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vonRollFamilie, AG, UR

In Altdorf (UR) eingebürgertes Geschlecht. Die Herkunft der Fam. ist unsicher. Sie stieg durch diplomat., wirtschaftl., militär. und polit. Aktivitäten v.a. im Dienste Spaniens und des Grosshzg. der Toskana rasch auf. Die R. spielten in der Gegenreformation eine bedeutende Rolle, besonders als Förderer des Kapuzinerordens. Sie gehörten im 17. Jh. zu den reichsten Fam. der alten Eidgenossenschaft und verfügten über bedeutenden Grundbesitz, v.a. in Uri, Zug (Cham) und im aarg. Fricktal. Ihr Vermögen war vorwiegend in Uri, in der Leventina und in konfessionellen Spannungsgebieten (Thurgau, Grafschaft Baden, Fricktal) angelegt. Nach dem Erwerb der Burg Bernau 1635 teilte sich das Geschlecht in einen Urner und einen Bernauer Zweig.

Urner Linie

Wappenkartusche aus dem von Roll'schen Haus an der Tellsgasse in Altdorf (Historisches Museum Uri, Altdorf © Fany Brühlmann, Seedorf (UR).
Wappenkartusche aus dem von Roll'schen Haus an der Tellsgasse in Altdorf (Historisches Museum Uri, Altdorf © Fany Brühlmann, Seedorf (UR). […]

1525 erhielten Peter und seine Söhne für 15 Gulden das Urner Landrecht. Einer der Söhne, Walter (->), etablierte sich als Landschreiber und Soldunternehmer im Patriziat und stiftete das Kapuzinerkloster Altdorf. Die Urner Linie wurde von Walters Sohn, Landammann Johann Peter (->), begründet. Von dessen Nachkommen engagierten sich neben Landammann Franz Martin (->) weitere Familienmitglieder in der Urner Politik: Ratsherr Karl Fidel (1644-1705), Herr zu Mellikon, sowie dessen Söhne Karl Fidel (1691-1769), Hauptmann, Mitglied des Geheimen Rats und Kornherr, und Konrad Emanuel (1702-61), 1743-61 Zeugherr. Heiratsverbindungen bestanden mit den Püntener und Crivelli. Die Urner Linie starb mit dem Klosterkaplan Karl Fidel Martin (1710-84), Doktor der Theologie, aus.

Bernauer Linie

Walters Söhne, der oben genannte Johann Peter, ferner Karl Emanuel (->), Johann Ludwig (->) und Johann Walter (1584-1639), Ritter des St.-Stephans-Ordens, erwarben 1606 Burg und Twingherrschaft Böttstein sowie 1621 die Herrschaften Mammern und Neuburg (TG). 1635 kauften sie die z.T. in der eidg. Grafschaft Baden, z.T. im vorderösterr. Fricktal gelegene Burg Bernau mit der dazugehörigen Twingherrschaft. Dieser Besitz ging 1646 von Johann Ludwig an seinen Neffen Franz Ludwig (1622-95), der als Erster der R. Wohnsitz auf dem umgebauten Schloss nahm und durch die Heirat mit Maria Agnes von Schönau in den Reichsadel aufstieg. Als Twingherr verwickelte er sich in den Krisenjahren nach dem Dreissigjährigen Krieg in langwierige jurist. Auseinandersetzungen mit Twingleuten aus Gansingen. 1690 erlangte er vom dt. Kaiser den erbl. Freiherrenstand mit dem Prädikat "zu Bernau". Weitere Vertreter der Fam. erscheinen im 17. und 18. Jh. in Kriegsdiensten von Reichsfürsten, in wichtigen Funktionen an Fürstenhöfen und im Dt. Orden oder erlangten als Dom- und Chorherren kirchl. Pfründen, so Johann Baptist (1683-1733), Deutschordenskomtur zu Mörstadt und Präs. der Deutschordensregierung Mergentheim, sein Bruder Joseph Anton (1688-1768), Domdekan und Dompropst in Worms und kurköln. Geheimrat, sowie deren Neffen Ignaz Felix (1729-95), Landkomtur der Deutschordensballeien Koblenz und Franken und einflussreicher Freund des Kölner Kurfürsten und Ebf. Clemens August von Bayern, und Karl Joseph (1711-89), Basler Domherr und Domdekan zu Arlesheim und Domherr zu Osnabrück. Die Twingherren von Bernau bekleideten Ämter in der vorderösterr. Verwaltung. Unter Joseph Leopold (1723-1801) begann der Niedergang der R., weil dieser zur Finanzierung seines Lebenswandels den gesamten Familienbesitz verkaufte oder verpfändete. Die Fam. starb mit dem Konstanzer Domherrn Johann Nepomuk (1761-1832) im Mannesstamm aus.

Quellen und Literatur

  • StAUR, FamA
  • H.J. Welti, Die Frh. von R. zu Bernau, [1935]
  • C.F. Müller, «Die Altdorfer Sitze der Fam. von R. und deren Inhaber», in HNU NF 6/7, 1951/52, 46-117
  • HS I/1, 297 f.; I/2, 828 f.
  • W. Kundert, «Die Aufnahme von Schweizern ins Domkapitel Konstanz, 1526-1821», in ZSK 68, 1974, 240-298
  • C. Bosshart-Pfluger, Das Basler Domkapitel von seiner Übersiedlung nach Arlesheim bis zur Säkularisation (1678-1803), 1983, 290-293
  • U. Kälin, Die Urner Magistratenfam., 1991
  • Kdm UR 2/II, 2004, 181-189