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MathildeLeuzinger

19.8.1899 Rapperswil (SG), 4.12.1980 Altdorf (UR), reformiert, von Netstal. Erfolgreiche und initiative Kinounternehmerin, die mehrere Kinos in der Ost- und Zentralschweiz besass.

Mathilde Leuzinger im Kassenhäuschen des Wanderkinos. Fotografie von A. Steiner, Thalwil, Juni 1921 (Firmenarchiv Leuzinger, Marianne Hegi, Rapperswil).
Mathilde Leuzinger im Kassenhäuschen des Wanderkinos. Fotografie von A. Steiner, Thalwil, Juni 1921 (Firmenarchiv Leuzinger, Marianne Hegi, Rapperswil). […]

Mathilde Leuzinger war die Tochter des Willy Leuzinger, der nach einer Mechanikerlehre als Gastwirt des Hechts in Rapperswil zum Kinobesitzer und Kinopionier wurde, und der Mathilde geborene Hofer. Primar- und Sekundarschule besuchte sie in Rapperswil. Als Jugendliche begleitete sie am Klavier die Filmprojektionen im Kinematographen-Theater im Schwanen in Rapperswil und wirkte 1918 als Filmpianistin in Rüti (ZH). Die ledig gebliebene Mathilde Leuzinger übernahm früh Verantwortung im elterlichen Betrieb, verhandelte mit Verleihern, Banken und Behörden, besorgte die gesamte Filmprogrammierung und organisierte die Tourneen des Wanderkinos, das ab 1919 die Nordostschweiz bereiste. In Frauenfeld leitete sie 1928 einen Kino-Neubau. Nach dem Tod des Vaters 1935 trat sie dessen Nachfolge an und sanierte als Direktorin des Familienbetriebs in kurzer Zeit das verschuldete Unternehmen. Kriegsbedingter Personalmangel, die verstärkte Konkurrenz der Ortskinos und die Heirat ihrer Schwestern Anna und Martha, die bis anhin im Unternehmen mitarbeiteten, führten 1943 zum Verkauf des Wanderkinogeschäfts. 

«Fräulein Leuzinger», wie sie genannt wurde, war eine starke Persönlichkeit, die für ihr Verhandlungsgeschick in der Branche respektiert und gefürchtet wurde. Ihren Sälen verschaffte sie Vorspielrechte von bis zu acht Wochen gegenüber den Kinos der umliegenden Ortschaften und von den programmierten Filmen hatte sie jeden einzelnen gesehen und ausgewählt. Unter ihrer Leitung erfuhr das Unternehmen in der Nachkriegszeit einen grossen Aufschwung. Sie führte ihre Kleinstadtkinos auf dem Niveau grossstädtischer Premierenhäuser und bot für bestimmte Publikumsgruppen wie etwa die italienische Arbeiterschaft Spezialprogramme an. 1947 eröffnete sie ein neues Cinema Leuzinger in Buchs (SG), dem ihre Schwester Martha Strickler-Leuzinger und deren Ehemann Eugen Strickler vorstanden. Nach dem Umbau des Schloss-Cinemas in Rapperswil 1949 folgten 1952 bzw. 1963 die Neubauten der Cinemas Leuzinger an der Oberen Bahnhofstrasse in Rapperswil und in Altdorf, wobei Letzteres nach den Wünschen und Vorstellungen der Bauherrin entworfen worden war.  

Aussen- und Innenaufnahmen des Cinema Leuzinger in Altdorf (UR). Fotografien Mitte der 1960er Jahre (Staatsarchiv Uri, Altdorf, R-400-12/Kulturamt/348-77).
Aussen- und Innenaufnahmen des Cinema Leuzinger in Altdorf (UR). Fotografien Mitte der 1960er Jahre (Staatsarchiv Uri, Altdorf, R-400-12/Kulturamt/348-77). […]

Am 15. September 1977 erlitt Leuzinger in Altdorf nach einer Vorstellung des Films Vom Winde verweht einen Schlaganfall. Daraufhin ging die Geschäftsleitung an ihren Schwager Eugen Strickler und nach dessen Tod an ihre Nichte Marianne Hegi-Strickler über, die seit 2006 Alleininhaberin der Cinema Leuzinger GmbH ist.

Quellen und Literatur

  • Der Unterwaldner, 13.12.1980 (Nachruf).
  • Gotthard-Post, 24.11.1984.
  • Lewinsky, Mariann: «Schweizer National-Cinema Leuzinger, Rapperswil (SG). Aktualitätenfilmproduktion und regionale Kinogeschichte der Zentral- und Ostschweiz 1896-1945», in: KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, 2000, S. 63-82.
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF
Kurzinformationen
Variante(n)
Fräulein Leuzinger (Übername)
Tildy Leuzinger
Familiäre Zugehörigkeit
Lebensdaten ∗︎ 19.8.1899 ✝︎ 4.12.1980

Zitiervorschlag

Lewinsky Sträuli , Mariann: "Leuzinger, Mathilde", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.01.2021. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/042339/2021-01-11/, konsultiert am 14.04.2021.