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Solidarität

Plakat der Grafikerin Simone Torelli, anlässlich der Feier zum 1. Mai für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund gestaltet, 1986 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat der Grafikerin Simone Torelli, anlässlich der Feier zum 1. Mai für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund gestaltet, 1986 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

S. beschreibt eine Geisteshaltung der Verbundenheit zwischen sog. Solidargemeinschaften, aus der unterschiedliche, z.T. freiwillig eingegangene, z.T. staatlich organisierte Hilfsleistungen in polit.-staatl. oder gesellschaftl.-privaten Bereichen resultieren. Wegen der grossen Bandbreite solcher Hilfsleistungen - diese reichen von der Nachbarschaftshilfe und der Unterstützung von Katastrophenopfern auf anderen Kontinenten bis zur Entwicklungszusammenarbeit oder zu institutionalisierten Sozialtransfers -, der grossen Verschiedenheit der Leistungserbringer und -empfänger sowie der Motive und der mannigfaltigen Verflechtungen, Rückkoppelungen und Wechselformen zwischen den versch. Aspekten und Formen beschränkt sich die Darstellung hier auf die Herausarbeitung einiger Traditions- und Entwicklungslinien der S. in der Schweizer Geschichte.

Schon die ersten Bünde der Eidgenossenschaft werden als solidar. Verteidigungswerk der beteiligten Orte verstanden, das auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfeleistung ("Zuzug") beruht; bereits in der frühen Neuzeit umfasste diese Art der S. nicht nur die Hilfe gegen äussere Bedrohungen, sondern auch solche im Innern bei der Repression von Untertanenaufständen. Das Prinzip der S. zwischen Kantonen wurde in der Bundesverfassung von 1848 (Art. 15, 16) festgeschrieben, es fand später seine Konkretisierung u.a. in der interkant. Polizeikooperation bei grösseren Ordnungsaufgaben - diese Solidaritätsform erinnert entfernt an die gegenseitige Hilfe bei Revolten - und im interkant. Lastenausgleich bzw. der 2008 in Kraft getretenen Neugestaltung des Finanzausgleichs.

Die internat. S. hat private und nicht staatl. Vorgänger, so z.B. in den 1820er Jahren in der philhellen. Bewegung zur Unterstützung der Griechen gegen die Türken (Philhellenismus), um 1900 in der Anteilnahme am Freiheitskampf der Buren und in den 1930er Jahren in der Unterstützung des republikan. Spanien. Ein frühes Beispiel nachbarstaatl. S. sind die Lebensmittelhilfe und die Beteiligung der Schweiz an den versch. Krediten, welche die Staatengemeinschaft Österreich vom Ende des 1. Weltkriegs bis zur sog. Genfersanierung 1922 gewährte, auch wenn dieser Unterstützung ebenso polit. Kalkül - die junge erste Republik sollte überlebensfähig gemacht werden - zugrunde lag. Parallel dazu kam es in der Bevölkerung zu einer breiten Solidaritätsbewegung. Nachdem schon 1944 die Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten lanciert worden war, erhob Bundesrat Max Petitpierre auch wegen der Drohung einer gewissen polit. Isolation die S. gegenüber dem kriegsversehrten Europa zu einer aussenpolit. Maxime der Schweiz (Aussenpolitik). Aus dieser europ. S. erwuchs ab den 1950er Jahren die aussereurop. S. in Form der Entwicklungszusammenarbeit. Solidar. Motive spielen neben der Hoffnung auf neu entstehende Märkte auch bei der Osthilfe nach 1989 mit eine wichtige Rolle: Die Schweiz unterstützt seit dem Ende des Kalten Kriegs osteurop. Länder (sog. Transitionshilfe); und die Stimmbürger stimmten 2006 auch dem Osthilfegesetz zu, das ihre Beteiligung an den Kohäsionszahlungen der EU zur Unterstützung von deren wirtschaftlich schwachen Mitgliedsländern in Osteuropa ermöglicht. Im Kontext der Aufarbeitung der Unterlassungen im 2. Weltkrieg wurde der Versuch unternommen, die Solidaritätsmaxime für die Schaffung eines grosszügigen, im In- und Ausland tätigen Hilfswerks zu nutzen; das von Bundesrat Arnold Koller vorangetriebene Projekt, das eine aus den Goldbeständen der Nationalbank dotierte Stiftung vorsah, scheiterte aber 2002 ebenso wie der Gegenentwurf in der Volksabstimmung.

Frühe Formen der gesellschaftl. S. entwickelte das Genossenschaftswesen mit der gemeinsamen Alpbewirtschaftung oder Wassernutzung sowie im Wegbau und im Kampf gegen Naturgefahren (Genossenschaft). Ab 1798 taucht eine neue Form der S. auf: Zur Linderung der in Nidwalden herrschenden Not nach der Niederschlagung der Revolte gegen die franz. Fremdherrschaft wurde die vielleicht erste überregionale Sammlung von Liebesgaben durchgeführt. Wenig später folgten weitere Hilfsaktionen, so zum Beispiel 1806 beim Bergsturz von Goldau, 1861 beim Brand von Glarus, 1868 bei einer Hochwasserkatastrophe mit Grossschäden insbesondere im Tessin und im Wallis, in Uri, Graubünden und St. Gallen (Naturkatastrophen). Diese Katastrophensolidarität lebt weiter und erfuhr in der 2. Hälfte des 20. Jh. eine Internationalisierung; manifest wurde sie z.B. im nationalen wie im internat. Rahmen in Aktionen der Spenden sammelnden Organisation Glückskette (z.B. Überschwemmung von Brig vom Sept. 1993, Tsunami im Pazifik 2004).

Neben der gegenüber Not leidenden Regionen praktizierten S. gibt es die aterritoriale S. unter Gleichartigen, Gleichgesinnten und Gleichgestellten, deutlich fassbar in der konfessionellen S., welche z.B. bei der Aufnahme der Protestantischen Glaubensflüchtlinge durch die ref. Kantone oder derjenigen von Angehörigen des franz. Klerus (Emigrés) in den kath. Kantonen Freiburg und Solothurn nach der Franz. Revolution jeweils das zentrale Motiv war, und in der sozialen S. der Arbeiterbewegung. Die auf spezif. Identifikationsgruppen ausgerichteten S.en hatten von Anfang an eine internat. Dimension. Dies gilt v.a. für die unter dem Sammelbegriff der Hilfswerke bekannten Dachorganisationen.

Im gesellschaftl. Bereich ist zwischen der fürsorgl. Hilfe und der auf Selbsthilfe beruhenden S. zu unterscheiden. Die fürsorgl. S. strebte im aufklärer. Sinn erzieher. und strukturelle Verbesserungen an. Die wichtigste Institution dieser Art war die 1810 gegr. Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft. Das organisierte, aber auf Freiwilligenarbeit beruhende Engagement ist bis in unsere Zeit von Bedeutung geblieben und hat durch die kommunitarist. Bewegung, welche die begrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates ergänzen will, zusätzl. Aktualität erfahren. Das moderne Genossenschaftswesen organisierte S. im Sinne der Selbsthilfe in verschiedensten Bereichen (Hilfsvereine, Genossenschaftsbewegung). In der Gewerkschaftsbewegung war und ist die S. der Arbeitnehmer ein zentraler Gedanke (Gewerkschaften). Mit dem Ausbau des Sozialstaats wurden im Bereich der Kranken- und Unfallversicherung und der Altersvorsorge private Solidaritätsprojekte in staatl. Institutionen übergeführt (Sozialversicherungen, Sozialpolitik).

Quellen und Literatur

  • G. Kreis, «Eidg. S. in Gesch. und Gegenwart», in Vorgesch. zur Gegenwart 1, 2003, 553-569
  • M. Kalt, Tiersmondismus in der Schweiz der 1960er und 1970er Jahre: von der Barmherzigkeit zur S., 2010
  • B. Schumacher, Freiwillig verpflichtet, 2010

Zitiervorschlag

Kreis, Georg: "Solidarität", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.12.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/043697/2012-12-19/, konsultiert am 04.12.2020.