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Abwertung 1936

Anfangs der 1930er Jahre bewirkte die Weltwirtschaftskrise einen ausserordentlich starken Zufluss ausländischen Kapitals in die Schweiz, der Schweizer Franken wurde zur Fluchtwährung. 1933 änderte sich die Lage völlig. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) musste den Franken mehrmals gegen spekulative Attacken verteidigen, so im Frühsommer 1933 sowie in den Frühjahren 1934 und 1935. Im Gegensatz zu Grossbritannien und den USA, welche abwerteten und die Goldwährung aufgaben, schloss sich die Schweiz im Juli 1933 dem sogenannten Goldblock an, dem Frankreich, die Niederlande, Belgien, Italien und Polen angehörten. Die Vorsteher des Finanzdepartements, Jean-Marie Musy (bis März 1934) und sein Nachfolger Albert Meyer, waren entschiedene Verfechter der Goldwährung und einer deflationären Politik.

Im Januar 1936 zählte die Schweiz ca. 124'000 Arbeitslose. Diese Situation bewog Vertreter der Exportwirtschaft, namentlich den Vorort, aber auch des Gastgewerbes und des Tourismus sowie alt Bundesrat Edmund Schulthess, sich für eine Abwertung (Währungsbewertung) stark zu machen. Die Mehrheit der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) war gegen diesen Schritt; Max Weber, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter für Wirtschaftsfragen im Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB), befürwortete ihn jedoch. Im Juni 1936 begann das Volkswirtschaftsdepartement unter Bundesrat Hermann Obrecht eine geheime Studie, in welcher für den Fall einer Abwertung die Massnahmen zur Verhinderung einer Inflation untersucht wurden – derweil die SNB und die Mehrheit des Bundesrats weiterhin an der Goldparität festhielten. Die Gegner der Abwertung führten das Argument der "monetären Würde" ins Feld: Die Schweizer Währung sollte weiterhin Vertrauen erwecken. Sie beschworen die Verteuerung der Rohstoffimporte und die negativen Folgen für die schweizerischen Guthaben im Ausland (8 Mrd. Franken, zumeist in Schweizer Währung) herauf.

Am 24. September 1936 informierte der französische Wirtschaftsminister Charles Spinasse den damaligen Bundespräsidenten Meyer, dass die Regierung Blum beschlossen hatte, den französischen Franc um ca. 30% abzuwerten. Am 25. und 26. September widmete der Bundesrat drei Sitzungen diesem Thema. Der Direktoriumspräsident der SNB, Gottlieb Bachmann, riet angesichts der Stärke des Frankens (die Goldreserven der SNB beliefen sich auf 1528 Mio. Franken und der Notenumlauf war zu 120% gedeckt) von einer Abwertung ab. Obrecht, zuerst von Rudolf Minger, später von der Mehrheit des Bundesrats unterstützt, wies dagegen auf die wirtschaftlichen Probleme der Schweiz, die Notwendigkeit der Exportförderung und den nach der Abwertung des französischen Franc günstigen Zeitpunkt hin. Am 26. September, einem Samstag, wurde die Entscheidung gefällt, gegen den Widerstand der Bundesräte Johannes Baumann (Justiz- und Polizeidepartement) und Meyer, der den Bundesratsbeschluss am folgenden Tag am Radio erläutern musste. Gleichentags reduzierte der Bundesrat die Goldparität des Schweizer Frankens von 0,290032 g auf eine Spanne zwischen 0,190 und 0,215 g; die SNB legte den Abwertungssatz bei 30% fest. Die rasche bundesrätliche Entscheidung und die Tatsache, dass die Börsen bis zum 29. September geschlossen blieben, verhinderten eine Spekulation gegen den Franken. Die Abwertung 1936 trug zum Erfolg der am 21. September aufgelegten Wehranleihe 1936 bei, welche zwischen dem 28. September und dem 15. Oktober zu zwei Dritteln gezeichnet wurde. Die hohe Liquidität erlaubte es der SNB, den Diskontsatz auf den seit ihrer Gründung (1907) tiefsten Satz von 1,5% zu senken. Die flankierenden Massnahmen der Regierung dämpften die Preiserhöhungen. Der Index der Lebenshaltungskosten stieg zwischen dem September 1936 und dem Kriegsausbruch lediglich um 8 auf 138 Punkte. Die Auswirkungen auf den Tourismus waren positiv, und die Exporte stiegen von 882 Mio. Franken bzw. 525'700 t (1936) auf 1286 Mio. Franken bzw. 706'800 t (1937). Die durchschnittliche Zahl der Arbeitslosen fiel von 93'009 (1936) über 71'130 (1937) auf 65'583 (1938). Der Zweite Weltkrieg trug zur Festigkeit des Frankens bei, der sowohl zur Fluchtwährung wie auch zum internationalen Zahlungsmittel wurde.

Quellen und Literatur

  • BAR, Fonds des EVD und des EFD
  • DDS 10-11
  • R. Ruffieux, La Suisse de l'entre-deux-guerres, 1974
  • H. Böschenstein, Bundesrat Obrecht, 1882-1940, 1981
  • P. Müller, La Suisse en crise (1929-1936): les politiques monétaire, financière, économique et sociale de la Confédération helvétique, 2010
Weblinks

Zitiervorschlag

Mauro Cerutti: "Abwertung 1936", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.05.2012, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/045078/2012-05-07/, konsultiert am 23.03.2023.