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Totentanz

Unter einem Totentanz versteht man in der Regel nicht die sagenhaften Berichte über tanzende Tote, die seit dem Hochmittelalter vorkommen, sondern Darstellungen von Menschen verschiedenen Standes und Alters, die mit der Personifikation des Todes konfrontiert werden und so erkennen, dass sie sterben müssen. Wesentliches Charakteristikum ist die Gemeinschaftserfahrung, die sich oft in der hierarchischen Anordnung der einzelnen Szenen von den ranghöchsten Vertretern der Gesellschaft zu den niedrigsten ausdrückt: Alle sind betroffen, niemand kann sich dem Tod und der Verantwortung für seine Sünden entziehen.

Der Tod holt sich den Abt. Holzschnitt von Hans Holbein dem Jüngeren. Probedruck von 1525 für die Serie "Die Bilder des Todes", die 1538 in Lyon veröffentlicht wurde (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett).
Der Tod holt sich den Abt. Holzschnitt von Hans Holbein dem Jüngeren. Probedruck von 1525 für die Serie "Die Bilder des Todes", die 1538 in Lyon veröffentlicht wurde (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett).
Der Tod holt sich den Krämer. Holzschnitt von Hans Holbein dem Jüngeren. Probedruck von 1525 für die Serie "Die Bilder des Todes", die 1538 in Lyon veröffentlicht wurde (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett).
Der Tod holt sich den Krämer. Holzschnitt von Hans Holbein dem Jüngeren. Probedruck von 1525 für die Serie "Die Bilder des Todes", die 1538 in Lyon veröffentlicht wurde (Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett).

Als älteste Darstellung im deutschsprachigen Raum gilt der ca. 60 m lange, um 1440 entstandene Zyklus auf der Friedhofsmauer des Basler Dominikanerklosters, von dem nur wenige Fragmente erhalten sind. Die Blütezeit erlebte das Motiv im Zeitalter der Reformation: Die Basler Bilder wurden umgestaltet, in Bern malte Niklaus Manuel einen monumentalen Totentanz und Hans Holbein der Jüngere schuf Vorlagen für eine erfolgreiche Holzschnittfolge, die als Emblembuch 1538 in Lyon veröffentlicht wurde. Totentänze kommen in der Schweiz seither als grossformatige Zyklen im öffentlichen Raum, in Erbauungsbüchern und Kalendern, auf kunstgewerblichen Objekten wie Dolchscheiden und Glasbildern, als Denkmäler, in Liedern und als szenische Aufführungen vor. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über fast die ganze Schweiz. Das bedeutendste erhaltene Beispiel sind die zwischen 1626 und 1635 entstandenen Tafeln von Kaspar Meglinger auf der Spreuerbrücke in Luzern. Monumentale Totentänze wurden auch in Buchausgaben dokumentiert, wie zum Beispiel der Basler Totentanz ab 1621 durch Matthaeus Merian und der Luzerner ab 1650 durch Conrad Meyer in Zürich.

Die jüngeren Werke hatten sich aus dem kirchlichen Kontext gelöst und waren zeit- bzw. moralkritisch motiviert: Johann Rudolf Schellenberg nutzte den Totentanz bereits 1785, um auf die Gefahren von Modeerscheinungen und technischen Errungenschaften hinzuweisen. Seit der französischen Revolution spiegeln sich verstärkt politische Ereignisse in Bildern und Texten wieder. Die Mehrheit der Werke ist pazifistischer Natur wie zum Beispiel Edmond Billes "Une danse macabre" von 1919. Jean Tinguely klagte 1986 mit seiner Figurengruppe "Mengele Totentanz" den Nationalsozialismus an. Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, reagierte in den 1980er Jahren mit Totentanz-Graffitis auf Bausünden und Umweltverschmutzung.

In den 1970er Jahren wurde die Europäische Totentanz-Vereinigung gegründet. Die Forschungsgemeinschaft gibt die Monatszeitschrift "Totentanz aktuell" sowie das Jahrbuch "L'art macabre" heraus.

Quellen und Literatur

  • Mensch und Tod: graph. Bl. und Zeichnungen von Dürer bis Dali, Ausstellungskat. Lausanne, 1987.
  • Die Spreuerbrücke in Luzern, hg. von J. Brülisauer, C. Hermann, 1996
  • U. Wunderlich, Ubique Holbein, 1998
  • U. Wunderlich, Tanz in den Tod, 2001
Weblinks

Zitiervorschlag

Christoph Mörgeli; Uli Wunderlich: "Totentanz", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.10.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/047600/2012-10-26/, konsultiert am 21.04.2024.