Psalmlieder (Texte von Clément Marot und Theodor Beza) entstanden 1542-1565 in Genf und beherrschten vom 17. Jahrhundert an in der Übertragung von Ambrosius Lobwasser und anderen Bearbeitern auch den deutschsprachigen und den rätoromanischen Kirchengesang.

Eine Eigenart des schweizerischen Kirchengesangs ist die vom 17. Jahrhundert an vielerorts gepflegte Mehrstimmigkeit. Geführt wurde er durch Vorsänger, Schülerchöre, Singkollegien oder Bläsergruppen und ab dem 18. bzw. 19. Jahrhundert auch durch die Orgel. Den Genfer Psalter verdrängte im 19. Jahrhundert ein Repertoire, das auf dem Pietismus, der Aufklärung, der Erweckungsbewegung und dem Kontakt mit der deutschen Choralreform beruhte; der häusliche Gesang arienartiger Lieder wirkte ebenfalls auf den Kirchengesang ein (Johann Caspar Bachofen, «Musicalisches Hallelujah» 1727). Die sehr unterschiedlichen deutschsprachigen kantonalen Gesangbücher aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden durch zwei überregionale Gesangbücher 1868 bzw. 1891 abgelöst. 1952 erschien (nach dem Probeband 1941) das erste gemeinsame Gesangbuch der deutschsprachigen reformierten Kirchen, das 1998 wiederum durch ein ökumenisch orientiertes Werk (RG) ersetzt wurde. Im französischsprachigen Gebiet ersetzte das 1866 erschienene Gesangbuch zum ersten Mal einen Teil der Psalmlieder durch andere Kirchenlieder, zum Teil aus der deutschen Choraltradition. In grösserem Umfang nahmen der «Psautier romand» 1937 und die «Psaumes, cantiques et textes pour le culte» 1976 nicht psalmgebundene Kirchenlieder auf, dazu liturgische Gesangsstücke (répons). In jüngerer Zeit haben teils populäre, teils erweckliche Tendenzen aus Frankreich auch in der Westschweiz grösseren Einfluss erlangt (Sammlung «Vitrail» 1993, Gesangbuch «Alléluia» 2005).

Die neueren reformierten rätoromanischen und italienischen Gesangbücher «Il Coral» (1977) und «Salmi e Cantici» (1961) lehnen sich stark an das Deutschschweizer reformierte Gesangbuch von 1952 an. Von der Erweckungsbewegung, besonders der angelsächsischen, geprägt ist der freikirchliche Gesang. In jüngster Zeit hat eine gewisse Annäherung zwischen Landes- und Freikirchen stattgefunden (vgl. das evangelisch-methodistische Gesangbuch 2002, wie bereits dasjenige von 1977). In den reformierten Kirchen werden jetzt auch vermehrt nichtliedmässige Gesänge verwendet.

Das Lied in der katholischen Kirche

Zwei Seiten des Catholischen Gesangbuchs von Johann Leisentrit von Juliusberg (1520-1586) in einer 1584 in Bautzen (Sachsen) erschienenen Ausgabe (Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Sammlung Alte Drucke, CAP RES 370/1).
Zwei Seiten des Catholischen Gesangbuchs von Johann Leisentrit von Juliusberg (1520-1586) in einer 1584 in Bautzen (Sachsen) erschienenen Ausgabe (Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Sammlung Alte Drucke, CAP RES 370/1). […]

Als eine frühe deutsche katholische Psalterübertragung ist jene von Caspar Ulenberg (1582) zu nennen. Mit Michael Vehes «New Gesangbüchlin Geystlicher Lieder» (1537) stellte die Gegenreformation dem umfangreichen protestantischen Kirchenliedgut eine eigene Sammlung gegenüber; diese beschränkte sich allerdings auf Lieder, die vor und nach der Predigt und während Prozessionen gesungen wurden. Auf Vehe und die Liedersammlung von Johann Leisentrit (1567) folgten in verschiedenen Gegenden Deutschlands Gesangbücher mit mehr oder weniger offiziellem Charakter. Diese Sammlungen enthielten zum Teil neue Lieder und zum Teil solche, die sich an den reformatorischen Kirchenliedschatz anlehnten. Im 17. Jahrhundert waren Trost- und Vertrauenslieder vorherrschend, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts vom lehrhaft-aufklärerischen Kirchenlied abgelöst wurden. In der Romantik regte sich ein neues Interesse am sogenannten alten Kirchenlied; dabei wurde sowohl auf das protestantische als auch auf das katholische Liedgut des 16. und 17. Jahrhunderts zurückgegriffen.

In der deutschsprachigen katholischen Schweiz begann eine eigenständige Gesangbuchgeschichte erst mit der Einführung der diözesanen Gesangbücher. 1863 erhielt das Bistum St. Gallen, nachdem vorher weitgehend das Konstanzer Gesangbuch von 1812 im Gebrauch gewesen war, ein eigenes Gesangbuch. 1923 erschien eine neue Liedersammlung, der 1947 unter dem Titel «Orate» die dritte diözeseneigene Zusammenstellung von Gesängen folgte. Im Bistum Basel wurde erst 1890 ein offizielles Gesangbuch veröffentlicht; zuvor waren vor allem das Konstanzer und andere deutsche Kirchengesangbücher (z.B. «Laudate», Augsburg 1859 und «Cantate», Paderborn 1859) verwendet worden. 1908 gelangte eine neue Liedsammlung in Druck, die nach einer Revision 1927 unter dem Titel «Laudate» neu herausgegeben und auch im deutschsprachigen Teil des 1924 errichteten Bistums Freiburg benutzt wurde. Im deutschsprachigen Gebiet des Bistums Sitten erschien 1901 die Liedsammlung «Lobsinget», die mit der gleichen Überschrift, aber neu redigiert, 1929 als offizielles Diözesangesangbuch eingesetzt wurde. Als letzte schweizerische Diözese entschied sich 1947 das Bistum Chur für die Herausgabe eines eigenen Gesangbuches unter dem Titel «Cantate».

Nachdem 1936-1942 Bestrebungen für ein katholisches Einheitsgesangbuch der deutschen Schweiz fehlgeschlagen waren, kam erst 1966 das für alle deutschsprachigen Diözesen verbindliche «Kirchengesangbuch» (KGB) heraus, das in einer Neuauflage 1978 durch einen Anhang mit Liedern aus dem «Gotteslob» (1975) erweitert wurde. Kontroversen um die integrale Übernahme des deutschen katholischen Einheitsbuches «Gotteslob» führten schliesslich zur Herausgabe eines neuen schweizerischen «Katholischen Gesangbuches» (KG, 1998), das zusammen mit seinem reformierten Gegenstück die Annäherung zwischen den Konfessionen belegt (Ökumene): 238 Gesänge des KG finden sich auch im Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz (RG), und rund 200 Lieder entsprechen den bereinigten Fassungen der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut. In der italienischsprachigen Schweiz wird heute, gemeinsam mit oberitalienischen Diözesen, die 3. Auflage des «Lodate Dio» (1985) verwendet; in der Westschweiz ist seit 1984 das Gesangbuch «D'une même voix» im Gebrauch. Repertoire und Aufbau der Gesangbücher spiegeln die heutige stilistische Vielfalt des Kirchenliedes und zeugen von den unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen der Kirchenmitglieder.

Quellen und Literatur

  • H. Weber, Gesch. des Kirchengesangs in der dt. ref. Schweiz seit der Reformation, 1876
  • M. Jenny, Gesch. des deutschschweiz. evang. Gesangbuches im 16. Jh., 1962
  • P. Pidoux, Le psautier huguenot du XVIe siècle, 3 Bde., 1962-1969
  • J. Burdet, La musique dans le Pays de Vaud sous le régime bernois, 1963
  • M. Hofer, Die Gesang- und Gebetbücher der schweiz. Diözesen, 1965
  • J. Burdet, La musique dans le canton de Vaud au XIXe siècle, 1971
  • P. Pidoux, «Der Kirchengesang im Waadtland im 18. und 19. Jh.», in Traditionen und Reformen in der Kirchenmusik, hg. von G. Schuhmacher, 1974, 41-48
  • Das dt. Kirchenlied, hg. von K. Ameln et al., Abt. 1, Tl.1-, 1975-
  • S. Kraft, Der dt. Gemeindegesang in der Alt-Christkath. Kirche, 1976
  • J. Burdet, La musique dans le canton de Vaud: 1904-1939, 1983
  • K. Küppers, Diözesan-Gesang- und Gebetsbücher des dt. Sprachgebiets im 19. und 20. Jh., 1987
  • A. Marti, «Calvinist. Musik», in Die Musik in Gesch. und Gegenwart, Sachtl. 2, 21995, 333-336
  • P.E. Bernoulli et al., Ökumen. Liederkomm. zum Kath., Ref. und Christkath. Gesangbuch der Schweiz, 2001
  • A. Marti, Singen-Feiern-Glauben, 2001
Weblinks

Zitiervorschlag

Bernhard Hangartner; Andreas Marti: "Kirchenlied", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.10.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026994/2008-10-16/, konsultiert am 05.10.2022.