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Rationalisierung

Der Begriff R. (lat. ratio, Vernunft) wird für unterschiedl. Sachverhalte verwendet. In der Soziologie beschreibt er nach Max Weber den hist., im frühneuzeitl. Mitteleuropa einsetzenden Prozess einer fortschreitenden Versachlichung gesellschaftl. Handelns. Ihn kennzeichnet, dass traditionsgebundene Orientierungen allmählich von säkularen, vernunftbestimmten, das eigene Wirken reflektierenden Handlungsmaximen abgelöst und Herrschaftsbeziehungen in rationalen Ordnungen (Fabrikorganisation, bürokrat. Verwaltung) versachlicht wurden. R. gilt als ein charakterist. Phänomen der Herausbildung moderner kapitalist. Gesellschaften. Sie prägte nach und nach sämtl. Lebensbereiche: die Ausdifferenzierung von Staat, Wirtschaft und Recht ebenso wie die Durchsetzung eines szientist. Weltverständnisses ("Entzauberung der Welt") und einer von Zweckrationalität geprägten Lebensführung. In der Psychoanalyse wurde der Begriff der R. von Ernest Jones eingeführt. Er bezeichnete damit den Vorgang, einer durch unbewusste Motive gesteuerten Haltung oder Handlung nachträglich einen vernünftigen oder moralisch konformen Sinn zu verleihen.

Am häufigsten wird der Begriff im Kontext der Restrukturierung von Unternehmen und Verwaltungen für die Summe versch. Massnahmen verwendet, die unter veränderten inner- und ausserbetriebl. Bedingungen eine Hebung von Produktivität und Rentabilität vorsehen, z.B. die Einsparung von Lohnkosten durch angepasste Produktionsmethoden. In der Schweiz wurde R. ab Ende des 19. Jh. zu einem Kernbegriff des Managements. Lag der Schwerpunkt zunächst bei der Modernisierung der Rechnungslegung, propagierte eine Rationalisierungsbewegung aus Industriellen und Betriebsleitern ab den 1920er Jahren die sog. wissenschaftliche Betriebsführung (Taylorismus). In der 2. Hälfte des 20. Jh. kam die forcierte Einsparung menschl. Arbeit durch Automatisierung und Informatisierung hinzu. Ab Ende des 20. Jh. waren wiederholt die öffentl. Verwaltung und Unternehmen, die die Grundversorgung gewähren, Gegenstand umstrittener Rationalisierungsmassnahmen. Aufgrund befürchteter berufl. und sozialer Folgen (Arbeitsbedingungen, Qualifikation, Lohn- oder Arbeitsplatzverlust) standen diese Massnahmen häufig in der öffentl. Kritik und bildeten mitunter die Ursache kollektiver Arbeitskonflikte.

Quellen und Literatur

  • E. Jones, «R. im Alltagsleben», in Psyche 29, 1975, 1132-1140 (engl. 1908)
  • M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 51975, (Nachdr. 2002, 11922)
  • G. Billeter, Le pouvoir patronal, 1985
  • R. Jaun, Management und Arbeiterschaft, 1986
  • A. Pelizzari, Die Ökonomisierung des Politischen, 2001