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Mineralquellen

Die Schweiz, häufig als «ideales Sanatorium» beschrieben, zog mit ihrer Luft, ihren Bergen und ihren 610 Thermal- und Mineralquellen (Schätzung des Eidgenössischen Statistischen Bureaus 1870) Ende des 19. Jahrhunderts Scharen von Gesundheitssuchenden aus ganz Europa an. Die meisten Mineralquellen dienten der äusseren wie auch der inneren Anwendung (Bäder). Beide Praktiken dürften etwa gleich alt sein, zumal viele «gute Brunnen» seit keltischer Zeit verehrt und im Mittelalter als Symbol vom christlichen Glauben übernommen wurden. Mit Sicherheit gab es die innere Anwendung schon vor ihrer ersten Erwähnung, die im 16. Jahrhundert datiert.

Werbeplakat für Passugger Mineralwasser, 1953 (Schweizerische Nationalbibliothek).
Werbeplakat für Passugger Mineralwasser, 1953 (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Obwohl einige Mineralwasser (Pfäfers, Weissenburg, Gurnigel) bereits um 1700 fern vom Quellort bekannt waren, wurden sie erst Ende des 19. Jahrhunderts in Flaschen abgefüllt, vermutlich zugleich mit Kohlensäure angereichert und exportiert bzw. ausserhalb der Kurorte verkauft. Heute bieten alle grossen Marken eine Auswahl von Mineralwasser ohne und mit unterschiedlichem Gehalt an Kohlensäure an. 1891 exportierten rund zehn Mineralquellen ihr Wasser, 1930 etwa dreissig. Bis heute werden einige Mineralwasser, zum Beispiel Passugger (1863 Quelle in Passugg wieder entdeckt), Henniez (seit 1905, nachdem lange gezögert wurde, ob die Quelle für die äussere oder innere Anwendung genutzt werden sollte, 2007 von Nestlé aufgekauft) und Valser (seit Ende 1960, von Coca-Cola 2002 übernommen) kommerziell genutzt. Das Wasser von Yverdon-les-Bains (Quelle La Prairie) wurde 1920 nach dem Kauf durch den Armenier Puzant Masraff unter dem Namen Arkina vertrieben; 2008 verlegte die neue Eigentümerin, die zur Carlsberg-Gruppe gehörende Feldschlösschen, die Marke nach Rhäzuns, wo das Unternehmen die Produktion seiner Mineralwasser konzentrierte. Dem gegenüber wurden verschiedene Mineralwasser deutlich weniger lang vertrieben, etwa jene von St. Moritz, Val Sinestra, Scuol, Tarasp, Fideris, Eglisau, Birmensdorf oder Mülligen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts konzentrierten sich die meisten Mineralquellen in der Hand von lediglich vier Gruppen, nämlich Nestlé, Migros (Aproz), Coca-Cola und Carlsberg. Die zur letzten Gruppe gehörende Mineralquellen Passugger ging 2005 an die Allegra Passugger Mineralquellen und damit wieder in bündnerischen Besitz über.

Die Nutzung der Mineralquellen ist von verschiedenen, sich wandelnden Bedingungen abhängig und wird durch die natürliche Gegebenheiten (Versiegen, Überschwemmung), die Besitzer- oder Pächterwechsel, die Veränderung von medizinischen Lehrmeinungen und Moden beeinflusst. So waren Mitte des 19. Jahrhunderts sulfat- und kalziumhaltige sowie erdig schmeckende Mineralwässer beliebt, weil kalkreiches Wasser gegen Rachitis und «allgemeine Schwäche» empfohlen wurde.

Innenansicht der Trinkhalle in Bad Tarasp. Fotografie von Rudolf Zinggeler, frühes 20. Jahrhundert (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
Innenansicht der Trinkhalle in Bad Tarasp. Fotografie von Rudolf Zinggeler, frühes 20. Jahrhundert (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler). […]

Ausserdem ist der Mineralwasserkonsum Modeströmungen unterworfen. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in der Schweiz lag zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch unter 2 Litern, nahm gegen Ende des Jahrhunderts rasant zu und betrug 1989 65,2 und 2006 120,3 Liter. Dies entspricht einem allgemeinen Trend in der westlichen Welt. Der Mehrverbrauch hängt einerseits mit dem Streben nach körperlichem Wohlbefinden und Fitness zusammen, das über die herkömmlichen Ansprüche an das «Heilwasser» hinausgeht und auf gesundes Leben, Geschmack und Genuss (Wasserbars) ausgerichtet ist. Andererseits erfüllte das Mineralwasser – im Bewusstsein für die Gefahr von Verunreinigungen – die Forderung nach einwandfreier Trinkwasserqualität. Die in der Schweiz seit Ende des 19. Jahrhunderts systematisch durchgeführten Wasseranalysen, die wachsende Bedeutung der Reglementierung und der Wasserkontrolle standen am Anfang der Qualitätssuche und -sicherung. Der gesamte Mineralwasserverbrauch verzeichnete nebst einem starken Anstieg im Binnenmarkt (2006 912,9 Mio. Liter) auch eine deutliche Zunahme bei der Einfuhr ausländischer Marken (z.B. Evian sowie von Nestlé Perrier und San Pellegrino). Zwischen 1990 und 2006 sank der Marktanteil der Schweizer Marken (rund 20 Mineralquellen) von 84% auf 67%, während der Anteil des exportierten Wassers aus denselben Mineralquellen von 3,2% der Produktion auf 1% zurückging.

Quellen und Literatur

  • Die Kurorte der Schweiz, 41930
  • Die Mineral- und Heilquellen der Schweiz, hg. von O. Högl et al., 1980
  • L'eau à la bouche, Ausstellungskat. Vevey, 2005, 125-133
Weblinks

Zitiervorschlag

Jean-Claude Vernex: "Mineralquellen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 06.06.2013, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/042903/2013-06-06/, konsultiert am 03.07.2022.