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Kulturgeschichte

K. ist in den 1990er Jahren zu einem wichtigen Leitbegriff der westl. Geschichtswissenschaft aufgestiegen (Geschichte). K. ist keine einheitl. Theorie, die vorschreibt, wie geschichtl. Erkenntnis organisiert werden soll. Sie postuliert auch keinen Kanon von untersuchungswürdigen Themen. Statt dessen zeichnet sich K. durch eine Pluralität von Ansätzen aus, die aus versch. Disziplinen und Traditionen stammen. Gemeinsam ist ihnen die Einsicht in die Sprach-, Kommunikations- und damit Kulturgebundenheit jegl. Erkenntnis, in die kulturelle Vermitteltheit von hist. Denken, Fühlen und Handeln.

Die sog. kulturalistische Wende der Historiografie war eine Reaktion auf den Skeptizismus, der die Planbarkeit des Fortschritts ab den 1970er Jahren in Frage stellte; sie war auch eine Reaktion auf eigene Defizite, z.B. in der Sozialgeschichte, welche den Menschen als handelndes Subjekt ausgeschaltet und den "Eigensinn" sozialer Praxis ignoriert hatte. Um 1990 wurde K. zu einem Leitbegriff, der versch. Strömungen zu absorbieren wusste: die dt. Alltagsgeschichte, die aus der franz. Annales-Schule hervorgegangene Mentalitätsgeschichte, die ital. Microstoria (die Geschichte "dicht" beschreibbarer Einzelfälle), ferner die angelsächs. Kulturanthropologie (Anthropologie, Körpergeschichte). Stark beeinflusst wurde die K. auch durch die franz. Linguistik, namentlich durch die Diskursanalyse Michel Foucaults. In der Schweiz wurden alle diese Ansätze frühzeitig rezipiert und in der tägl. Forschung angewandt, ohne dass sich jedoch eine eigene Schweizer Schule von internat. Bedeutung herausgebildet hätte.

Die K. nennt sich selbst neue K. und setzt sich damit von einer älteren K. ab, die seit der Aufklärung die unaufhaltsame "Kultivierung" des Menschen verkündet hatte. V.a. in Deutschland wurde "Kultur" lange Zeit auf "Oberschichtkultur" eingeengt, was im überholten Verständnis von K. als der Geschichte einzelner Kunstgattungen weiterlebt. Als Wegbereiter der neuen K. gilt u.a. der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, bei dem die Kultur neben dem Staat und der Religion eine von drei hist. Potenzen darstellt.

Quellen und Literatur

  • U. Daniel, Kompendium K., 2001
  • S. Burghartz, «Hist. Anthropologie / Mikrogesch.», in Kompass der Geschichtswiss., hg. von G. Lottes, J. Eibach, 2002, 206-218
  • P. Poirrier, Les enjeux de l'histoire culturelle, 2004
  • J. Tanner, Hist. Anthropologie zur Einführung, 2004
  • P. Burke, Was ist Kulturgesch.?, 2005, (engl. 2004)