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Paritätslohn

Gemäss Art. 47 der Allg. Landwirtschaftsverordnung von 1954 konnten ausgebildete Bauern, die einen rationell bewirtschafteten Hof führten, politisch gegenüber dem Bund einen Lohnanspruch geltend machen, der dem durchschnittl. Arbeitseinkommen eines gelernten Arbeiters in ländl. Gegenden entsprach (Agrarpolitik). Zur Erreichung dieses Ziels standen den Behörden in erster Linie die Gestaltung der durch den Bund administrierten Preise für Milch, Getreide und Zuckerrüben zur Verfügung. Der P. spielte im Prozess der jährlich neu festzulegenden Preise für Milch und Getreide durch die Behörden eine zentrale Rolle. Richteten die landwirtschaftl. Interessenvertreter ihre Preisforderungen jeweils explizit auf die Erreichung dieser Grösse aus, wiesen Behörden und Sozialpartner immer wieder darauf hin, dass es sich beim P. nur um eine Richtgrösse handle, die schwierig zu berechnen und kaum exakt zu beziffern sei. Weil die durchschnittl. Einkommen der landwirtschaftl. Betriebsleiter in der Mehrzahl der Jahre die Höhe des P.s nicht erreichten, kritisierten Bauernvertreter die Nichteinhaltung der Gesetzesgrundlage durch die Behörden. Wirtschafts- und Konsumentenvertreter hingegen beklagten, die zumindest partielle Orientierung der staatl. Preispolitik am Postulat des P.s verhindere einen schnelleren Strukturwandel. Im Verlaufe der Agrarreformen der 1990er Jahre wurde der P. 1998 ersatzlos aus der Agrargesetzgebung gestrichen. Obwohl das Prinzip des P.s nicht zu parität. Einkommen in Landwirtschaft und Industrie führte, trug die rechtl. Verankerung doch viel zum sozialen Ausgleich zwischen den Wirtschaftssektoren bei. Der P. ist denn auch ein typ. Element jener Agrargesetzgebung, welche die Landwirtschaft in die Industriegesellschaft integrieren wollte und sie ab dem 1. Weltkrieg als Service public im Ernährungsbereich betrachtete.

Quellen und Literatur

  • Landwirtschaftsber. des Bundesrats, 1956-
  • W. Baumann, P. Moser, Bauern im Industriestaat, 1998
  • P. Moser, B. Brodbeck, Milch für alle, 2007