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Bruderschaften

Bruderschaften (lateinisch confraternitates) sind kirchlich anerkannte Vereinigungen von Gläubigen zur Pflege von freiwilligen Werken der Frömmigkeit und sozial karitativer Tätigkeit.

Mittelalter

Die Bruderschaften, die in Europa vom 11./12. Jahrhundert an, in der Schweiz vom 13. Jahrhundert an nachweisbar sind, hatten ihre Vorbilder sowohl in den ostkirchlichen Vereinigungen, die sich ab dem 4. Jahrhundert zur Krankenpflege oder zur Bestattung ihrer Mitglieder zusammenschlossen, als auch in den Gebetsverbrüderungen (Libri confraternitatum), die in der Westkirche vom 6. Jahrhundert an vor allem von Klöstern ausgingen. Gemeinsame Ziele aller Bruderschaften waren die Durchführung von Bestattungen, das Totengedächtnis für die verstorbenen Mitglieder oder Jahrzeitstifter sowie die Ausübung der Karitas (Armenfürsorge, finanzielle Unterstützung von Spitälern, materielle Hilfe für Mitglieder). Die Bruderschaften pflegten auch die Geselligkeit, namentlich am Fest ihrer Schutzheiligen mit Altarprozession und gemeinsamem Mahl. Zur Erfüllung ihrer religiösen Aufgaben waren die Bruderschaften einem Klerikerstift, einem Kloster (hauptsächlich der Bettelorden), einer Pfarrei oder einem Spital angeschlossen. Statuten hielten Aufgaben und Organisation der Bruderschaften fest, denen in der Regel ein Pfleger, Schaffner (Prokurator) oder Meister vorstand.

Bereits im 13. Jahrhundert sind nebeneinander Bruderschaften von Geistlichen und von Laien (Männern und Frauen) fassbar. Beispiele alter geistlicher Bruderschaften sind in Bern eine an den Deutschen Orden angelehnte Bruderschaft, in Luzern eine Bruderschaft, die sich im 13. Jahrhundert um das Franziskanerkloster bildete, in Zürich die Kaplan-Bruderschaft des Grossmünsters (erste Statuten 1323). Überlokale geistliche Bruderschaften, die später auch Laien aufnahmen, sind vom ausgehenden 14. Jahrhundert an in Landkapiteln nachgewiesen, zum Beispiel von Zürich, Luzern oder Cham-Bremgarten.

Die Entwicklung der Laien-Bruderschaften, die in Zusammenhang mit der Volksfrömmigkeit steht, verlief in der Schweiz regional sehr unterschiedlich. Eine Besonderheit der französischen Schweiz ist die starke Verbreitung von Heiliggeist-Bruderschaften. In Lausanne (1219) und Genf (1279) sind sie vom 13. Jahrhundert an belegt. Vom 14.-16. Jahrhundert entstanden in den meisten Pfarreien der heutigen Kantone Genf und Waadt praktisch ausschliesslich Heiliggeist-Bruderschaften, die oft den Kern der sich ausbildenden kommunalen Selbstverwaltung bildeten, karitativ wirkten, aber auch beträchtliche Vermögen anhäuften. Politische Bedeutung gewann namentlich die Bruderschaft Communauté de Lausanne.

In der italienischen Schweiz fanden sich Bruderschaften sowohl auf dem Land als auch in den Städten. Als städtische Bruderschaften sind die Flagellanten der heiligen Marta von Daro (14. Jh.) und Corona (15. Jh.) sowie jene des heiligen Nikolaus von Tolentino in Bellinzona (1459) zu nennen. Die bedeutendste Bruderschaft in Lugano war diejenige der heiligen Marta. Sie ist seit 1513 belegt, wurde jedoch schon früher gegründet und dann zur Erzbruderschaft erhoben. Im ländlichen Kontext hiessen die Bruderschaften consorzio oder compagnia. In Prato Leventina gab es das Konsortium der Kirche des heiligen Georg, das bereits 1291 gegründet worden war.

Ein Merkmal der Bruderschaften in der deutschen Schweiz ist ihre enge Verbindung mit der Organisation der städtischen Handwerke. In Basel konstituierten sich erste Handwerkerverbände 1226 und 1248 als Bruderschaften. Diese sogenannten Seelzünfte waren in die Zünfte integriert, verfügten jedoch über eine eigene Kasse. In den übrigen Zunftstädten, aber auch in den patrizischen Orten der deutschen Schweiz, entstanden vor allem im 15. Jahrhundert zahlreiche Handwerker-Bruderschaften. Sie vereinigten Mitglieder einzelner Zünfte, wie die 1431 nachgewiesene Bruderschaft der Binderzunft (Küfer) bei den Franziskanern, zuweilen auch mehrere zünftige Berufe, wie die in Zürich 1437 gegründete St.-Lux-und-Loyen-Bruderschaften der Goldschmiede, Maler, Glasmaler, Färber, Glaser, Seidensticker, Münzmeister und Sattler.

In einigen Bruderschaften versammelten sich auch nichtzünftige (Land-)Handwerke und Berufe sowie Gesellen, Knechte und Lehrlinge. Unter manchen Aspekten sind diese Bruderschaften den Abteien und Königreichen vergleichbar. So ist in Zürich erstmals 1336 eine Bruderschaft der Wollenschlager- und Wollenwebergesellen, eine Bruderschaft der Rebleute im 15. Jahrhundert zum Beispiel in Kleinbasel belegt. In den Bruderschaften der Gesellen ist, bedingt durch deren Mobilität, eine der Antriebskräfte für die Verbreitung überlokaler und überberuflicher Bruderschaften zu suchen. Ähnlich wirkten Krämer-, Spielleute- oder von Pilgern gegründete St.-Jakobs-Bruderschaften, später auch die zahlreichen Marien-, Rosenkranz-, St.-Sebastian- bzw. St.-Wendelin-Bruderschaften.

Als eines der Bindeglieder zwischen Kirche und Gesellschaft standen die Bruderschaften unter dem Recht der Kirche. Deren Obrigkeiten schoben zuweilen Missbräuchen, sektiererischen Tendenzen, im 15. Jahrhundert auch der unkontrollierten Verbreitung den Riegel. So löste in Lausanne Bischof Guillaume de Menthonay 1404 alle bestehenden Bruderschaften auf und ersetzte sie durch eine einzige, deren Statuten er selber festlegte. Dies verhinderte allerdings nicht, dass von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an in Lausanne erneut ein vielfältiges Bruderschaftswesen aufblühte. Auch städtische Obrigkeiten griffen in das Leben der Bruderschaften ein: In Freiburg stand die Heiliggeist-Bruderschaft ab 1350 vollständig unter ihrer Kontrolle.

In quantitativer Hinsicht ist ein West-Ost-Gefälle festzustellen, wobei ein unterschiedlicher Forschungsstand und eine fehlende Typologie Vergleiche erschweren: Nachgewiesen ist die starke Vermehrung der Bruderschaften im 14. und 15. Jahrhundert in der Westschweiz (in Lausanne 1380 20 Bruderschaften, in Genf 1487 38 Bruderschaften, 1529 49 Bruderschaften). Die Mitgliederzahlen der Bruderschaften variierten stark. Ein Verzeichnis der Berner St.-Jakobs-Bruderschaften aus dem Zeitraum 1509-1511 enthält ca. 400 Namen. Bruderschaften spielten auch in der städtischen Wirtschaft und im Kreditwesen, zum Beispiel in Genf, Lausanne und Zürich, eine Rolle. In den Orten, die zur Reformation übertraten, gingen die zum Teil grossen Vermögen der aufgelösten Bruderschaften in der Regel an die Gemeinden bzw. an deren Almosenämter über.

Neuzeit

Frontispiz des Büchleins der Franz-Xaver-Bruderschaft, Waldshut 1715 (Stiftsbibliothek St. Gallen).
Frontispiz des Büchleins der Franz-Xaver-Bruderschaft, Waldshut 1715 (Stiftsbibliothek St. Gallen). […]

Bei den reformierten Kirchen sind die Bruderschaften in der Reformation erloschen; Bruderschaften im eigentlichen Sinn entstanden danach keine mehr. In den katholischen Gebieten hingegen blühten sie im Barock – nachdem die Krise im Zeitalter der Glaubensspaltung überwunden war – noch einmal stark auf. Durch Papst Clemens VIII. kirchenrechtlich geordnet und auf ihre religiöse Bestimmung festgelegt (Bulle «Quaecumque» 1604), bildeten die Bruderschaften besonders im 17. und 18. Jahrhundert einen wesentlichen Bestandteil der katholischen Volksfrömmigkeit. Sie benannten sich meist nach einem Glaubensgeheimnis, einem Heiligen oder einer bestimmten Aufgabe (z.B. Sakraments-, Marien-, Rosenkranz-, Christenlehr-Bruderschaften) oder nach einem Orden (Gürtel-Bruderschaft der Franziskaner, Rosenkranz-Bruderschaft der Dominikaner, Skapulier-Bruderschaft der Karmeliten). Dabei legten die in der Regel an Pfarr- oder Klosterkirchen errichteten und mit Ablässen ausgestatteten Bruderschaften ihre unterschiedlichen Zielsetzungen in Statuten nieder, wobei das Totengedächtnis für verstorbene Mitglieder wie schon im Mittelalter breiten Raum einnahm.

In der Schweiz ist das Bruderschaftswesen der Neuzeit bisher wenig erforscht. Grundsätzlich gilt, dass Bruderschaften in ländlichen Gebieten wie der Innerschweiz, den katholischen Gegenden der Ostschweiz und im Tessin ihre grösste Entfaltung erst in nachtridentinischer Zeit erlebten. Wohl am meisten verbreitet war vom 17. Jahrhundert an die Rosenkranz-Bruderschaft, die wichtigste der marianischen Bruderschaften. Sie wurde im Zuge der katholischen Reform in der Innerschweiz in zahlreichen, im Gebiet der Fürstabtei St. Gallen bis ins 18. Jahrhundert in allen katholischen Pfarreien eingeführt. Grosser Verbreitung erfreuten sich auch Bruderschaften zur Verehrung des Leidens Christi und des Altarsakraments sowie Guttod-Bruderschaften, Skapulier-Bruderschaften und Bruderschaften unter dem Patronat von Heiligen, die in den Anliegen des Alltags, besonders in Notzeiten, angerufen wurden (Agatha-, Barbara-, Antonius-, Josef-, Sebastian-Bruderschaften).

Titelbild und Titelseite eines Bruderschaftsbüchleins, St. Gallen 1842 (Stiftsbibliothek St. Gallen).
Titelbild und Titelseite eines Bruderschaftsbüchleins, St. Gallen 1842 (Stiftsbibliothek St. Gallen). […]

Durch die Aufklärung und das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommende Vereins- und Verbandswesen wurden die Bruderschaften stark zurückgedrängt. Im Zuge der innerkirchlichen Restauration im 19. Jahrhundert erlangten die Bruderschaften als Instrument der Seelsorge (Förderung des religiösen Lebens durch persönliches Gebet, Andachten, Prozessionen) noch einmal grössere Bedeutung, wobei sich entsprechend den Frömmigkeitsformen der Zeit auch neue Bruderschaften (z.B. Herz-Jesu-Bruderschaften) bildeten. An der Wende zum 20. Jahrhundert unternommene Versuche, das Bruderschaftswesen zu erneuern (z.B. 1887 Gründung einer «Familienbruderschaft» durch Bischof Augustin Egger von St. Gallen, die der Förderung der christlichen Lehre und des christlichen Lebens dienen sollte), scheiterten. Vereinzelt überlebten Bruderschaften jedoch bis heute, zum Beispiel die 1492 gegründete St.-Magnus-Bruderschaft in Sargans, die 1737 gegründete Bruderschaft zu Ehren der heiligen Cäcilia in Rapperswil (SG) oder die 1452 gegründete Liebfrauen-Bruderschaft in Bremgarten (AG).

Quellen und Literatur

Allgemein
  • A.-M. Dubler, Handwerk, Gewerbe und Zunft in Stadt und Landschaft Luzern, 1982
  • Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994 (21998)
Mittelalter
  • Wackernagel, Basel
  • LexMA 2, 738-741
  • Le mouvement confraternel au Moyen Age, 1987
  • Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft, 2 Bde., 1990
  • M. Illi, Wohin die Toten gingen, 1992, v.a. 98-108
  • GKZ 1
  • P. Ostinelli, Il governo delle anime, 1998, v.a. 311-313
Neuzeit
  • J. Duft, Die Glaubenssorge der Fürstäbte von St. Gallen im 17. und 18. Jh., 1944, 186-192
  • R. Henggeler, Die kirchl. Bruderschaften und Zünfte der Innerschweiz, [1955]
  • E. Bürgisser, Vom alten Bruderschaftswesen in Bremgarten, 1987
  • M. Bugg, 500 Jahre St. Magnusbruderschaft Sargans, 1995
  • F.X. Bischof, C. Dora, Ortskirche unterwegs, 1997, 83-85
Weblinks

Zitiervorschlag

Véronique Mariani-Pasche; Franz Xaver Bischof: "Bruderschaften", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.02.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/046924/2011-02-03/, konsultiert am 01.07.2022.