de fr it

JakobWiedmer

10.8.1876 Bern, 3.8.1928 Bern, reformiert, von Sumiswald. Archäologe, Schriftsteller, Museumsdirektor, Financier und Erfinder.

Das Ehepaar Jakob und Maria Wiedmer-Stern mit Tochter Maria Regina und den Eltern Wiedmer im Hof des Bernischen Historischen Museums, aufgenommen wohl aus Anlass von Jakob Wiedmers Wahl zum Museumsdirektor im Juni 1907 (Bernisches Historisches Museum; Reproduktion Christine Moor).
Das Ehepaar Jakob und Maria Wiedmer-Stern mit Tochter Maria Regina und den Eltern Wiedmer im Hof des Bernischen Historischen Museums, aufgenommen wohl aus Anlass von Jakob Wiedmers Wahl zum Museumsdirektor im Juni 1907 (Bernisches Historisches Museum; Reproduktion Christine Moor).

Jakob Wiedmer kam als Sohn des Jakob Wiedmer und der Elisabeth geborene Brügger zur Welt. Als Einzelkind wuchs er in Herzogenbuchsee auf, wo seine Eltern im Dorfzentrum eine Bäckerei betrieben. Obwohl seine breit gefächerten Begabungen den Lehrern auffielen, verwehrte ihm der Vater den Übertritt ins Gymnasium; es blieb eine Ausbildung zum Kaufmann. Früh verkehrte er im kulturbewussten Doktorhaus Krebs, wo die gleichaltrige Maria, die spätere Maria Waser, aufwuchs; zwischen den beiden entstand eine lebenslange Vertrautheit. 1893 nahm Wiedmer an ersten archäologischen Ausgrabungen von Edmund von Fellenberg in Bannwil teil; wenig später druckte Ulrich Dürrenmatt in der Berner Volkszeitung eine historische Erzählung des jungen Schreibtalents.

Während eines Aufenthalts in Zürich knüpfte Wiedmer Verbindungen zu Jakob Heierli, dem damals sachkundigsten Archäologen der Schweiz. Drei Jahre in Athen (1898-1901) prägten den jungen Kommis, der dort sofort mit den führenden Archäologen des Nationalmuseums und der Universität in Verbindung trat. Auch ein Besuch in Troia ist sehr wahrscheinlich. Nach seiner Rückkehr erschien 1903 der erste Roman Um neue Zeiten. Ein Jahr später verheiratete er sich mit Maria Stern, einer geschäftstüchtigen Frau, die ein Hotel in Wengen besass. Sie entstammte einer Pfarrerfamilie mit pietistischem Hintergrund; ihr aus Deutschland stammender Vater Julius Anton Ludwig Alexander Stern war Missionar in Indien gewesen, bevor er in der Schweiz Pfarreistellen versah. 1906 wurde die Tochter Maria Regina Wiedmer geboren.

Ausgrabung des keltischen Gräberfelds bei Münsingen. Fotografie vom 9. Juni 1906 (Bernisches Historisches Museum; Reproduktion Christine Moor).
Ausgrabung des keltischen Gräberfelds bei Münsingen. Fotografie vom 9. Juni 1906 (Bernisches Historisches Museum; Reproduktion Christine Moor). […]

Nach seinem 1905 erschienenen zweiten Roman Flut sah ihn der einflussreiche Feuilletonredaktor Josef Viktor Widmann der Berner Zeitung Bund bereits als Nachfolger von Jeremias Gotthelf. Noch im gleichen Jahr bekleidete Wiedmer am Bernischen Historischen Museum die Stelle eines Konservators der archäologischen Sammlung; 1907-1910 leitete er das Museum als Direktor. In diese Zeit fallen die archäologischen Ausgrabungen des keltischen Gräberfelds bei Münsingen. Sein konsequentes Vorgehen bei der Grabung und vor allem die präzise Dokumentation der Befunde schufen die Voraussetzung für die in der Forschung richtungsweisende Methode der «Horizontalstratigrafie». 1907 zählte er zu den Gründern der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte, welche dem mangelnden Schutz von Fundstellen entgegenwirken und die Einrichtung kantonaler archäologischer Fachstellen fördern sollte. Erster Präsident der Gesellschaft wurde Wiedmer, erster Sekretär Jakob Heierli.

Ausgrabung des keltischen Gräberfelds bei Münsingen. Aquarellierte Bleistiftzeichnungen von freigelegten Skeletten aus Jakob Wiedmers Grabungstagebuch, 1906 (Bernisches Historisches Museum; Fotografie Christine Moor).
Ausgrabung des keltischen Gräberfelds bei Münsingen. Aquarellierte Bleistiftzeichnungen von freigelegten Skeletten aus Jakob Wiedmers Grabungstagebuch, 1906 (Bernisches Historisches Museum; Fotografie Christine Moor).

Ein neuer Lebensabschnitt setzte mit einem längeren Aufenthalt in Konstantinopel ein, wo Wiedmer als Geldgeber für die Elektrifizierung der städtischen Strassenbahnen auftrat. Vermutlich zur gleichen Zeit offenbarten sich die ersten Symptome einer Syphilis, mit der er sich als junger Mann in Athen infiziert hatte. Nach risikoreichen Investitionen unter anderem in sizilianische Asphaltminen und Silberbergwerke in Nevada drohte Wiedmer beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs der finanzielle Ruin; er wurde hinausgezögert durch die Gründung einer Firma zur Erfindung und «Konstruktion von Werkzeugen, Apparaten, Maschinen und dergleichen», die erfolglos blieb und 1922 in Konkurs ging.

Nach dem Ausbruch der Syphilis, die stets als Rheumatismus ausgegeben wurde, verliess Wiedmer die Stadtberner Familienvilla im Rabbental und lebte fortan bescheiden an verschiedenen Adressen im Kirchenfeld. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit der Publikation von Kurzgeschichten in Zeitungen. Besondere Verdienste erwarb er sich zu dieser Zeit mit der Förderung kultureller Verbindungen zwischen der Schweiz und Griechenland. Der griechische Staat vergalt es mit grosszügigen Schenkungen von archäologischen Altertümern an schweizerische Universitätssammlungen und Museen.

Jakob Wiedmers Roman Flut mit Einband in zeitgemässem Jugendstil, Huber & Co., Frauenfeld 1905 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, N 4130).
Jakob Wiedmers Roman Flut mit Einband in zeitgemässem Jugendstil, Huber & Co., Frauenfeld 1905 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, N 4130).

Jakob Wiedmer verstarb 1928 an der Folge seiner Krankheit. Bis kurz vor seinem Tod hatte er an seinem dritten Roman Kyra Fano gearbeitet, einer Darstellung der griechischen Befreiungskriege. Die geplante Verfilmung durch Alfred Hitchcock scheiterte. Das Buch erschien 1940 postum, herausgegeben von Maria Waser. Diese hatte ihrem Jugendfreund in ihrem eigenen Werk Land unter Sternen (1930) mit dem Kapitel Das Genie schon vorher ein literarisches Denkmal gesetzt. Als Schriftsteller geriet Wiedmer in Vergessenheit, obwohl der Roman Flut hochaktuell wäre, da er den Massentourismus und dessen zerstörerische Auswirkungen auf die Alpen thematisiert. Die Ausgrabungen in Münsingen hingegen sind ein bis heute wirksamer Prüfstein der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie. Wiedmers Pionierarbeiten in wissenschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereichen machen sein Leben zu einem Spiegelbild der ereignisvollen Geschichte am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Quellen und Literatur

  • Wiedmer-Stern, Jakob: Um neue Zeiten, 1903.
  • Wiedmer-Stern, Jakob: «Archäologisches aus dem Oberaargau», in: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern, 17, 1904, S. 300-511.
  • Wiedmer-Stern, Jakob: Flut, 1905.
  • Wiedmer-Stern, Jakob: «Das Latène-Gräberfeld bei Münsingen (Kt. Bern)», in: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern, 18, 1908, S. 269-361.
  • Wiedmer-Stern, Jakob: Griechische Erinnerungen eines Veteranen, 1925.
  • Wiedmer-Stern, Jakob: Kyra Fano. Ein Roman aus der Zeit der griechischen Freiheitskämpfe, 1940.
  • Wiedmer-Stern, Jakob: In Athen – endlich. Griechische Erinnerungen um 1900 (im Druck).
  • Bernisches Historisches Museum, Bern: Korrespondenz, Tagebücher, Grabungsdokumentationen, Fotoalben.
  • Hodson, Frank Roy: The La Tène Cemetery at Münsingen-Rain. Catalogue and Relative Chronology, 1968 (Acta Bernensia, 5).
  • Müller, Felix (Hg.): Münsingen-Rain, ein Markstein der keltischen Archäologie. Funde, Befunde und Methoden im Vergleich. Akten/Internationales Kolloquium «Das keltische Gräberfeld von Münsingen-Rain 1906-1996», 9.-12. Oktober 1996, 1998 (Schriften des Bernischen Historischen Museums, 2).
  • Utz, Peter: Kultivierung der Katastrophe. Literarische Untergangsszenarien aus der Schweiz, 2013.
  • Müller, Felix: Rastlos. Das erstaunliche Leben des Archäologen und Erfinders Jakob Wiedmer-Stern (1876-1928), 2020.
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF
Kurzinformationen
Variante(n)
Jakob Wiedmer-Stern
Lebensdaten ∗︎ 10.8.1876 ✝︎ 3.8.1928

Zitiervorschlag

Müller (Bern), Felix: "Wiedmer, Jakob", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.07.2021. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041553/2021-07-20/, konsultiert am 28.11.2021.