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Molkerei

Das Wiegen der Milch in Le Crêt. Fotografie von Jacques Thévoz, 1966 © Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Sammlung Jacques Thévoz.
Das Wiegen der Milch in Le Crêt. Fotografie von Jacques Thévoz, 1966 © Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Sammlung Jacques Thévoz. […]

Ab 1830 wurde die Käseproduktion (Käse) von den Alpen in die Dörfer verlagert. Am Ende des 19. Jh. gründeten Käserei- oder Milchverwertungsgenossenschaften M.en in der Nähe von Ortschaften (Dorf- oder ländl. M.en) oder Städten (Milchzentralen). Sie deckten die durch das rasche Wachstum der Städte gestiegene Milchnachfrage und halfen, saisonale Schwankungen in Produktion und Konsum aufzufangen. Ergänzend wurden Konsummolkereien gegründet, z.B. 1884 in Basel durch den Allg. Consumverein. Durch grosse Mengenbezüge und harte Preispolitik gegenüber den Produzenten wollten diese die Milch preisgünstiger verkaufen (Milchwirtschaft).

Im 1. Weltkrieg, als Milch knapp wurde, übertrug der Bund den regionalen Milchverbänden (Sektionen der späteren Schweizer Milchproduzenten) die Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkmilch. Nach dem Krieg übernahmen diese zusätzlich die Kontrolle und Verbesserung der Milchqualität und bauten grosse Verbandsmolkereien. Der bern. Verband errichtete 1921 je eine in Burgdorf und Thun sowie 1924 zusammen mit den Milchhändlern eine in Bern. Die Fédération laitière du Léman schuf 1923 in Vevey die Centrale laitière. Stark ausgebaut wurde das Verbandsmolkereisystem zu Beginn der 1960er Jahre. So gründete der Berner Verband 1959 eine M. in Langenthal und 1963 eine in Interlaken. Der sinkende Bedarf in der Kälbermast (Milchpulver statt Milch), Rationalisierungen auf den Bauernbetrieben zur Einkommenssicherung und die rückläufige Anzahl der selbst viel Milch konsumierenden Bauernhaushalte hatten zu einer starken Ausweitung der Milchmenge geführt.

In den 1960er Jahren erfasste ein bis heute anhaltender Strukturwandel die M.en. Die 1949 entwickelte Pasteurisierung von Milch sowie deren preisgünstiger Verkauf in handl. Einwegpackungen machte das Trinkmilchgeschäft für die Migros interessant. Mit ihrer Estavayer Lait SA konkurrenzierte sie die Verbandsmolkereien. Die Coop besass die frühere Consummolkerei in Basel und war zusätzlich an Verbandsmolkereien beteiligt (u.a. ab 1973 an der Verbandsmolkerei Bern). Wegen dieser zunehmenden Konkurrenz und auf Grund des rückläufigen Trinkmilchverbrauchs konzentrierten sich die Verbandsmolkereien in den 1970er Jahren stärker auf Milchprodukte (Joghurts, Joghurt-Drinks, UHT-Schlagrahm, Milchdesserts). Es entstanden Grossbauten wie die Toni-M. Zürich oder die neue M. in Ostermundigen. Neue Joghurtmarken wie "Toni", "Säntis" oder "Emmi" sollten den Molkereien Profil verleihen, führten allerdings auch zu vermehrter gegenseitiger Konkurrenz. In den 1990er Jahren erweiterten die M.en ihre Palette mit ästhetisch und biotechnologisch bearbeiteten Lifestyleprodukten, um die Wertschöpfung zu erhöhen und die Investitionen zu amortisieren. Durch Fusionen und Spezialisierungen wurden gleichzeitig die Produktionskosten der Betriebe gesenkt. So erfolgte 1998 der Zusammenschluss der Verbandsmolkereien Bern, Basel, Waadt-Freiburg und Winterthur (ToniLait AG) mit Appenzell-St. Gallen (Säntis-Gruppe) zur Swiss Dairy Food AG (2002 Liquidation und Teilintegration in die Emmi-Gruppe).

Der Strukturwandel beschleunigte sich mit den Agrarreformen in den 1990er Jahren: Die ehem. Verbandsmolkereien verselbstständigten sich zu wachstums- und gewinnorientierten Konzernen, drängten auf tiefe Milchpreise und setzten sich zumeist durch. Dieser Druck dürfte sich mit der weiteren Integration der Schweiz in den europ. Binnenmarkt und der Verschärfung der internat. Konkurrenz verstärken. Seit 2007 herrscht im Käsemarkt zwischen der Schweiz und der Europ. Union Freihandel.

Quellen und Literatur

  • C. Maison, La fédération laitière du Léman, 1906-1956, 1956
  • 50 Jahre Milchverband Bern, 1911-1961, 1961
  • M. Keller, Milch gestern, heute, morgen, 1980
  • F. Ryser, Chronik Milchverband Bern und benachbarte Gebiete, Ms., 2002 , (beim Autor)
  • P. Moser, B. Brodbeck, Milch für alle: Bilder, Dokumente und Analysen zur Milchwirtschaft und Milchpolitik in der Schweiz im 20. Jh., 2007

Zitiervorschlag

Brodbeck, Beat: "Molkerei", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 24.11.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027650/2008-11-24/, konsultiert am 20.10.2020.