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Elektrizitätswirtschaft

Die Stromversorgung der Schweiz wird wie in Deutschland und den nordeuropäischen Ländern von Unternehmen des privaten und öffentlichen Sektors betrieben. Die gegenwärtige Situation ist weitgehend auf Entscheidungen zurückzuführen, die zwischen 1880 und 1916 getroffen wurden.

Der Privatsektor

Mehrere Arten von Unternehmen sind im Privatsektor tätig. Die elektrochemischen Betriebe, die Energie für den Eigenbedarf erzeugten, spielten anfänglich eine wichtige Rolle. Zu nennen sind die Pariser Société d'électro-chimie (1889) und deren Chlorate produzierendes Werk am Saut-du-Day in Vallorbe, die Lonza und die spätere Alusuisse. 1900 lieferte dieser Typ von Unternehmen 50% der elektrischen Energie. Für die Erzeugung und Verteilung des Stroms an Dritte waren ferner die städtischen Betriebe von zentraler Bedeutung. In den meisten grossen Schweizer Städten richteten in den 1880er Jahren Privatunternehmer in Pionierarbeit die ersten elektrischen Beleuchtungsanlagen ein. Andere Unternehmen wie die Société romande d'électricité (1904, Territet) und die Centralschweizerischen Kraftwerke (1909) leiteten die Elektrifizierung der ländlichen Gebiete ein.

Bau eines Flusskraftwerks an der Aare bei Aarburg, um 1900 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung V).
Bau eines Flusskraftwerks an der Aare bei Aarburg, um 1900 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung V).

Der bedeutendste private Elektrokonzern entstand durch die vom Konstruktionsunternehmen BBC (Asea Brown Boveri) verfolgte Strategie der Integration auch kleiner Betriebe. Die wichtigsten Stromnetze in der Deutschschweiz und im Tessin (1906-1909 Biaschina) wurden von Motor (Motor-Columbus), einer Tochtergesellschaft der BBC, vor dem Ersten Weltkrieg errichtet. Manche Betriebe wurden von kantonalen Unternehmen aufgekauft: 1906 erwarb Bern die Vereinigten Kander- und Hagneck-Werke; neun Kantone kauften die Werke Beznau-Löntsch – Ersteres im Aargau, Letzteres in Glarus – und gründeten 1914 die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK). Das Elektrizitätswerk Olten-Aarburg und die Officine Elettriche Ticinesi blieben dagegen in privater Hand und schlossen sich 1936 zur Aare-Tessin AG für Elektrizität (Atel) zusammen. Insgesamt ist der Privatsektor äusserst innovativ, was etwa im 1908 eingeführten gleichzeitigen Betrieb von Lauf- und Speicherkraftwerken ersichtlich ist. Ferner ist der Privatsektor grenzüberschreitend tätig und in hohem Masse auf Finanzierungsgesellschaften angewiesen. Seine Expansion wurde zunehmend eingeschränkt durch den aufstrebenden öffentlichen Sektor, der 1995 drei Viertel des Gesamtkapitals aller Elektrizitätsgesellschaften besass. Der Anteil der privaten Unternehmen an der Stromerzeugung betrug 1885 98,8%, 1890 92,7%, 1900 85,5%, 1910 75,9%, 1920 67,4%, 1930 51,9% und 1950 44,4%. Die Gesamtproduktion der privaten und öffentlichen Unternehmen stieg 1880-1950 von 249 GWh auf 12'758 GWh (1890: 423 GWh, 1900: 950, 1910: 2200, 1920: 4407, 1930: 7064, 1940: 9156).

Der öffentliche Sektor

Der Aufstieg des öffentlichen Sektors im Bereich der Elektrizitätsversorgung ist vor dem Hintergrund der Kommunalisierung und Kantonalisierung der energiewirtschaftlichen Infrastruktur und der wachsenden Kritik an den vom Service public profitierenden privaten Firmen zu sehen, die allzu häufig von ausländischem Kapital abhängig seien. Die Elektrizitätsgesellschaften wurden wie die Gaswerke (Gas) ab Ende der 1880er Jahre von den Gemeinden aufgekauft, woraus sich das für die Schweiz typische System der Gemeindewerke entwickelte. Den Anfang machten einige Pilotstädte wie Genf, Zürich und Bern, deren Beispiel nach und nach weitere Gemeinden folgten. Treibende Kraft waren herausragende Ingenieure wie Théodore Turrettini in Genf, die ihre Vorstellungen durchsetzten und sich dabei auf Erfahrungen mit dem Betrieb von Wasserverteilanlagen und Kraftwerken der vorelektrischen Zeit stützten, zum Beispiel in den Quartieren Letten in Zürich, Coulovrenière in Genf und Matte in Bern. Das kommunale Modell verbreitete sich rasch: 1918 verfügten bereits 44 Städte und Gemeinden über eine eigene Stromversorgung. Die Kantone profitierten von ihrem Recht, Konzessionen auf die Nutzung der Wasserkraft zu verleihen, und konnten mit Unterstützung ihrer Kantonalbanken private Werke aufkaufen, was sie der Gründung eigener Unternehmen vorzogen. Den ersten Schritt machten Freiburg (1888, seit 1915 Freiburger Elektrizitätswerke) und Waadt (1901 Compagnie vaudoise d'électricité), gefolgt von Bern (1906 Bernische Kraftwerke) und der Ostschweiz (seit 1908 Elektrizitätswerke des Kantons Zürich). Nicht alle Kantone vermochten jedoch mitzuziehen, da zuweilen kein entsprechender Markt vorhanden war.

Von den Partnerschaften der Zwischenkriegszeit zur Liberalisierung der Märkte

Turbinen im Elektrizitätswerk von Hartolfingen (Bürglen, UR) am Schächenbach. Das Werk gehört der Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk Altdorf, die 1895 für den Bau dieses Werks gegründet worden war. Fotografie von Michael Aschwanden, um 1910 © Foto Aschwanden AG, Altdorf.
Turbinen im Elektrizitätswerk von Hartolfingen (Bürglen, UR) am Schächenbach. Das Werk gehört der Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk Altdorf, die 1895 für den Bau dieses Werks gegründet worden war. Fotografie von Michael Aschwanden, um 1910 © Foto Aschwanden AG, Altdorf.

Die beiden Bundesgesetze, welche die aus Wasserkraft gewonnene Elektrizität betreffen, förderten die zunehmende Vielfalt der Anbieter: 1913 wurden erstmals über 1000 Elektrizitätswerke gezählt, während es 1900 erst 140, 1905 490 und 1910 780 gewesen waren. Mit dem Gesetz von 1902 über die Starkstromanlagen wurde den Gemeindewerken offiziell eine Monopolstellung eingeräumt, und das Gesetz von 1916 über die Nutzbarmachung der Wasserkräfte brachte einen neuen wichtigen Akteur ins Spiel: die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Die SBB erhielten das Recht, die für die Elektrifizierung ihres Netzes benötigten Konzessionen zu erwerben. Doch kaum war dieses System eingeführt, geriet es schon ins Wanken. Der Erste Weltkrieg und die damit einhergehenden Auseinandersetzungen über die Energieversorgung des Landes veranlassten die Elektrizitätswerke, die an einem sparsamen Umgang mit der Wasserkraft interessiert waren, zur Zusammenarbeit. Um die allgemeine Versorgungspolitik mit der Vielfalt der Akteure zu vereinbaren, wurden Verbundnetze geschaffen. 1918 wurde in der Deutschschweiz die 1939 aufgelöste Schweizerische Kraftübertragung AG gegründet. In der Westschweiz entstand 1919 die Energie de l'Ouest-Suisse (EOS). In der Zwischenkriegszeit entwickelten sich umfangreiche Stromnetze, und die privaten, gemischten und öffentlichen Unternehmen versuchten einerseits durch Stromexport, andererseits durch Zusammenarbeit die Rentabilität ihrer riesigen Anlagen – wie Lauf- und Speicherkraftwerke – sicherzustellen. Die EOS baute mit ihren Partnern die erste Dixence-Staumauer (Grande Dixence, Stauwerke). In der Deutschschweiz ergab sich zwischen den wichtigsten Unternehmen (Nordostschweizerische Kraftwerke, Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, Motor-Columbus, SBB) eine intensive Zusammenarbeit, aus der mehrere grosse Partnerwerke hervorgingen (Wägital, Ryburg-Schwörstadt, Etzel).

Um den steigenden Energiebedarf nach dem Zweiten Weltkrieg zu decken, wurden eine Vielzahl neuer Wasserkraftwerke und ab Ende der 1960er Jahre auch die ersten Kernkraftwerke gebaut (Atomenergie). Mit diesen neuen Anlagen nahm die Konzentration auf dem Strommarkt zu. Ende des 20. Jahrhunderts wurden rund 70% der Energieerzeugung von zehn grossen Unternehmen kontrolliert. Hierzu gehörten neben den SBB sechs regionale Elektrizitätswerke (Nordwestschweizerische Kraftwerke, Bernische Kraftwerke, Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg, EOS, Centralschweizerische Kraftwerke und Atel) sowie drei Stadtwerke (Basel, Zürich, Bern). Nach dem Widerstand gegen die Kernenergie kam es an der Wende zum 21. Jahrhundert wegen der anstehenden Liberalisierung der EU-Märkte zu heftigen Turbulenzen. Das Nein des Schweizer Stimmvolks 2002 zum Elektrizitätsmarktgesetz trug nicht zur Entspannung der Lage bei. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, schlossen sich erneut Elektrizitätswerke zusammen. Auf regionaler Ebene vereinigten sich 2005 die Freiburger und die Neuenburger Elektrizitätswerke zur Groupe E. Auf überregionaler Ebene fusionierten 2008 EOS und Atel zu Alpiq. In der 2001 gegründeten Axpo Holding AG fanden 2011 die ehemaligen Nordostschweizerischen Kraftwerke (seit 2009 Axpo AG), die Centralschweizerischen Kraftwerke sowie die Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg zusammen. Während die schweizerischen Elektrizitätswerke von der noch nicht vollständigen Liberalisierung des Schweizer Stromarkts gegenüber der ausländischen Konkurrenz profitieren, können sie sich in den bereits liberalisierten Märkten der EU positionieren. Alpiq ist das wichtigste Energieunternehmen der Schweiz. Es erwirtschaftete 2010 einen konsolidierten Umsatz von 14,1 Mrd. Franken und deckte in der Schweiz einen Drittel der Versorgung mit Elektrizität ab.

Quellen und Literatur

  • Führer durch die schweiz. Wasser- und Elektrizitätswirtschaft, 2 Bde., 1949
  • J. Mutzner, Die Stromversorgung der Schweiz, 1995
  • G. Beltz, Histoire de la politique de l'énergie en Suisse, 1996
  • D. Gugerli, Redeströme, 1996, 247-300
  • S. Paquier, Histoire de l'électricité en Suisse, 1998, 527-559, 723-945
  • Veröff. UEK 5
Weblinks

Zitiervorschlag

Serge Paquier: "Elektrizitätswirtschaft", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.01.2016, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/042014/2016-01-26/, konsultiert am 26.05.2022.