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Afrika

Mindestens bis in die Zeit der Entdeckungsfahrten ein praktisch unbekannter Kontinent, war Afrika in der Vorstellung des mittelalterlichen Menschen ein von Monstern und Fabelwesen besiedelter Flecken Erde. Antiken Beschreibungen nachempfunden, treten diese in der mittelalterlichen Bilderwelt häufig auf, zum Beispiel der äthiopische Bogenschütze mit vier Augen in der Rosette der Lausanner Kathedrale.

Die ersten Kontakte

Der Basler Chirurg Samuel Braun ist wahrscheinlich der erste Schweizer, der afrikanisches Territorium betreten hat. Als Bordarzt eines holländischen Schiffs gelangte er zwischen 1611 und 1620 auf drei Reisen in die Gebiete der heutigen Staaten Sierra Leone, Ghana, Benin und Kamerun. Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an machten schweizerische Söldner im Dienst der niederländischen Ostindien-Kompanie Station am Kap der guten Hoffnung und liessen sich in der Folge auch dort nieder. Danach waren Schweizer eher in Nordafrika präsent. Schweizer Regimenter waren im 18. Jahrhundert in Marokko und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Ägypten an verschiedenen Feldzügen beteiligt. Die fremden Dienste spielten auch im Rahmen des Kolonialismus eine Rolle: An den Eroberungen von Algerien, Marokko und des Kongo (heute Demokratische Republik Kongo) nahmen auch Schweizer teil.

Auch am Sklavenhandel (Sklaverei) waren Schweizer beteiligt. So rüstete 1790 das Waadtländer Unternehmen Illens et Van Berchem in Marseille zwei Schiffe aus, die Pays de Vaud und die Ville de Lausanne, um schwarze Sklaven aus Mosambik zu transportieren. Ein drittes Schiff, die Helvétie, beteiligte sich später ebenfalls am Sklaventransport. Auch eine Firma der Basler Familie Burckhardt nahm zwischen 1782 und 1817, unter anderem mit den Schiffen L'Intrépide und Le Cultivateur, am Sklavenhandel teil. Schweizer Händler als Reeder blieben dennoch die Ausnahme. Sie bevorzugten es, aus der Distanz am Sklavenhandel teilzunehmen. So gewährte das Genfer Handelshaus Picot-Fazy 12'000 französische Pfund für eine Expedition mit 564 schwarzen Sklaven, von denen beinahe die Hälfte während der Überquerung des Atlantiks ums Leben kam.

Reaktionen auf diesen schändlichen Handel liessen nicht lange auf sich warten. Die Basler Mission setzte sich von 1828 an, dem Beginn ihres Wirkens an der Goldküste (heute Ghana), im Kampf gegen die Sklaverei ein. Die Erfahrung mit Liberia, das 1847 die Unabhängigkeit erreicht hatte, zog das Interesse der schweizerischen Sklavereigegner auf sich, und von den 1860er Jahren an begann sich auch in der Schweiz eine Antisklavereibewegung zu formieren. Derselben geistigen Grundhaltung entsprang eine Bewegung zur Verteidigung der Eingeborenen, welche vor allem reformierte Intellektuelle aus der Westschweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts ins Leben riefen – als Reaktion auf die Beteiligung von Schweizer Offizieren, Beamten und Kaufleuten an der rücksichtslosen Kolonisierung des Kongo durch Belgien.

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bewog wissenschaftliche Neugier Reisende, Forscher und Wissenschaftler aus der Schweiz, sich an der sogenannten Entdeckung Afrikas zu beteiligen. Händler begleiteten die Abenteurer in der Frühzeit der Industrialisierung. Die Mehrzahl stand in den Diensten von Geografischen Gesellschaften, Handelsgesellschaften oder ausländischen Regierungen. Verglichen mit anderen europäischen Nationen nimmt sich der schweizerische Anteil an der Durchdringung Afrikas bescheiden aus, doch lässt sich die Zahl der Reisenden, Missionare und Entdecker im Vergleich zur Gesamtbevölkerung der Schweiz durchaus sehen. Unter dem guten Dutzend Namen sind zwei besonders hervorzuheben: der Basler Johann Ludwig Burckhardt (Scheich Ibrahim) und der Solothurner Werner Munzinger (-Pascha). Als Männer der Tat und naturwissenschaftlich wie ethnologisch interessierte Sammler bereisten sie zwischen 1810 und 1875 das Niltal, die Nubische Wüste sowie Ostafrika. Sie begingen Wege und suchten Regionen auf, die den Europäern zuvor unbekannt gewesen waren. Andere Schweizer gehören zu den ersten Europäern, welche in Zentralafrika und in die inneren Teile Westafrikas eindrangen.

Die Missionare

Die Missionen stellen zweifellos den wichtigsten Aspekt in den Beziehungen zwischen der Schweiz und Afrika dar. Missionarische Aktivitäten wurden mit Ausnahme des Maghreb in allen Gebieten Afrikas entfaltet. Sie erstreckten sich über einen langen Zeitraum, umfassten eine Vielzahl von Tätigkeitsbereichen und erzielten von allen schweizerischen Unternehmungen auf afrikanischem Gebiet die wohl nachhaltigste Wirkung. Die Vorgehensweisen und Ziele der Missionswerke des 19. Jahrhunderts nahmen manches von der Entwicklungszusammenarbeit vorweg, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte.

Die ersten schweizerischen Missionare reisten in den 1820er Jahren nach Afrika. Die Basler Mission, der nicht nur Schweizer angehörten, installierte sich in Westafrika, ausgehend von der Goldküste. 1831 begaben sich Schweizer Protestanten mit der Mission de Paris oder der Basler Mission nach Südafrika. Die ersten Versuche, sich in Äthiopien niederzulassen, gehen ebenfalls in diese Zeit zurück. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen sich katholische und reformierte Schweizer Missionen in ganz Schwarzafrika auszubreiten (Lesotho, Sambia, Mosambik, Madagaskar, Kamerun, Angola). Die Weissen Väter waren besonders in Nord- und Zentralafrika aktiv, die Kapuziner ab 1921 in Tansania und die Benediktiner in Rhodesien (heute Simbabwe). Zu Beginn ihrer Tätigkeiten stiessen die Missionen auf enorme Schwierigkeiten: Das harte Klima, Krankheiten, Misstrauen oder gar Widerstand einzelner Kolonialverwaltungen machten ihre Arbeit sehr mühsam und gefährlich. Die Sterberate der ersten Schweizer Missionare in Ghana war erschreckend hoch, und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts starb die Hälfte der europäischen Missionare innerhalb eines Jahres nach ihrer Niederlassung in Westafrika.

Neben ihren religiösen Aktivitäten förderten die Missionare auch die Alphabetisierung, indem sie vor allem in ländlichen Gebieten Schulen eröffneten. War ihnen zuweilen vorgeworfen worden, sie hätten den Kolonialherren den Weg geebnet, so bildeten sie nun in ihren Missionsschulen manche Gegner der Kolonialherrschaft und späteren Führer von afrikanischen Befreiungsbewegungen aus: Eduardo Mondlane (1920-1969), der Begründer der Frente de Libertação de Mosambik (Frelimo), und mehrere Führer dieser marxistischen Bewegung waren Schüler von Westschweizer Missionaren gewesen. Die Missionare errichteten auch Spitäler und Sanitätsposten. In Ghana und Mosambik engagierten sie sich in der Landwirtschaft, wobei sie insbesondere die berufliche Ausbildung ihrer afrikanischen Mitarbeiter förderten. Der Kakaobaum soll 1858 von Angehörigen der Basler Mission in Ghana eingeführt worden sein, und der Erfolg war so durchschlagend, dass Ghana vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs bereits der weltweit wichtigste Produzent von Kakao war.

Wanderungsbewegungen

Gemäss amtlichen Statistiken waren 1926 5928 Schweizer und Schweizerinnen in den diplomatischen Vertretungen der Schweiz in Afrika gemeldet, davon nahezu zwei Drittel in Nordafrika. 1936 war ihre Zahl auf 8418 gestiegen (ohne Doppelbürger und nicht Registrierte). Seit 1945 schwankt sie um 10'000, wobei sich in den 1980er Jahren das Schwergewicht von Ägypten und allgemein von Nordafrika (nicht mehr als einige Hundert Schweizer) nach Südafrika verschob: Ende des 20. Jahrhunderts lebte dort rund ein Drittel der Afrikaschweizer. Die Zahl der Afrikanerinnen und Afrikaner in der Schweiz stieg von 609 im Jahr 1930 über 1806 um 1960 auf mehr als 15'000 Personen (einschliesslich Asylsuchende und Flüchtlinge) in den 1990er Jahren.

Wirtschaftsbeziehungen

Im 19. und 20. Jahrhundert stellte Afrika für die Schweizer Wirtschaft weder einen wichtigen Ausfuhr- noch Einfuhrmarkt dar. Der Anteil Afrikas an den Schweizer Exporten stieg im ganzen Zeitraum nie über 5%, und die Importe machten in den besten Jahren 3,5% aus. Dass Afrika im schweizerischen Überseehandel so weit hinten rangiert, ist vor allem auf die beschränkten Möglichkeiten der schwarzafrikanischen Märkte zurückzuführen. Dem Kolonialismus wohlwollend gesinnte Kreise bedauerten, dass die Schweiz nicht in dem Ausmass am kolonialistischen Abenteuer teilnahm, wie es ihre Stärke in Wirtschaft und Handel zugelassen hätte. Verschiedene Studien, die bis zur Zwischenkriegszeit erschienen, taxierten das Fehlen von kolonialen Märkten und einer Expansionspolitik als der schweizerischen Industrie abträglich.

Die oben erwähnten Prozentzahlen dürfen jedoch nicht den Blick auf Sondersituationen verstellen. So war Ägypten im 19. Jahrhundert und noch in der Zwischenkriegszeit ein wichtiger Rohstofflieferant der schweizerischen Textilindustrie, die lange einen Leitsektor der Schweizer Wirtschaft darstellte. In diesen Zeiten lieferte Ägypten mehr als die Hälfte der in die Schweiz eingeführten Rohbaumwolle, eines Rohstoffes, der wie kaum ein anderer die erste Phase der Industrialisierung symbolisiert. In der Zwischenkriegszeit begann Südafrika zu einem interessanten Handelspartner der Schweiz zu werden. Das Land lieferte Edelmetalle, Steinkohle sowie Südfrüchte und war Abnehmer von Maschinen und chemischen Produkten. Ende des 20. Jahrhunderts lag der Anteil Südafrikas an den schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen mit afrikanischen Ländern bei knapp 40%, obwohl sein Bevölkerungsanteil am gesamten Kontinent weniger als 6% betrug. Vor dem Zweiten Weltkrieg stellte Afrika (ohne Südafrika) für die Schweizer Industrie eher einen Einfuhr- (Kakao, Tropenhölzer, Kautschuk, Kaffee, Palmprodukte) denn einen Ausfuhrmarkt dar (Baumwollstoffe, Uhren). Ab den 1950er Jahren vertauschten sich die Rollen: Die Ausfuhren (Maschinen, chemische Produkte, Nahrungsmittel) übertrafen die Einfuhren (Südfrüchte, Phosphate, Erdöl).

Die geografische Verteilung der von Schweizern oder mit schweizerischem Kapital in Afrika errichteten Unternehmen deckt sich nicht ganz mit den Handelsbeziehungen. Vom 19. Jahrhundert bis in die Zwischenkriegszeit herrschten zwei Unternehmenstypen vor: Handelsgesellschaften, die vor allem in Westafrika tätig waren (z.B. Société commerciale de l'Ouest Africain, Compagnie française de l'Afrique occidentale, A. Brunnschweiler & Co., Basler Handelsgesellschaft), sowie auf die Landwirtschaft ausgerichtete Gesellschaften, deren bedeutendste die 1853 in Algerien gegründete Compagnie genevoise des colonies suisses de Sétif war. Von den 1920er und 1930er Jahren an, vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg, gründeten die grossen Schweizer Firmen (Nestlé, Sulzer, Alusuisse, BBC, Bühler, Ciba, Geigy, Roche, Sandoz, Schindler, Oerlikon-Bührle, Familie Schmidheiny) Produktionsstätten – hauptsächlich in Südafrika, dessen Industrie in der Zwischenkriegszeit zu wachsen begann, aber auch in Ägypten und im Belgisch-Kongo. Gemäss Zahlen der SNB beliefen sich 1992 die schweizerischen Direktinvestitionen im Ausland auf 107'477 Mio. Franken, wovon 990 Mio. Franken auf Afrika (ohne Südafrika) entfielen. 20'585 Personen arbeiteten für Schweizer Unternehmen in Afrika (1'078'590 im gesamten Ausland).

Es waren afrikanische Staaten, mit denen die Schweiz ab 1962 erstmals Abkommen zum Schutz und zur Förderung von Investitionen abschloss: Tunesien, Niger, Guinea, denen weitere Länder folgten. Von Beginn weg stand Afrika in der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit an vorderster Stelle; mehrere afrikanische Länder wurden als Schwerpunktländer ausgewählt. Seit 1982 beteiligt sich die Schweiz an der Afrikanischen Entwicklungsbank und engagiert sich seit 1993 für deren Reorganisation.

Politische Beziehungen

Das Netz der diplomatischen und konsularischen Vertretungen der Schweiz in Afrika passte sich den Wanderungsbewegungen und politischen Zielsetzungen an: Die ersten Konsulate wurden in Nordafrika, später in Ägypten eröffnet. Im Zuge der Dekolonisation anerkannte der Bundesrat die neuen afrikanischen Staaten im Allgemeinen rasch. Eine aktive Rolle spielte die schweizerische Diplomatie beim Abschluss der Verhandlungen, die zur Unabhängigkeit Algeriens führten (Abkommen von Evian). Dies, wie auch der Umstand, dass die Schweiz sich nie direkt an den kolonialen Eroberungen beteiligt hatte, brachte ihr in Afrika ein gewisses Prestige ein. Demgegenüber belasteten die besonders engen Kontakte mit Südafrika und die Nichtbeteiligung an den UNO-Sanktionen gegen die rassistischen Regimes im südlichen Afrika die politischen Beziehungen mit den anderen afrikanischen Ländern. Diese begrüssten umso mehr die 1979 anlässlich einer Afrikareise geäusserten kritischen Worte von Bundesrat Pierre Aubert zur Apartheid, die wiederum in der Schweiz eine Kontroverse auslösten. Das Bild der Schweiz in Afrika litt auch unter dem Ruf ihrer Banken, die Fluchtgelder von Diktatoren wie zum Beispiel Mobutu aufbewahrten. In den 1990er Jahren gestalteten sich die Beziehungen zwischen der Schweiz und Afrika schwieriger als noch nach 1960: Länder wie Algerien, mit denen die Schweiz besonders enge Beziehungen pflegte, wurden von inneren Krisen geschüttelt, und entwicklungspolitische Schwerpunktländer wie Ruanda und Burundi waren Schauplätze von Massakern und Völkermord.

Kulturelle Beziehungen

Gestützt auf eine vergleichsweise lange Tradition, wurden die kulturellen Beziehungen zum einen vor allem von den schweizerischen Missionaren, Entwicklungshelfern und Ethnologen in Afrika gepflegt. Zum andern wurden sie gefördert durch die Präsenz von Afrikanern und Afrikanerinnen in der Schweiz, namentlich in Genf, wo auch die Afrikaforschung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert (Edouard Naville) relativ gut vertreten ist. Afrikastudien wurden insbesondere auch an den Universitäten Basel, Freiburg und Zürich betrieben, jedoch fast ausschliesslich aufgrund der persönlichen Interessen von Lehrstuhlinhabern der etablierten geistes- und naturwissenschaftlichen Fächer. Institutionell verankert war die Afrikanistik an den schweizerischen Universitäten in den 1990er Jahren nur durch die Afrikalinguistik in Zürich und die Afrikaarchäologie in Genf. Ein Afrika-Institut ist in der Schweiz nie geschaffen worden. Um einen Überblick über die schweizerische Afrikaforschung kümmert sich die 1974 gegründete Schweizerische Afrika-Gesellschaft (SAG), unter anderem in ihren jährlichen Bibliografien. Afrikanische Kunst wird vor allem an den Völkerkundemuseen bzw. in völkerkundlichen Abteilungen von Museen in Basel, Bern, Genf, Neuenburg, Zürich (inklusive Museum Rietberg), St. Gallen und Winterthur sowie in der Sammlung der Basler Mission aufbewahrt und ausgestellt. Zahlreiche Beiträge aus und über Afrika zeigt seit 1987 das Internationale Filmfestival Freiburg. Dank vielfältiger künstlerischer Aktivitäten (Musik, bildende Kunst, Literatur, Film) hat sich der kulturelle Kontakt und Austausch trotz der wirtschaftlichen und politischen Probleme Afrikas gut entwickelt.

Quellen und Literatur

  • EDA, Dok.
  • La Suisse et l'Afrique, 1960
  • Regards africains: arts, culture, société, Nr. 3, 1986; Nr. 20, 1991
  • H.W. Debrunner, Schweizer im kolonialen Afrika, 1991
  • T. Zack, «Die Förderung privater Direktinvestitionen», in SQ 19, 1993, 335-349 (mit Bibl.)
  • B. Etemad, T. David, La Suisse sur la ligne bleue de l'Outre-mer, 1994 (mit Bibl.)
  • R. Lenzin, "Afrika macht oder bricht einen Mann", 1999
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Etemad, Bouda; Perrenoud, Marc: "Afrika", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.01.2017, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/028992/2017-01-16/, konsultiert am 23.09.2021.