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Palästina

Der Begriff bezeichnet seit der Antike den Landstreifen zwischen dem Libanon und Ägypten am östlichen Mittelmeer, den die zionistische Bewegung (Zionismus) seit Ende des 19. Jahrhunderts, im Rückgriff auf die hebräische Bibel, als Eretz Israel (Land Israel) für einen jüdischen Staat beanspruchte. Er blieb bis 1948, dem Ende des britischen Mandats über Palästina, die primäre Bezeichnung für das Gebiet. Von 1516/1517 bis zum Ersten Weltkrieg gehörte Palästina zum Osmanischen Reich (Naher Osten). Es bildete darin nie eine eigene Verwaltungseinheit, doch wurde Südpalästina im 19. Jahrhundert als Sandschak Jerusalem direkt der Zentralregierung unterstellt.

Während Ritter und Soldaten aus dem Gebiet der heutigen Schweiz während der Kreuzzüge, einzelne Pilger auch noch danach, nach Palästina gezogen waren, multiplizierten sich die Kontakte zwischen der Schweiz und Palästina im 19. Jahrhundert. Samuel Gobat wurde 1846 protestantischer Bischof des 1841 errichteten anglo-preussischen Bistums von Jerusalem. Zu Gobats Umfeld gehörten die Schweizer Titus Tobler, Konrad Furrer und Johannes Frutiger – Gründer einer gleichnamigen Bank, die im späten 19. Jahrhundert die wichtigste in Palästina war – wie auch Johann Christian Fallscheer, Schwiegervater von Josephine Fallscheer-Zürcher, der 1858 als Chrischona-Bruder nach Jerusalem gekommen war, sowie Johann Ludwig Schneller, der ebenfalls im Auftrag der Pilgermission St. Chrischona dazu stiess. Auch die Missionshandlung C.F. Spittler und Co. in Jerusalem ist zu diesem Kreis zu zählen. Mehrere christliche Einrichtungen im Palästina des 19. Jahrhunderts, darunter die Schneller'sche Erziehungsanstalt, lassen sich als Teil eines transnationalen Netzes erweckter Gemeinschaften verstehen, die in Palästina das «Reich Gottes» aufzubauen trachteten und deren Knotenpunkt das missionarische, zum Teil christlich-zionistische Basel des 19. Jahrhunderts war (Missionen).

1917 eroberte die britische Armee Palästina. Aussenminister Balfour versprach in der sogenannten Balfour-Erklärung britische Hilfe für die Errichtung einer «nationalen Heimstätte für das jüdische Volk», die indes die nichtjüdische Bevölkerungsmehrheit nicht beeinträchtigen dürfe. 1920-1948 verwaltete Grossbritannien Palästina im Rahmen eines Völkerbundsmandats. Ab 1927 vertrat erstmals Honorarkonsul Jona Kübler, 1935-1940 Carl Lutz die Schweiz konsularisch. Neben der Berichterstattung – unter anderem über die Reaktionen der Juden Palästinas auf die Einführung des Judenstempels 1938 – und wirtschaftlicher Interessenwahrung für die Schweiz vertrat Lutz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Deutschland und kümmerte sich um deutsche Institutionen, darunter das von Schneller gegründete Syrische Waisenhaus. 1947 beschloss die UNO, Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufzuteilen. Eine Delegation des IKRK war ab März 1948 in Palästina präsent. Ihr Chef, Jacques de Reynier, war Zeuge des Massakers von Kämpfern der jüdischen Irgun-Organisation am 10. April 1948 im Dorf Deir Yassin. Reyniers Mitarbeiter Pierre Fasel begleitete den UN-Vermittler Graf Folke Bernadotte, als dieser am 17. September 1948 von jüdischen Extremisten erschossen wurde. Im Krieg um Palästina errang der neu gegründete Staat Israel 1948 die Macht im grössten Teil Palästinas, im Sechstagekrieg 1967 in ganz Palästina, inklusive Gazastreifen, Ostjerusalem und Westjordanland.

Das Elend der palästinensischen Flüchtlinge rückte erst spät ins Bewusstsein einer breiten schweizerischen Öffentlichkeit. Als am 18. Februar 1969 ein bewaffnetes Kommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas auf ein israelisches Flugzeug auf der Startbahn des Flughafens Kloten schoss und sich nach seiner Verhaftung auf Wilhelm Tell berief, erntete es keine Sympathien. 1970 folgten weitere Aktionen der Volksfront gegen Maschinen der Swissair (Würenlingen, Zerka). Zwar wurde bereits 1976 eine Gesellschaft Schweiz-Palästina gegründet, aber erst die 1987 beginnende Intifada bewirkte eine breite Wahrnehmung palästinensischer Erfahrung in der Schweiz. Der Bundesrat anerkannte den 1988 ausgerufenen Staat nicht, offizialisierte jedoch seine Beziehungen mit den palästinensischen Behörden, indem er ab 1994 einen palästinensischen Generaldelegierten in der Schweiz akzeptierte und eine Verbindungsstelle der Deza bei der palästinensischen Behörde unterhielt. In den 1990er Jahren startete der Bundesrat via Deza eine umfangreiche Palästina-Hilfe. Sie unterstützte den auf privater Basis begonnenen israelisch-palästinensischen Verhandlungsprozess, aus dem die inoffizielle Genfer Initiative von 2003 resultierte.

Quellen und Literatur

  • Archiv des IKRK, Genf
  • EDA, Dok.
  • J. de Reynier, 1948 à Jérusalem, 1969 (22002)
  • A. Carmel, Christen als Pioniere im Hl. Land, 1981
  • Europäer in der Levante, hg. von D. Trimbur, 2004
  • C. Rey-Schyrr, De Yalta à Dien Bien Phu, 2007
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Hans-Lukas Kieser: "Palästina", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041644/2010-09-23/, konsultiert am 08.12.2022.