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Kaufmannsgesellschaften

Unter Kaufmannsgesellschaften versteht man die im deutschschweizerischen und süddeutschen Raum im Spätmittelalter entstandenen genossenschaftlich organisierten Körperschaften der Kaufleute. Sie dienten der Pflege karitativer und kirchlicher Bräuche und des gesellschaftlich-geselligen Lebens in den Trinkstuben. Die Kaufmannsgesellschaften strebten ähnliche politische Ziele wie die Zünfte an und hatten wie diese die Pflicht, öffentliche Aufgaben im städtischen Gemeinwesen zu übernehmen. Sie verfolgten jedoch keine zünftige Gewerbepolitik.

Entstehung und Entwicklung

In verkehrsgünstig gelegenen Städten liessen sich im 12. und 13. Jahrhundert auf Fernhandel spezialisierte Kaufleute nieder. Dank ihres Vermögens wurden sie neben dem Adel Teil des regierenden Patriziats und fanden Aufnahme in die Gesellschaften (sogenannte Stuben) des Adels, zum Beispiel in Schaffhausen in der Niederen Stube. Die Entstehung von eigentlichen Kaufmannsgesellschaften (zu den kouflüten, lateinisch mercatores) fand jedoch erst im Zuge der spätmittelalterlichen Zunftbewegung im 14. und 15. Jahrhundert statt. Da keine Stiftungsbriefe vorliegen, wurden die Kaufmannsgesellschaften in Zunftstädten zum ersten Mal genannt, als sie neben den Handwerken zum Rat zugelassen wurden (Zürich 1336, St. Gallen um 1350, Basel 1357, Schaffhausen 1411). In Städten ohne Zunftregiment wurden bereits funktionierende Stuben erwähnt (Freiburg 1373, Luzern stupa mercatorum 1374, Bern 1431), was eine frühere Entstehung nahelegt. Es lassen sich drei Typen von Kaufmannsgesellschaften unterscheiden: Einmal die mehr gewerbe- und zunftorientierten wie die Kaufleutezünfte in Basel und Schaffhausen und die Kaufleutegesellschaften in Bern und Freiburg; dann die gesellschaftlich-politisch ausgerichteten und mit der regierenden (adeligen, patrizischen, aristokratischen) Schicht verbundenen Kaufmannsgesellschaften wie Konstaffel in Zürich, Affenwagen in Luzern und Mittellöwen in Bern; schliesslich zünftig nicht und politisch wenig engagierte Gesellschaften wie der sogenannte Notenstein der St. Galler Leinwandkaufleute. In der West- und der Südschweiz entstanden weder Kaufmannsgesellschaften noch mittelalterliche Zünfte.

Die Kaufmannsgesellschaften verfügten noch vor den Handwerkszünften über gemietete Trinkstuben (Zürich 1348, Basel vor 1404), später erwarben sie eigene Häuser (Basel 1445). Einige Kaufmannsgesellschaften benannten sich nach dem Hausemblem, zum Beispiel ab 1358 Rüden (Konstaffel) in Zürich, ab 1396 Affenwagen in Luzern, ab 1434 Schlüssel in Basel oder Mittellöwen in Bern. Die Stubenordnungen regelten das Stubenrecht (Erbrecht, Gebühren), die Stubenorganisation (Stubengericht, Versammlungen) und kirchlich-kulturelle Pflichten (Totengeleit, Jahrzeit) der Stubengesellen. Wie die Zünfte stifteten die Kaufmannsgesellschaften Kapellen und Kirchenschmuck und versahen öffentliche Dienste im Gemeinwesen (Militär, Wachtdienst, Feuerwehr). Rangmässig standen die Kaufmannsgesellschaften vor jenen der Krämer und Handwerker. Krämergesellschaften und Kaufmannsgesellschaften galten beide als Handelszünfte, verfolgten jedoch eine unterschiedliche Aufnahmepolitik: Während Kaufmannsgesellschaften nur reiche Kaufleute aufnahmen, waren Krämerzünfte gegenüber neuen Berufen wie den Textilverlegern und Fabrikanten offen und inkorporierten kleine Handwerke, wie zum Beispiel die Safranzunft in Luzern. Sie überflügelten daher vom 17. Jahrhundert an die Kaufmannsgesellschaften an Grösse und Bedeutung. In Basel stritten sich Kaufmannsgesellschaften und Safranzunft um Handelsvorteile. In Bern und Freiburg bildeten sie zusammen eine Gesellschaft. Ohne Kaufmannsgesellschaften kamen Baumwollhändler in Winterthur bei den Schneidern und Webern unter, in Chur waren Spediteure bei ihrer Zunftwahl frei.

Gesellschaftliche Stellung

Die Kaufmannsgesellschaften nahmen eine Mittelstellung zwischen adeligen Stubengesellschaften und Zünften ein. Ihre bevorzugte Position verdankten sie der alten Verbindung der reichen (Fern-)Kaufleute mit den Regierenden. Kaufmannsgesellschaften führten oftmals die frühesten Stuben (z.B. Konstaffel 1348 in der städtischen Münze in Zürich) und existierten trotz Zunftverbot auch in patrizischen Städten. Sie imitierten die Adelsstuben, was sich darin äusserte, dass ihre meist überdurchschnittlich reichen Mitglieder einen junkerlichen Lebensstil mit Herrschaftsbesitz pflegten und eine Karriere in Politik und Militär anstrebten. Bei erfolgreicher Laufbahn zogen sie sich aus dem Handel zurück. Doppelzünftigkeit und verwandtschaftliche Bande unter Stubengesellen unterstützten den ambitiösen, gesellschaftlich-politischen Anspruch der Kaufmannsgesellschaften: Ihre Stuben waren nach denen des Adels die ersten am Platz und offizielle Treffpunkte bei Ratsempfängen. In Luzern bildeten Kaufleute und Patrizier eine gemeinsame Gesellschaft (Affenwagen; ab 1588 Herren zu Schützen).

Die Kaufmannsgesellschaften verstanden sich ― anders als die Vereinigungen der Krämer und Handwerker ― nie als Berufsorganisationen. Ihre Stubenordnungen enthielten keine Gewerbereglemente, nur Ordnungen für die bei ihnen inkorporierten Handwerke, deren Vertreter nicht in den Vorstand der Kaufmannsgesellschaften aufsteigen konnten (z.B. in Basel). Gegensätze zwischen junkerlichen Aristokraten und zwangsinkorporierten Hintersässen und Handwerkern führten bei der Zürcher Konstaffel im 17. Jahrhundert beinahe zur Spaltung. Angesichts der Unterwanderung der Zünfte durch die reiche Oberschicht des 17. und 18. Jahrhunderts verloren die Kaufmannsgesellschaften an Exklusivität.

Quellen und Literatur

  • P. Kölner, Die Zunft zum Schlüssel in Basel, 1953
  • HRG 2, 687-694
  • A.-M. Dubler, Handwerk, Gewerbe und Zunft in Stadt und Landschaft Luzern, 1982
  • U.M. Zahnd, Die Berner Zunft zum Mittellöwen im SpätMA, 1984
  • LexMA, 5, 1082-1086
Weblinks

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Kaufmannsgesellschaften", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.10.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/046248/2011-10-05/, konsultiert am 27.01.2023.