de fr it

Mündlichkeit

Der Begriff Mündlichkeit bezieht sich auf verbale Kommunikation, die sich im privaten oder öffentlichen Kontext und in verschiedenen Graden von Direktheit vollzieht. Zu unterscheiden sind die diachrone Mündlichkeit als durch mnemotechnische Mittel (Auswendiglernen, Gruppenrezitation) erzielte Bewahrung des Wortes über die Zeit hinweg und die im Alltag vorherrschende synchrone Mündlichkeit als direkte Kommunikation zur Verbindung von Menschen im Raum.

Eng verbunden mit dem Aspekt der Mündlichkeit sind halbtechnische Prozesse. Mit der Alphabetisierung und der Verbreitung der Schreib- und Lesefähigkeit in einer vormals mündlich orientierten Gesellschaft geht ein Bewusstseins-, Institutionen- und Medienwandel einher, zum Beispiel bei der Wissens- und Nachrichtenvermittlung oder im Rechtswesen. Er zeichnete sich in Mittel- und Westeuropa eher durch die Koexistenz von Mündlichkeit und Schriftlichkeit und deren gegenseitige Beeinflussung als durch die Ablösung des einen durch das andere aus und war mit sukzessiven Funktionsverlusten der traditionellen personalen Medien (Bote, Ausrufer, Prediger, Lehrer, Erzähler) bzw. einem Bedeutungsgewinn der Schreib- und Druckmedien verbunden.

Die Geschichte als Kenntnis der Vergangenheit beruhte zu Beginn der Verbreitung der Schriftlichkeit vor und nach der Erfindung des Buchdrucks zu einem beträchtlichen Teil auf der mündlichen Tradierung von Ereignisberichten, wie dies etwa im "Weissen Buch von Sarnen" (mit einer um 1470 verfassten Chronik) deutlich wird. Chroniken wie diejenigen von Aegidius Tschudi (ab 1538) oder Johannes Stumpf (1548) sammelten aus eigentlichen Archivquellen stammendes Wissen, mündlich oder schriftlich tradierte Geschichten sagenhaften Charakters und mündliche Zeugnisse von Zeitgenossen, wobei dem unwahrscheinlichen Bericht eines Intellektuellen höherer Wahrheitsgehalt zuerkannt wurde als der "Fabelei des Pöbels". Während noch Nicolin Sererhard für seine "Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden" (1742) Befragungen von Gewährsleuten durchführte, die aus dem Gedächtnis gespeiste mündliche Aussage also für ihn eine hohe Glaubwürdigkeit hatte, wurde die mündliche Überlieferung im Zug der kritischen Geschichtswissenschaft lange Zeit als unseriös und unergiebig abgetan (Geschichte).

Im Verlauf der Alphabetisierung, die in der Schweiz in verschiedenen Phasen zwischen 1500 und 1850 erfolgte, gab es auch Formen eingeschränkter Literalität (nur mühsam entziffern können, nur unterschreiben können). Wie schlecht es um das verstehende Lesen noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestellt war, macht zum Beispiel Jeremias Gotthelfs "Bauernspiegel" von 1837 sichtbar.

Zur Verbreitung der Lese- und Schreibfähigkeit orientierte man sich in der Schweiz unter anderem an der Mündlichkeit. So diente das laute Lesen – die Oralisierung des Textes – für wenig geübte Leser als Verständnishilfe. Das zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Norm erhobene verständige laute Lesen hatte sich am Ideal der Mündlichkeit zu messen. Bei dem Versuch, die Schwellenängste noch ungeübter Briefschreiber abzubauen, setzte man auf die Illusion einer mündlichen Gesprächssituation.

Ein Schweizer Grenadier in französischen Diensten erzählt seinen Landsleuten von der Pariser Julirevolution im Jahr 1830. Kolorierte Lithografie von Gottlieb Bodmer nach einem Gemälde von Johann Baptist Kirner, um 1835 (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Stefan Rebsamen.
Ein Schweizer Grenadier in französischen Diensten erzählt seinen Landsleuten von der Pariser Julirevolution im Jahr 1830. Kolorierte Lithografie von Gottlieb Bodmer nach einem Gemälde von Johann Baptist Kirner, um 1835 (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Stefan Rebsamen. […]

Parallel zu individueller Lektüre sowie öffentlichen, halböffentlichen und privaten halbmündlichen Nacherzähl- und Vorleseakten – auch als sekundäre Mündlichkeit bezeichnet und als Akkulturationsprozess einer allmählich einsetzenden Literarisierung gedeutet – bestanden in der informellen, auch der unterhaltenden Kommunikation mündliche Praxen des Erzählens, Spielens und Singens. Typische Erzählorte und Erzählgelegenheiten waren unter anderem – je nach Geschlecht und Generation – Wirtshäuser, Waschbrunnen, Kiltgang, Kirchgang oder Wallfahrten.

Mit der Romantik erfuhr die Mündlichkeit eine ideologische Aufwertung; Mündlichkeit stand für Ursprünglichkeit sowie Volksnähe und galt als unverzichtbares Charakteristikum für Folklore. Erst ab der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass bei der Tradierung der Volkserzählungen und Volkslieder von einem ständigen Austausch zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit auszugehen ist. Die in den schweizerischen Sagen-, Märchen- und Liedsammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts vertretenen Texte, die bei der Stärkung des schweizerischen Nationalbewusstseins eine wichtige Funktion hatten und haben, basieren auf einem Gemisch von mündlicher Erzählung und schriftlichem Festhalten bzw. Bearbeiten und Reoralisieren von schriftlich vorliegendem Material (Sagen und Legenden). Erst etwa seit 1920 bemüht man sich, Texte "aus dem Munde des Volkes" wortgetreu aufzuzeichnen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in der Schweiz eine neue Märchen-Erzähltradition: Die Texte werden aus Büchern gelernt und an verschiedenen Anlässen mündlich dargeboten.

Mit dem Aufkommen fernmündlicher bzw. audiovisueller Medien nahm die Bedeutung von Mündlichkeit allgemein wieder zu. Eine Aufwertung der Mündlichkeit ist auch innerhalb der historischen Wissenschaften mit der Methode der Oral history zu verzeichnen. Zeitzeugen werden auf ihre Erinnerungen an bestimmte Epochen oder Ereignisse der jüngeren Geschichte befragt; in ihren mündlichen Erzählungen spiegeln sich Einstellungen und Mentalitäten, aber auch die subjektive Verarbeitung historischer Abläufe.

Quellen und Literatur

  • Sagenerzähler und Sagensammler der Schweiz, hg. von R. Schenda, 1988
  • J. Goody, I. Watt, «Konsequenzen der Literalität», in Entstehung und Folgen der Schriftkultur, hg. von J. Goody et al., 21991, 63-122
  • U. Brunold-Bigler, «Schweizer Märchensammler», in Märchen und Märchenforschung in Europa, hg. von D. Röth, W. Kahn, 1993, 229-237
  • R. Schenda, Von Mund zu Ohr, 1993
  • W. Faulstich, Die Gesch. der Medien, 5 Bde., 1997-2004
  • Enz. des Märchens 10, 2002, 331-346
  • A. Messerli, Lesen und schreiben 1700 bis 1900, 2002
  • F. Waquet, Parler comme un livre, 2003
Weblinks

Zitiervorschlag

Tomkowiak, Ingrid: "Mündlichkeit", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.05.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027880/2010-05-21/, konsultiert am 16.01.2022.