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Baugewerbe

Bauwirtschaft

Das moderne Baugewerbe gliedert sich in das Bauhaupt- und das Bauneben- bzw. Ausbaugewerbe. Ersteres lässt sich unterteilen in den Hochbau, der alle oberirdischen Bauten erstellt, und den Tiefbau, der im Wesentlichen Strassen, Geleise und unterirdische Anlagen zur Ver- und Entsorgung anlegt. Das Baunebengewerbe kümmert sich vor allem um den Innenausbau. Zusammen mit den Planungsbüros der Architekten (Architektur) und Ingenieure (Ingenieurwesen) sowie mit der Zulieferindustrie bildet das Baugewerbe die Bauwirtschaft.

Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Miniatur aus dem Buch Esra der Bibel von Hauterive (Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Ms. L 71, Fol. 197v).
Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Miniatur aus dem Buch Esra der Bibel von Hauterive (Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, Ms. L 71, Fol. 197v). […]

Die Geschichte des Baugewerbes in der Schweiz ist nur in Grundzügen bekannt. Im Mittelalter treten zuerst feudale Organisationsformen des Bauens hervor: Im Auftrag von Adel und Geistlichkeit und unter Anleitung von wandernden Werkmeistern bauten Fronarbeiter und im Spätmittelalter vermehrt Lohnhandwerker Burgen und Schlösser sowie Klöster und Kirchen (Kirchenbau). Für diese aufwendigen Bauaufgaben bildete sich ein qualifiziertes, ebenfalls wanderndes Handwerk (Maurer, Steinmetzen, Zimmerleute, Ziegelbrenner) heraus. Insbesondere Einwohner mancher Alpenregionen (Tessin, Graubünden, Vorarlberg, Tirol, Savoyen, Süddeutschland) bestritten mangels Alternativen ihren Lebensunterhalt durch ein spezialisiertes Baugewerbe, das sie durch ganz Europa führte und eine saisonale, mehrjährige oder gar endgültige Auswanderung bedingen konnte (Wanderarbeit, Maestranze).

Im Hoch- und Spätmittelalter entstand mit der Welle von Städtegründungen ein grosser Bedarf an Bauleistungen für Häuser (Bürgerhaus), Stadtbefestigungen, Brücken, Strassen (Pflästerungen) und Gewerbekanäle. Gleichzeitig organisierten sich die Bauhandwerker in Zünften bzw. im Rahmen der Wanderarbeit überregional in Bruderschaften, vor allem die Maurer, Zimmerleute und Steinmetzen, aber auch die Dachdecker, Glaser, Maler, Hafner (Ofenbau) und Tischmacher. Kirchliche Grossbauten mit langen Bauzeiten verlangten nach einer speziellen Organisationsform, der Bauhütte (z.B. am Berner Münster ab 1420). Deren technisch-organisatorische Leitung lag bei einem Werkmeister, der zusammen mit Steinmetz-, Zimmer- und anderen Meistern die Arbeiter anstellte und beaufsichtigte. Die Holz- und Fachwerkbauten auf dem Land dagegen wurden von der Landbevölkerung in nachbarschaftlicher Zusammenarbeit und unter Beizug dörflicher Handwerker mehrheitlich selber erstellt.

Bereits im Spätmittelalter breitete sich neben dem zünftischen Baugewerbe ein gewinnorientiertes Unternehmertum aus, das, zum Beispiel beim Bau der St. Oswaldskirche in Zug ab 1478, Bauaufträge mit Lohnarbeitern im Akkord ausführte. Im Verlauf der frühen Neuzeit nahm dieses frühkapitalistische Bauunternehmertum zu. Besonders auf dem Land konnte es sich wegen des Fehlens von zünftischen Regelungen entfalten. Bauunternehmer, wie zum Beispiel der Appenzeller Hans Ulrich Grubenmann oder die Vorarlberger Baumeister des ausgehenden 17. und 18. Jahrhunderts, mit mehreren Dutzend Gesellen oder Arbeitern waren keine Seltenheit. Vereinzelt bereits vom 18. Jahrhundert an bauten Bauunternehmer auch auf eigene Rechnung, vermieteten Geschäftslokale und Wohnungen und schufen zusammen mit kapitalkräftigen Baugesellschaften (z.B. Süddeutsche Immobilien-Gesellschaft im Basler Gundeldingerquartier, Berne Land Company im Berner Kirchenfeldquartier) ganze Stadtviertel oder wenigstens einen Immobilienmarkt. Impulse zur Mechanisierung und Rationalisierung des Baugewerbes kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Ingenieuren im Brücken- und Bahnbau (Stahlbau), wobei hier zuerst vor allem ausländische Konstrukteure und Lieferanten wirkten. Diese Entwicklung verstärkte sich im 20. Jahrhundert, unter anderem mit dem Aufkommen von Bauten aus vorgefertigten Betonelementen und dem Einsatz von motorbetriebenen Baumaschinen.

Das Haus von Jakob Wildy in Suhr während der Bauarbeiten im Juni 1807. Aquarell von Emanuel von Jenner (Staatsarchiv Aargau, Aarau, Grafische Sammlung, GS/00089-2).
Das Haus von Jakob Wildy in Suhr während der Bauarbeiten im Juni 1807. Aquarell von Emanuel von Jenner (Staatsarchiv Aargau, Aarau, Grafische Sammlung, GS/00089-2).

Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Baugewerbes war vom Spätmittelalter an beträchtlich. In den Städten des Mittelalters und der frühen Neuzeit arbeiteten rund 10% der Handwerker in der Baubranche. Im Zürcher Unterland, als ländliches Beispiel, waren 1790 ein Viertel der handwerklichen und gewerblichen Spezialisten im Baugewerbe tätig. Daneben waren je nach Saison und Auftragslage auch Taglöhner und Gelegenheitsarbeiter als Handlanger auf Baustellen beschäftigt. Während allen Epochen dominierten im Baugewerbe die Männer. Im 19. Jahrhundert liess das demografische und wirtschaftliche Wachstum die Nachfrage nach privaten und öffentlichen Bauten ansteigen. So entstanden neue Fabrikbauten, ab den 1850er Jahren das Bahnnetz, Verwaltungsgebäude von Bund und Kantonen (z.B. Bundeshaus 1852-1857) sowie kommunale Gebäude (Schulhäuser, Gaswerke, Schlachthöfe usw.). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts expandierte auch der Wohnungsbau, vor allem in den grösseren Städten. Den kräftigsten Expansionsschub erlebte die Bauwirtschaft im 20. Jahrhundert: 1945-1973 und in den 1980er Jahren wuchs sie überdurchschnittlich und war ein wichtiger Pfeiler des volkswirtschaftlichen Wachstums, nicht zuletzt aufgrund des Baus der Nationalstrassen.

Emmentaler Zimmerleute bei der Errichtung eines Holzhauses in den 1930er Jahren. Fotografie von Ernst Hiltbrunner (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Hiltbrunner).
Emmentaler Zimmerleute bei der Errichtung eines Holzhauses in den 1930er Jahren. Fotografie von Ernst Hiltbrunner (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Hiltbrunner).

Die Baunachfrage war immer stark von der Konjunktur abhängig. Vor allem die privaten Bauaufträge wiesen grosse Schwankungen auf. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert erlebten die meisten Städte der Schweiz eine von der politischen, wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung begünstigte Baukonjunktur. Auch im 16. Jahrhundert ist mindestens für einzelne Städte eine grosse Bautätigkeit nachgewiesen. In Bern wurden damals zwei Drittel der Gebäude neu oder umgebaut. Das «goldene Zeitalter» des Barocks lässt sich deutlich am Bauvolumen im Gebiet der Schweiz ablesen. Viele Städte erhielten ein barockes Gesicht, indem bis zu drei Viertel der Bausubstanz verändert oder neu gebaut wurden. In ländlichen Orten errichteten die führenden Geschlechter eigentliche Paläste oder reich geschmückte Bauernhäuser. Zahlreiche Klöster gaben aufwendige Neubauten in Auftrag. Ferner entstand im 18. Jahrhundert im obrigkeitlichen Auftrag ein Netz von – im Vergleich zu mittelalterlichen Verhältnissen – gut befahrbaren Staatsstrassen. Die Baukosten von öffentlichen und privaten Bauten wurden von den Auftraggebern normalerweise mit den laufenden Einnahmen bestritten, sodass sich die Bauzeit oft über mehrere Jahrzehnte erstreckte. Boomzeiten erlebte die Baubranche erneut von den späten 1850er Jahren bis zur Depression der 1870er und 1880er Jahre und in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser und die Krise der 1930er Jahre brachten dann einen Einbruch der Bautätigkeit, den auch die antizyklisch vergebenen öffentlichen Bauaufträge nicht auszugleichen vermochten. Die späten 1920er Jahre und die Hochkonjunkturen nach dem Zweiten Weltkrieg verschafften dem Baugewerbe hingegen goldene Zeiten. 1973 und 1988-1989 erreichten die Beschäftigung und die Bauinvestitionen in der Schweiz jeweils einen Höchststand. 1960-1973 arbeiteten durchschnittlich 9,5% der Erwerbstätigen in der Baubranche. Nach 1973 folgte ein Beschäftigungseinbruch um 40%, und auch 1988-1995 gingen die Beschäftigtenzahlen um einen Viertel zurück, um 1997 im Bauhauptgewerbe erstmals seit langem unter die Marke von 100'000 zu fallen. Die Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte waren immer auch Baukrisen. Diejenige der 1990er Jahre, dem Wesen nach auch eine Strukturkrise, hat zahlreiche kleine und mittlere, aber auch grosse Baufirmen (Losinger, Marti, Preiswerk, Stuag, Zschokke) in Schwierigkeiten gebracht.

Erwerbstätige im Baugewerbe 1888-2000

Jahrabsolutin %a
188862'2164,8%
190099'8636,4%
1910127'2837,1%
1920107'0055,7%
1930147'1737,6%
1941143'7367,2%
1950167'6417,8%
1960239'4549,5%
1970b285'1519,5%
1980b221'6237,2%
1990b314'7908,8%
2000b239'7566,3%

a Anteil an der erwerbstätigen Bevölkerung

b ab 1970 mit Teilzeitbeschäftigten

Erwerbstätige im Baugewerbe 1888-2000 -  Eidgenössische Volkszählungen

Auch witterungsbedingt schwankten die Bautätigkeit und die Nachfrage nach Arbeitskräften zu allen Zeiten saisonal sehr stark. Zudem dauerte der Arbeitstag im Sommer länger als im Winter. Leidtragende der konjunkturellen und saisonalen Schwankungen waren in erster Linie die Bauarbeiter. Besonders die schlecht qualifizierten Erdarbeiter und Handlanger waren bereits im Mittelalter die Manipuliermasse auf den Baustellen, die kurzfristig angeheuert oder entlassen wurden. Die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Tradition der Saisonarbeit von Bauarbeitern aus dem Tessin und Graubünden im Ausland bzw. aus Vorarlberg, Tirol und Süddeutschland in der Schweiz fand im 19. und 20. Jahrhundert ihre Fortsetzung mit Fremdarbeitern aus südeuropäischen Ländern. Nach der Fertigstellung der Gotthardbahn (1882) strömten Tausende von Handlangern und Maurern aus Norditalien in die Schweiz, wo sie dank des Baubooms vor dem Ersten Weltkrieg Arbeit fanden. Bereits 1910 waren 40% der Bauarbeiter Ausländer, in den grössten Städten sogar 50%. Diese Zuwanderungswelle wiederholte sich nach 1945, sodass seit 1960 rund 60% der Bauarbeiter aus dem Ausland stammen. Dies hatte für die Unternehmer den Vorteil, dass die konjunkturellen und saisonalen Nachfrageschwankungen besser aufgefangen werden konnten, indem Arbeiter mit befristeten Aufenthaltsbewilligungen ohne Probleme nach Hause geschickt werden konnten. Ferner weist der hohe Ausländeranteil darauf hin, dass das Baugewerbe zahlreiche schlecht bezahlte Stellen ungelernter Arbeitskräfte umfasste.

Quellen und Literatur

  • K. Strolz, Das Bauhandwerk im alten Zürich unter besonderer Berücksichtigung seiner Löhne, 1970
  • A. Brulhart, E. Rossier, Bibliographie critique de l'urbanisme et de l'architecture à Genève, 1798-1975, 2 Bde., 1978-1982
  • Lexikon des Mittelalters 1, 1980, 1553-1561, 1623-1626, 1629-1630
  • H.C. Peyer, «Entwicklung der Schweizer Bauwirtschaft vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert», in Schweizer Baublatt, 1982, Nr. 82, 63-68; 1982, Nr. 84, 51-55
  • C. Adam, Les cycles conjoncturels de la construction à Genève (1848-1925), 1983
  • B. Beck, Lange Wellen wirtschaftlichen Wachstums in der Schweiz 1814-1913, 1983
  • Schweizerische Bauwirtschaft in Zahlen, 1984-
  • T. Meier, Handwerk, Hauswerk, Heimarbeit, 1986
  • H. Frey, E. Glättli, Schaufeln, sprengen, karren, 1987
  • A. Knöpfli, «Aufsteiger – oder längst im Bürgertum zu Hause? Bauunternehmer und Bauunternehmen in der Schweiz», in Schweiz im Wandel, 1990, 259-276
  • U. Brunold et al., Gewerbliche Migration im Alpenraum, 1994
  • R. Gerber, Öffentliches Bauen im mittelalterlichen Bern, 1994