Emil GeorgBührle

31.8.1890 Pforzheim, 28.11.1956 Zürich, christkatholisch, deutscher Staatsangehöriger, ab 1937 von Zürich. Industrieller in der Rüstungs- und Luftfahrtbranche, Kunstsammler und Mäzen.

Porträtskulptur Emil Georg Bührles von Otto Charles Bänninger. Bronzekopie von 1957 des Originals aus Marmor (Stiftung Sammlung E.G. Bührle, Zürich).
Porträtskulptur Emil Georg Bührles von Otto Charles Bänninger. Bronzekopie von 1957 des Originals aus Marmor (Stiftung Sammlung E.G. Bührle, Zürich).

Emil Georg Bührle, Sohn des Josef Bührle, Steuerbeamten, und der Rosa geborene Benz, studierte ab 1909 Kunstgeschichte und Germanistik in Freiburg im Breisgau und München. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 verhinderte den Abschluss seiner Doktorarbeit. Bührle diente zunächst als Kavallerist und später als Offizier einer deutschen Maschinengewehreinheit. Nach Kriegsende war er in einem Regiment der Reichswehr Adjutant unter General Dietrich von Roeder, der auch ein Freikorps zur Niederschlagung revolutionärer Aufstände im besiegten Deutschland kommandierte. Während einer Stationierung in Magdeburg lernte er im Haus des Bankiers Ernst Schalk dessen Tochter Charlotte Schalk kennen, die er 1920 heiratete. Das Paar hatte zwei Kinder, Dieter und Hortense Bührle.

Mit Unterstützung seines künftigen Schwiegervaters trat Bührle 1919 die Stelle als Prokurist der Werkzeug- und Maschinenfabrik Magdeburg an. Diese übernahm 1924 die Schweizerische Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (SWO) und entsandte ihn zu deren Reorganisation und Leitung in die Schweiz. Im Zuge der verdeckten deutschen Wiederaufrüstung während der Weimarer Republik erweiterte Bührle den Bereich Rüstung der Firma, die fortan Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO) hiess. Ab 1926 exportierte er Fliegerabwehrkanonen in zahlreiche europäische und überseeische Länder (Waffenproduktion und Waffenhandel).

Bereits 1929 hielt Bührle dank des Familienvermögens seiner Frau die Mehrheit der WO-Aktien; 1938 überführte er die Firma, nunmehr als Alleininhaber, in die Kommanditgesellschaft Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon Bührle & Co. Über Beteiligungen an der Flugzeugfabrik Ikaria GmbH in Velten nahe Berlin versuchte Bührle 1934, in Deutschland Fuss zu fassen, was jedoch auf Widerstand seitens der Behörden des Dritten Reichs stiess. Trotzdem bezog er bis 1944 870'000 Franken Lizenzgebühren dieser Firma, die im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigte. Zwischen 1934 und 1939 wuchs sein Vermögen von 140'000 auf 23,6 Mio. Franken an. 1939 trat er dem Ausschuss des Arbeitgeberverbands schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller (ASM) bei. Bührle lieferte Waffen und Munition an die Alliierten, wurde jedoch nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 vom Bundesrat aufgefordert, die Produktion auf Deutschland und die Achsenmächte auszurichten. Diese Exporte machten die WO zu einem der grössten Unternehmen auf dem Industrieplatz Zürich. Enge Kontakte pflegte Bührle mit Bundesrat Philipp Etter sowie mit prodeutschen Kreisen, die in den Zürcher Eliten gut vertreten waren. Zu ihnen gehörte auch der Bankier Franz Meyer-Stünzi, Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft. 1945 avancierte Bührle mit einem Vermögen von mehr als 160 Mio. Franken zum reichsten Mann der Schweiz. Ab 1941 diversifizierte er sein Unternehmen durch Übernahmen und Beteiligungen an weiteren Firmen. Dazu gehörten das auf Fliegerabwehr spezialisierte Konstruktionsbüro Contraves, die Pilatus Flugzeugwerke, die liechtensteinische Gerätebauanstalt Balzers (ab 1995 Balzers und Leybold) sowie mehrere Textilfabriken in der Deutschschweiz wie Dietfurt AG in Bütschwil oder Heinrich Kunz AG in Windisch. Diese Spinnereien hatte die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG) 1941 vor Bührles Übernahme der jüdischen Besitzerfamilie Wolf aus Stuttgart abgekauft – eine Transaktion, welche die Gewerkschaftspresse als «Arisierung» angeprangert hatte. Der Spinnerei in Dietfurt war ein Mädchenheim angegliedert, in welches Fürsorgebehörden aus der ganzen Deutschschweiz minderjährige Mädchen gegen ihren Willen internieren liessen (Administrative Versorgung). Mit der Leitung beauftragte die Bührle-Spinnerei Schwestern aus dem Kloster Ingenbohl, die das Marienheim bis 1968 führten. Die administrativ versorgten weiblichen Jugendlichen verrichteten in der Spinnerei Zwangsarbeit, die aufgrund des internationalen Übereinkommens Nr. 29 über Zwangs- oder Pflichtarbeit seit 1941 in der Schweiz zwar verboten war, jedoch auch in anderen Schweizer Fabriken und Anstalten weiter praktiziert wurde. Die Forschung geht davon aus, dass zwischen 1941 und 1968 mindestens 300 Zwangsarbeiterinnen im Marienheim untergebracht wurden.

Zu der von Bührle kontrollierten Holding zählten des Weiteren das Hotel Storchen in Zürich, ein Hotel und Landwirtschaftsflächen an der Mündung der Maggia in Ascona, zahlreiche Immobilien, die Limmat Versicherungsgesellschaft sowie die private Ihag Industrie- und Handelsbank Zürich (gegründet 1949). Während der ersten zehn Jahre des Kalten Kriegs lieferte Bührle Kriegsmaterial in die Vereinigten Staaten von Amerika sowie in Länder, die kurz zuvor ihre Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft erlangt hatten, wie Ägypten, Indien und Indonesien. Grosse Aufträge erhielt er auch von der Schweizer Armee. Nach dem Krieg eröffnete Bührle mehrere Filialen im Ausland, allen voran in Italien und Schweden, doch sein Versuch, eine Produktionsstätte in den USA aufzubauen, scheiterte.

Emil Georg Bührle in einer Karikatur von Carl Böckli, erschienen im Nebelspalter, 1940, Nr. 44, S. 17 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica).
Emil Georg Bührle in einer Karikatur von Carl Böckli, erschienen im Nebelspalter, 1940, Nr. 44, S. 17 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica). […]

Ab 1936 legte Bührle eine sehr bedeutende Kunstsammlung mit alten Meistern, französischen Malern des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sowie zahlreichen Impressionisten an. Er schreckte während des Kriegs nicht davor zurück, bei Kunsthändlern wie dem Luzerner Theodor Fischer (1878-1957) Werke aus Sammlungen jüdischer Familien zu kaufen, welche die Nationalsozialisten in Frankreich gestohlen hatten. Von den über hundert Kunstwerken, die der Industrielle zwischen 1942 und 1944 angekauft hatte, wurden 13 als Raubkunst eingestuft. Bührle gab sie zwischen 1948 und 1951 nach Restitutionsprozessen an ihre Besitzer zurück, erwarb neun von ihnen aber erneut. Für den Kauf von gut 600 Werken investierte Bührle zwischen 1945 und 1956 insgesamt 38 Mio. Franken, was ihn weltweit zu einem der prominentesten Sammler der unmittelbaren Nachkriegszeit im Schweizer und internationalen Kunsthandel, namentlich in Paris, London und New York, machte.

Emil Georg Bührle, ab 1940 einflussreiches Mitglied und 1953 Vizepräsident der Zürcher Kunstgesellschaft, stiftete den gesamten Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich, der nach seinem Tod 1958 eingeweiht wurde und dem Haus nationale Bedeutung verlieh. 1942 schlug der umtriebige Kunstmäzen (Mäzenatentum) vor, eine Renovation des Schauspielhauses Zürich zu finanzieren, was jedoch nicht umgesetzt wurde. Stattdessen errichtete er 1943 die Emil-Bührle-Stiftung für das Schweizerische Schrifttum und 1944 die Goethe-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Ab den frühen 1950er Jahren gehörte Bührle zu den bekannten Vertretern der Zürcher Elite. Er verbreitete seine antikommunistischen Überzeugungen öffentlich und verteidigte das freie Unternehmertum, ohne sich je zu Demokratiefragen zu äussern. Im November 1956, einige Monate nach dem 50-jährigen Jubiläum der WO, verstarb er. Seine Kinder Dieter und Hortense Bührle entwickelten das Unternehmen weiter. 1960 übereigneten sie 221 der wichtigsten Werke aus der Kunstsammlung ihres Vaters der Stiftung Sammlung E.G. Bührle und machten sie bis 2015 in einem von der Familie geleiteten Privatmuseum der Öffentlichkeit zugänglich. 2021 wurden sie ins Kunsthaus Zürich überführt.

Emil Georg Bührle war eine der umstrittensten Figuren des 20. Jahrhunderts in der Schweiz. Nicht nur sein steiler sozialer Aufstieg, sein Reichtum aus dem Waffenverkauf vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie seine Verbindungen zu konservativen und rechtsextremen Kreisen, auch seine prestigeträchtige Kunstsammlung, die er zur Zeit des nationalsozialistischen Kunstraubs aufbaute und in den ersten Jahren des Kalten Kriegs ausweitete, sorgen seit 1940 immer wieder für Kontroversen.

Quellen und Literatur

  • Kunsthaus Zürich, Zürich, Archiv der Stiftung Sammlung E.G. Bührle.
  • Zentralarchiv der Rheinmetall AG, Wuppertal und Haan.
  • Christen, Ruedi; Duttweiler, Dölf et al.: Die Bührle-Saga. Festschrift für einen Waffenindustriellen, der zum selbstlosen Kunstmäzen wurde, 1981 (20213, ergänzte Auflage).
  • Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933-1945 und die Frage der Restitution, 2001 (Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, 1).
  • Schweizer Rüstungsindustrie und Kriegsmaterialhandel zur Zeit des Nationalsozialismus. Unternehmensstrategien – Marktentwicklung – politische Überwachung, 2002 (Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, 11).
  • Heller, Daniel: Zwischen Unternehmertum, Politik und Überleben. Emil G. Bührle und die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, Bührle & Co. 1924 bis 1945, 2002.
  • Buomberger, Thomas; Magnaguagno, Guido (Hg.): Schwarzbuch Bührle. Raubkunst für das Kunsthaus Zürich?, 2015.
  • Gloor, Lukas (Hg.): Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke, 2021.
  • Keller, Erich: Das kontaminierte Museum. Das Kunsthaus Zürich und die Sammlung Bührle, 2021.
  • Leimgruber, Matthieu (Hg.): Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus. Die Entstehung der Sammlung Emil Bührle im historischen Kontext. Forschungsbericht zuhanden des Präsidialdepartements der Stadt Zürich und der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich, 2021.
  • Demuth, Yves: Schweizer Zwangsarbeiterinnen. Eine unerzählte Geschichte der Nachkriegszeit, 2023.
Weblinks
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Zitiervorschlag

Ueli Müller; Matthieu Leimgruber: "Bührle, Emil Georg", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.01.2024, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027701/2024-01-15/, konsultiert am 14.06.2024.