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Individualismus

Das Wertesystem des I. meint - im Gegensatz zu demjenigen des Kollektivismus -, dass das Individuum sich selbst genügt und von den Zwängen von Gruppen, Klassen und der Fam. frei sein soll; die Gesellschaft wiederum ist das blosse Resultat der Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen, während das Individuum den Kern der Gesellschaft bildet. Die Vorstellung, dass das - lange Zeit nur männlich gedachte - Individuum ein einzigartiges, dynam. Zentrum des Bewusstseins und Handelns sei, ist im Kontext der anderen Weltkulturen eine "recht sonderbare Idee" (so der amerikan. Anthropologe Clifford Geertz), für die westl. Kultur jedoch, besonders seit der Entfaltung der bürgerl.-kapitalist. Gesellschaft im 18. Jh., prägend.

Bereits die Renaissance lenkte das Interesse auf das Selbst, was v.a. in den neuen Genres des Tagebuchs, der Autobiografie und der Porträtkunst sichtbar wurde. Der Selbstbezug wurde zu einem bezeichnenden Charaktermerkmal v.a. der Humanisten und Gelehrten. So berichtete Erasmus von Rotterdam über sich und gab damit subjektive Einblicke in seine Lebenswelt. Nur selten sind Selbstzeugnisse von Personen aus einfachen Schichten überliefert, etwa diejenigen Thomas Platters (1499-1582).

In der Frühneuzeit trieben mehrere Individualisierungsschübe die Entdeckung des Individuums voran. Zentrale Bedeutung kam dabei den Institutionen Kirche, Staat und Schule zu. Sie versuchten, den Einzelnen mit der kath. Beichte, der prot. Gewissenserforschung, dem Urteilsspruch des Richters und dem Zeugnis des Lehrers zu disziplinieren. Dadurch ermöglichten sie jedoch zugleich eine neue Selbstfindung. Besonders die prot. Ethik des Calvinismus (Max Weber) und der Pietismus radikalisierten einen potentiellen, traditionellen christl. I., indem sie die Idee der Eigenverantwortlichkeit und der Selbstkontrolle stärkten. Für die Herausbildung einer modernen Individualität ist auch die prot. Pfarrfamilie von nicht zu unterschätzender Bedeutung: Ihr Beitrag zur Entstehung der Bürgerlichkeit prägte sich im neuen Bildungsideal und der Intimität des Familienkreises aus.

Die ausgeprägte moderne Individualität bildete sich v.a. ab dem Ende des 18. Jh. heraus. Die bürgerl. Aufklärung trieb die Entfaltung des Individuums voran: Menschenrechte, Gedanken- und Glaubensfreiheit sowie Eigentumsrechte und Gewerbefreiheit wiesen den Weg in die stärker individualisierte Gesellschaft der Moderne. Der I. wurde ferner durch die Entstehung des bürgerl. Kapitalismus und die damit verbundene Vorstellung des Besitzindividualismus vorangetrieben. In seiner besonders in Grossbritannien auftretenden radikalen Ausprägung behauptet der klass. Liberalismus, dass das Streben des Einzelnen nach Profit das Wohl aller nach sich ziehe. Im schweizerischen polit. Liberalismus dagegen war der Gedanke der Solidarität und sozialen Gerechtigkeit zentral. Das Verantwortungsbewusstsein der Bürger wurde als Vorbedingung der direkten Partizipation an Entscheidungsprozessen in Wirtschaft und Politik angesehen. Deshalb blieb der frühneuzeitl. I. hier meist in einen republikan. Gemeinwohlbezug eingebettet; das individuelle Streben nach Reichtum galt als verwerflich.

Im 19. und 20. Jh. erfuhr der I. mit dem Auftauchen von Gegenpositionen wie dem Sozialismus, dem Nationalismus oder dem Faschismus, in deren Vorstellung der Kern der Sozialordnung nicht vom Individuum gebildet wird, immer wieder Rückschläge. Ausserdem verliefen die modernen Individualisierungsprozesse weder für alle Schichten noch für die Geschlechter gleich. So blieb die Durchsetzung der individuellen Bürger- und Freiheitsrechte im 19. Jh. auf das männliche bürgerl. Individuum beschränkt. Für die Frauen ergaben sich Emanzipation und Individualisierung dank zunehmender ökonom. Unabhängigkeit erst im Verlauf des 20. Jh. Der Weg der Frau in die bürgerl. Gesellschaft verlief anders als beim Mann über die Einbindung in die Fam., als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft.

Wie die in dieser Frage tonangebende USA erlebte die Schweiz die stärksten Individualisierungsschübe ab den 1950er Jahren: Mit dem zunehmenden Wohlstand und dem Aufkommen der Konsumgesellschaft erodierten schichtspezif. Lebensformen, während sich die Lebensstile pluralisierten. Als Reflex darauf lässt sich die in den 1980er Jahren entstandene Individualisierungsthese des dt. Soziologen Ulrich Beck lesen: Sie behauptet, dass die Menschen eine zunehmend fragmentierte Identität ausbildeten und sich individualist. Wertorientierungen ausbreiteten. Doch die These übersieht die nach wie vor prägenden hist. Bindungen der Menschen und überhöht die "Wahlfreiheiten" des Einzelnen. Auch bleiben Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung ein Mittel- und Oberschichtsphänomen.

Seit Mitte der 1990er Jahre verschafft sich der Neoliberalismus in Politik und Wirtschaft der Schweiz Gehör. Er fordert eine stärkere Gewichtung von Eigeninitiative, Flexibilität und Selbstverantwortung. Das individuelle Streben nach dem grösstmögl. Nutzen befördert nach dieser Auffassung die Wohlfahrt der Gesellschaft.

Quellen und Literatur

  • C.B. Macpherson, Die polit. Theorie des Besitzindividualismus, 1973 (engl. 1962, 31990)
  • R.N. Bellah et al., Gewohnheiten des Herzens, 1987 (engl. 1985)
  • D. Gugerli, Zwischen Pfrund und Predigt, 1988
  • M. Kohli, «Institutionalisierung und Individualisierung der Erwerbsbiographie», in Riskante Freiheiten, hg. von U. Beck, E. Beck-Gernsheim, 1994, 219-244
  • M. Junge, «Individualisierungsprozesse und der Wandel von Institutionen», in Kölner Zs.f. Soziologie und Sozialpsychologie 48, 1996, 728-747
  • B. Studer, «Familialisierung und Individualisierung», in L'Homme 11, 2000, 83-104
  • Die Entdeckung des Ich, hg. von R. van Dülmen, 2001
  • C. Honegger et al., Die Zukunft im Alltagsdenken, 2002