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Romantik

Romantik bezeichnet eine kultur- und stilgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit ins 19. Jahrhundert hinein dauerte. Der Begriff ist von dem auf das altfranzösische romanz zurückgehenden Adjektiv romantisch abgeleitet, das ab Ende des 17. Jahrhunderts "romanhaft" bedeutete und ab der Mitte des 18. Jahrhunderts eine der prosaischen Welt entgegengesetzte phantastische, wunderbare und poetische Welt bezeichnete. In substantivischer Form und auf die Literatur bezogen wird der Begriff am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland zu einem ästhetischen Programm, das im Gegensatz zu der an der Antike orientierten Klassik stand. In der bildenden Kunst ist Romantik als Epochenbegriff problematisch und besser als mehrsträngige Strömung zu verstehen, die im späten 18. Jahrhundert auftritt und um 1850 verschwindet. Auf die Musik bezogen ist die Vorstellung des Romantischen eng mit dem Aufkommen der selbstständigen Instrumentalmusik als einer über allen Wortsprachen stehenden menschlichen Ausdrucksform verbunden. Als romantische Gattungen gelten vor allem das oft am Volkstümlichen orientierte Lied, die auf Sagen- und Märchenstoffe zurückgreifende Oper und die sinfonische Dichtung. Zum Epochenbegriff wird die Romantik in der Musik erst spät.

Bildende Kunst und Architektur

Bergsturz im Haslital. Öl auf Leinwand von Alexandre Calame, 1839 (Alpines Museum der Schweiz, Bern).
Bergsturz im Haslital. Öl auf Leinwand von Alexandre Calame, 1839 (Alpines Museum der Schweiz, Bern). […]

In der Schweiz zeichnet sich die Romantik in der bildenden Kunst hauptsächlich durch ihre inhaltliche und stilistische Nähe zu deutschen Romantikergruppen aus; später nimmt sie auch Einflüsse des sich um 1820 entwickelnden französischen romantisme auf. Dem Zürcher Kreis um Johann Jakob Bodmer (1698-1783) sind jedoch Impulse zu verdanken, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Verbindung mit Aufklärung, Sturm und Drang und Empfindsamkeit als Auslöser romantischer Bestrebungen wirkten: Der Zürcher Johann Heinrich Füssli (1741-1825) hat Romantik in Zeichnung und Malerei nach England getragen. Direkten Kontakt mit einer deutschen Romantiker-Gruppe hatten Ludwig Vogel und Johann Konrad Hottinger, die mit der Sezession der Wiener Akademieschüler 1810 nach Rom aufbrachen, um sich der religiösen Malerei zu widmen. Während sich die jüngeren Daniel Albert Freudweiler, Johann Caspar Schinz, Eduard Caspar Hauser und die Baslerin Emilie Linder in Rom und München der religiösen Malerei der Nazarener zuwandten, nahm Vogel schon in Rom die romantische Forderung nach Darstellung spätmittelalterlicher Historien auf: Wie Hieronymus Hess, Martin Disteli, Jean-Léonard Lugardon und andere vertrat er die schweizerische Historienmalerei des frühen 19. Jahrhunderts. Satiren, unter anderen von Wolfgang-Adam Töpffer, Balthasar Anton Dunker und Hess, erinnern an die romantische Ironie. Enge, auch stilistische Beziehungen zu deutschen Zeichnern in Rom hatten die Landschaftsmaler Maximilien de Meuron, Jakob Christoph Miville, Friedrich Salathé oder Samuel Birmann. Die punktuell bei Salathé und Miville vorhandene romantische Ausdruckssteigerung findet sich geballt in den Schweizer Landschafts- und Gebirgsdarstellungen von Philipp Jakob Loutherburg, Joseph Anton Koch und Joseph Mallord William Turner. Sie klingt noch in den Landschaften von François Diday und Alexandre Calame nach.

Beeinflusst durch die deutsche Bewegung zur Wiederbelebung mittelalterlicher Architektur, entstanden in der Schweiz neugotische Um- und Neubauten. Neben den Plänen von Marquard Wocher für ein gusseisernes St.-Jakobs-Denkmal in Basel (1819-1823), den Projekten Johann Georg Müllers (1822-1849) und den von Karl Friedrich Schinkel inspirierten Chaletbauten ist der Neubau der Basler Elisabethenkirche (1856-1864) von Ferdinand Stadler und Christoph Riggenbach ein spätes Zeugnis romantischer Rückbesinnung auf das Mittelalter.

Literatur

In der Literatur wirkten neben Bodmer auch Jean-Jacques Rousseau mit "Julie, ou, La nouvelle Héloïse" auf die frühe romantische Bewegung ein. Zur präromantischen Dichtung in der Schweiz gehören unter anderem die Oden des Malers Füssli, die Idyllen Gessners und die später von Schubert vertonten Gedichte von Johann Gaudenz von Salis-Seewis. Eine bedeutende Rolle spielte zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Kreis von Coppet um Germaine de Staël, dessen Mitglieder Verbindung mit führenden Vertretern der deutschen und englischen Romantik, unter anderen August Wilhelm Schlegel, Adalbert von Chamisso und George Byron, unterhielten. Für viele romantische Dichter wurde die schweizerische Landschaft zur Inspirationsquelle: Byrons "Manfred" (1817) verdankt einer Reise durch das Berner Oberland Anregung, sein "The Prisoner of Chillon" (1816) spielt am Genfersee; dort schrieben auch Mary Shelley und Percy Bysshe Shelley das Schauerdrama "Frankenstein" (1816/1818) bzw. das Gedicht "Mont Blanc" (1816/1817). Auf der Gemmi spielt das Schauerdrama "Der vierundzwanzigste Februar" (1808) von Zacharias Werner. Romantische Dichter im eigentlichen Sinn gab es in der Schweiz kaum, doch flossen romantische Motive ins Werk einzelner Dichter ein. In Rudolph Meyers "Der Geist des Gebirgs" (1830) finden sich Anklänge an Novalis "Heinrich von Ofterdingen", das romantische Reisebuch mit seiner ironisch gebrochenen Darstellung wird etwa in den Reisebüchern des jungen Franz Krutter oder Alfred Hartmanns aufgenommen. Die Vorliebe der Romantik für das Mittelalter findet einen vielstimmigen Widerhall in zahlreichen, nicht zuletzt von Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" angeregten vaterländischen Schauspielen oder den vor allem von der schwäbischen Romantik beeinflussten historischen Balladen. Sie zeigt sich aber auch im Wirken von Sagen- und Märchensammlern wie Johann Rudolf Wyss (1781-1830), Caspar Decurtins und Alfred Cérésole.

Musik

In der Musik ist schweizerische Volksmusik ins romantische Musikschaffen von Joseph Weigls Oper "Die Schweizerfamilie" bis zu Gioacchino Rossinis "Wilhelm Tell" eingeflossen. In einem weiteren Sinn mit der Romantik verbunden sind die Bestrebungen um Stärkung des Chorwesens und der Musikerziehung (Hans Georg Nägeli), die Neubewertung des Volkslieds (Johann Rudolf Wyss, Ferdinand Fürchtegott Huber, Johann Martin Usteri), das Aufkommen des musikalischen Vereinswesens, die eidgenössischen Musik- und Sängerfeste und die Gattung des patriotischen Festspiels. Von dieser Bewegung erfasst wurde auch das Schaffen einiger Komponisten der Früh- bzw. Spätromantik: Zu jener gehören Franz Xaver Schnyder von Wartensee und Friedrich Theodor Fröhlich, zu dieser zählen unter anderen Joachim Raff, Eduard Munzinger, Hans Huber, Otto Barblan, Hermann Suter bis hin zu Othmar Schoeck. Neben Werken mit motivischem Schweiz-Bezug schufen diese Komponisten auffallend oft die Musik zu patriotischen Festspielen.

Quellen und Literatur

  • E. Kurth, Romant. Harmonik und ihre Krise in Wagners Tristan, 1920
  • P. Wescher, Die Romantik in der Schweizer Malerei, 1947
  • J. Gantner, A. Reinle, Kunstgesch. der Schweiz 4, 1962
  • A. Meyer, Neugotik und Neuromanik in der Schweiz, 1973
  • C. Dahlhaus, Die Musik des 19. Jh., 1980
  • Préromantisme en Suisse?, hg. von E. Giddey, 1982
  • P. Bissegger, Le Moyen Age romantique au pays de Vaud, 1825-1850, 1985
  • Schweizer Literaturgesch., hg. von P. Rusterholz, A. Solbach, 2007, 92-103
Weblinks

Zitiervorschlag

HLS DHS DSS; Yvonne Boerlin-Brodbeck: "Romantik", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 12.01.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/043710/2012-01-12/, konsultiert am 02.10.2022.