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Pazifismus

Friedensbewegungen

Der seit 1845 existierende Begriff Pazifismus wurde 1901 am 10. Weltfriedenskongress in Glasgow erstmals offiziell verwendet und gelangte von der französischen in die deutsche Sprache. Er beschreibt eine ethische Grundhaltung von Menschen, die an die Erreichung des Weltfriedens glauben.

Denkmal, 1832 von Jean-Jacques de Sellon zum Gedenken an die Gründung der Société de la paix in Genf errichtet. Lithografie (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Denkmal, 1832 von Jean-Jacques de Sellon zum Gedenken an die Gründung der Société de la paix in Genf errichtet. Lithografie (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Im Mittelalter versuchte die Gottesfriedensbewegung (Gottesfrieden), Fehden und Kriege einzudämmen. Die erste umfassende Kritik der Kriegsrechtfertigungen stammte von Erasmus von Rotterdam, der die Friedenswahrung als Ziel propagierte. Im 18. Jahrhundert wurde Jean-Jacques Rousseau vom "Plan des ewigen Friedens in Europa" beeinflusst, den Abt Charles-Irénée Castel de Saint-Pierre verfasst hatte. Auch Immanuel Kant liess sich von diesem Plan inspirieren. Er betonte, dass nur die Republik oder die Demokratie den ewigen Frieden garantierten. Dank Kant breiteten sich pazifistische Ideen innerhalb der politischen Theorie und der Rechtstheorie in Europa allmählich aus. Erste pazifistische Gesellschaften waren vom Christentum geprägt und entwickelten sich unter dem Einfluss von William Penn und den Quäkern zuerst in den Vereinigten Staaten und in Grossbritannien.

In der Schweiz kann der Pazifismus auf eine lange Tradition zurückschauen. Vor 1914 existierten drei Strömungen, aus denen sich die spezifischen Besonderheiten des Pazifismus im 20. Jahrhundert herausbildeten. Der philanthropische und humanitäre Pazifismus entstand mit der 1830 von Jean-Jacques de Sellon gegründeten Société de la Paix de Genève. Sellon stellte den Frieden, die Erziehung zum Staatsbürger und die Grundrechte in einen engen Zusammenhang, wobei er sich nicht gegen die Landesverteidigung aussprach. Die zweite Strömung entwickelte sich aus dem Kongress von Genf 1867 (Internationale Friedenskongresse), in dessen Gefolge die Liga für Frieden und Freiheit ins Leben gerufen wurde, die den Pazifismus vermehrt an rechtliche und politische Fragestellungen knüpfte. Die Liga versuchte erfolglos, sich der Ersten Internationale anzunähern. Diese schlug ihr 1874 vor, sich aufzulösen und ihre Mitglieder in die Sektionen der Ersten Internationale zu integrieren. Innerhalb der pazifistischen Bewegung der Schweiz gab es auch Vertreter mit anarchistischem Gedankengut, die den Weltfrieden mittels Revolution anstrebten. Die Liga vertrat eine gemässigtere Haltung. Sie propagierte die Demokratie als Garantin für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit. Ihr Schweizer Zweig setzte sich aus einer Elite zusammen, der Professoren, Anwälte, Journalisten, Freimaurer wie Carl Vogt, Angelo Umiltà, Elie Ducommun und Pierre Jolissaint angehörten, aber auch zukünftige Bundesräte wie Louis Ruchonnet und Robert Comtesse. Diese Männer institutionalisierten den Pazifismus durch die 1891 erfolgte Gründung des Internationalen Friedensbüros (Sitz in Bern, ab 1924 in Genf) und ein Jahr später durch jene der Interparlamentarischen Union (Sitz in Bern bis 1911, ab 1921 in Genf). Die ersten Sekretäre des Internationalen Friedensbüros und der Union, Ducommun und Albert Gobat, wurden 1902 mit dem Friedensnobelpreis geehrt, das Friedensbüro erhielt den Preis 1910. Dieser Pazifismus patriotischer Prägung erachtete die Landesverteidigung als notwendig. 1895 wurde in Olten die Société suisse de la paix gegründet. Ihre Sektionen entwickelten sich hauptsächlich in der Westschweiz und den reformierten Kantonen. Die Gesellschaft zählte kurz vor dem Ersten Weltkrieg rund 5000 Mitglieder. Sie lehnte die 1905 von der Arbeiterbewegung ins Leben gerufene, kurzlebige antimilitaristische Liga ab (Antimilitarismus). Zwischen 1917 und 1935 verweigerte die Sozialdemokratische Partei im Nationalrat die Zustimmung zu allen militärischen Budgetposten. Die dritte Strömung des Pazifismus in der Schweiz entstand schliesslich aus einer Debattierrunde von Pfarrern und Lehrern aus den Freibergen. Dieser Kreis, der für einen christlich-sozialen Pazifismus stand, publizierte ab 1906 die Zeitschrift "L'Essor". In der Deutschschweiz war Leonhard Ragaz ein leidenschaftlicher Vertreter dieser Richtung. Er gründete und leitete die ebenfalls 1906 geschaffene Zeitschrift "Neue Wege".

Im Ersten Weltkrieg hielt man den Pazifismus für eine Bewegung, welche die Landesverteidigung schwächte und zur Ausdehnung des Kriegs beitrug. Innerhalb der Société suisse de la paix öffnete sich ein Graben zwischen den Westschweizern, die für die Alliierten eintraten, und den Deutschschweizern, die mehrheitlich mit den Mittelmächten sympathisierten. Vorkämpfer eines länderübergreifenden, auf jegliche Gewalt verzichtenden Pazifismus war Romain Rolland, der in die Schweiz geflohen war. 1931 empfing Rolland in der Schweiz Mahatma Gandhi, der zur Abrüstung aufrief. Pierre Bovet, Edmond Privat, Auguste Forel, Ragaz, Paul Seippel, Adolphe Ferrière und andere verkörperten die vom Protestantismus, den Quäkern und der Vereinigung International Fellowship of Reconciliation inspirierte Bewegung. Max Dätwyler, der sein Leben pazifistischen Aktionen widmete, verweigerte 1914 den Fahneneid, während Pierre Cérésole als einer der führenden Repräsentanten der Dienstverweigererbewegung (Dienstverweigerung) 1920 den Service civil international schuf. Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, deren Schweizer Sektion 1915 unter anderen von Marguerite Gobat und Klara Honegger gegründet worden war, liess sich in Genf nieder. Sie trat für Abrüstung, Gewaltlosigkeit und das Recht auf Wehrdienstverweigerung ein. Eine weitere, von Frauen getragene Vereinigung war der 1915 von Clara Guthrie d'Arcis in Genf gegründete Frauenweltbund zur Förderung der internationalen Eintracht. 1920 wurde die Schweizerische Vereinigung für den Völkerbund ins Leben gerufen (später Schweizerische Gesellschaft für die Vereinigten Nationen), die aus der Fusion der Société suisse de la paix, der Association nationale suisse pour la Société des Nations und dem Schweizerischen Komitee für den Beitritt zum Völkerbund entstanden war. Das internationale Friedensbüro setzte seine Aktivitäten nach dem Krieg fort, wurde in den 1950er Jahren restrukturiert und 1964 unter dem Namen International Peace Bureau neu gegründet.

Werbeplakat für die Friedensausstellung der Frauenliga für Frieden und Freiheit in Zürich, 1934 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Werbeplakat für die Friedensausstellung der Frauenliga für Frieden und Freiheit in Zürich, 1934 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Nach dem Zweiten Weltkrieg spaltete sich von der historisch gewachsenen Bewegung ein politisch aktiver Flügel ab, der sich gegen die atomare Bedrohung (Atomwaffen) und für den Ost-West-Dialog einsetzte. 1945 wurde der Schweizerische Friedensrat gegründet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehörten dieser Dachorganisation 22 schweizerische und 15 internationale Organisationen an. Nach der Nato-Gründung 1949 sah sich die pazifistische Bewegung in der Schweiz mit dem Ost-West-Konflikt und dem Kalten Krieg konfrontiert. Im Weltfriedensrat, dessen Entstehen auf eine kommunistische Anregung zurückgeht, versammelten sich zahlreiche Kommunisten und Sozialisten. Auch in der Schweiz hinterliess der Antikommunismus seine Spuren, etwa in der sogenannten Affäre Bonnard (1952-1954): André Bonnard wurde als Präsident der Schweizerischen Friedensbewegung, deren Anhänger als Kommunisten verschrieen waren, der Spionage beschuldigt. Die 1955 von Samuel Chevallier lancierte Volksinitiative für eine zeitlich begrenzte Reduktion der Militärausgaben wurde für ungültig erklärt. Zwei weitere Initiativen (für die Begrenzung der militärischen Ausgaben bzw. für soziale Sicherheit und internationale Solidarität) wurden nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 zurückgezogen. Als im Eidgenössischen Militärdepartement die atomare Bewaffnung der Schweiz zur Diskussion stand, vereinigten sich die alte pazifistische Bewegung und die neue Friedensbewegung 1958 in der Schweizerischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung (Antiatombewegung). Diese wurde von zahlreichen Intellektuellen unterstützt. Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer, Jules Humbert-Droz und Willi Kobe verhalfen den Forderungen zu Publizität. Die Antiatombewegung lancierte verschiedene Volksinitiativen und Aktionen.

Werbeplakat für das nationale Zivildienstlager, 1982 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Werbeplakat für das nationale Zivildienstlager, 1982 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Die 1960er Jahre standen im Zeichen des Vietnamkriegs und der 1968er- Bewegung. Der Pazifismus entwickelte sich zu einer breiten antiimperialistischen Protestbewegung zur Unterstützung der Dritten Welt, die unterschiedliche Strömungen vereinigte und diverse Veranstaltungen durchführte. 1967 gründete der Verleger Jacques Mühlethaler in Genf die Association pour l'Ecole instrument de paix. Die Organisation Centrale Sanitaire Suisse organisierte weitere pazifistische Gruppen, die Nordvietnam unterstützten. Der christliche Teil des Pazifismus setzte sich für den Ost-West-Dialog ein. Die Gründung des Centre Martin Luther King (später Centre pour l'action non-violente) 1968 in Lausanne ging auf die Initiative von Pfarrer Michel Grenier zurück. Ab 1972 befasste sich die Friedensbewegung vermehrt mit Umweltthemen und dem Kampf gegen die Umweltverschmutzung. Die 1980er Jahre waren von Kampagnen für ein atomwaffenfreies Europa geprägt (European Nuclear Disarmament). Am 5. Dezember 1981 versammelten sich in Bern Vertreter von 42 Friedensorganisationen – insgesamt zwischen 30'000 und 40'000 Personen –, welche in Ost und West eine gleichzeitige Abrüstung verlangten. Weitere Kundgebungen fanden in Genf statt (am 23. Januar 1982 20'000 Personen). Ein internationaler Friedensmarsch führte sternförmig nach Basel, Baden und ins Elsass. 1982 entstand die Gruppe Schweiz ohne Armee. Die politischen Instanzen in der Schweiz förderten die Errichtung von Forschungsinstituten für den Frieden, etwa 1982 jene des Geneva International Research Institute oder 1988 jene der Schweizerischen Friedensstiftung (später Swisspeace).

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts diversifizierte sich die pazifistische Bewegung in der Schweiz weiter. 2008 wurde in der Westschweiz das Collectif romand pour la paix et la non-violence ins Leben gerufen, dem 14 Organisationen angehören. Die Forderung nach Gewaltfreiheit, die in der Vergangenheit stets von einer Minderheit vertreten worden war, formierte sich damit als neue politische Kraft.

Quellen und Literatur

  • R. Beretta, «Il pacifismo nel dopo guerre (1945-1968), alcuni punti su una linea», in Rivista militare della Svizzera italiana, 54, 1982, 97-111
  • M. Michaud, «ll movimento pacifista svizzero dalle origini al 1939», in Rivista militare della Svizzera italiana 54, 1982, 205-213
  • Die Friedensbewegung, hg. von H. Donat, K. Holl, 1983
  • L. Amherd, Die Friedensbewegung in der Schweiz (1945-1980), Liz. Bern, 1984
  • Handbuch Frieden Schweiz, 1986
  • R. Epple-Gass, Friedensbewegung und direkte Demokratie in der Schweiz, 1988
  • J. Tanner, «Le pacifisme suisse après 1945», in Relations internationales, 1988, Nr. 53, 69-82
  • U. Zwahlen, Bürgerl. Friedensbewegung und Pazifismus der Arbeiterbewegung in der Schweiz bis zum Ersten Weltkrieg, 1991
  • V. Grossi, Le pacifisme européen, 1889-1914, 1994
  • Pacifisme(s), 2002
  • C. Stawarz, La paix à l'épreuve: La Chaux-de-Fonds, 2002
  • Friedfertig und widerständig, hg. von U. Brunner et al., 2006
Weblinks

Zitiervorschlag

Grossi, Verdiana: "Pazifismus", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.12.2010, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027157/2010-12-21/, konsultiert am 18.09.2021.