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Naturkatastrophen

Eine durch das Erdbeben vom 1. Juni 1372 zerstörte Stadt. Zeichnung aus der Schweizer Chronik von Christoph Silberysen, 1576 (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsWettF 16: 1, S. 347; e-codices).
Eine durch das Erdbeben vom 1. Juni 1372 zerstörte Stadt. Zeichnung aus der Schweizer Chronik von Christoph Silberysen, 1576 (Aargauer Kantonsbibliothek, Aarau, MsWettF 16: 1, S. 347; e-codices). […]

Der Begriff Naturkatastrophen ist eng mit jenem der Naturgefahren (Überschwemmungen, Dürreperioden, Stürme, Erdbeben usw.) verknüpft. Während Erstere, ausgelöst durch hydrologische bzw. meteorologische (Klima), geologische und biologische Faktoren, den Menschen und/oder seine Güter nur gefährden können, haben Naturkatastrophen tatsächlich erhebliches Unheil angerichtet. Die Übergänge von Naturkatastrophen zu Brandkatastrophen, die beispielsweise durch den Föhn verursacht werden, sind fliessend. Die seit dem Mittelalter in zahlreichen Quellen geschilderten Naturkatastrophen wurden von der Geschichtswissenschaft lange nur wenig beachtet. Jüngste Untersuchungen zeigen jedoch, dass Naturkatastrophen im Bereich des Rechts, der Verwaltung und der nationalen Integration Lernprozesse bewirkt haben und die Modernisierung vorantrieben. Als gemeinsames Merkmal aller Naturkatastrophen gilt die Hilfsbedürftigkeit der Opfer.

Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit war der Wiederaufbau nach einer Naturkatastrophe primär Sache von Familie und Nachbarn. Mittellosen Geschädigten stellten die Gemeinden sogenannte Bettelbriefe aus, die zur Spendensammlung von Haus zu Haus ermächtigten. Bei bedeutenden Schäden wurde solidarisch Hilfe in Form von Arbeit, Geld oder Naturalien im Rahmen genossenschaftlicher Gemeinschaften organisiert, wobei das Prinzip der Gegenseitigkeit galt. Vermutlich diente auch das Netzwerk der Alten Eidgenossenschaft als Gefahrengemeinschaft, was sich darin zeigt, dass die verbündeten Orte nach einer grossen Naturkatastrophe zu Hilfeleistungen angehalten wurden (z.B. 1713 nach dem Brand von Stans).

Für die Bewältigung von Naturkatastrophen ist die Katastrophenkommunikation bedeutsam. Sie hat das Geschehen zu deuten, Ängste abzubauen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken und Ressourcen zur Hilfeleistung zu mobilisieren. Im Ancien Régime war dies Aufgabe der Kirche: Die Obrigkeiten ordneten aus Anlass von Naturkatastrophen Bettage an, die der Geistlichkeit dazu dienten, das Geschehen zu deuten und Kollekten aufzunehmen. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Naturkatastrophen im vorherrschenden religiösen Weltbild als Warnzeichen und/oder als Strafe Gottes für Sünden von Gemeindegliedern gedeutet. Die Naturwissenschaft verstand sie als Ausdruck von unzureichend beherrschten Naturkräften. Seit 1970 wird das Denken von einem ökologischen Verständnis geprägt, das Nebenwirkungen des Modernisierungsprozesses als Ursachen von Naturkatastrophen in den Vordergrund stellt.

Ab dem 19. Jahrhundert diente die Integrationswirkung der Katastrophenbewältigung der Stärkung der nationalen Identität. Nach dem Bergsturz von Goldau 1806 leisteten erstmals alle Kantone logistische und/oder humanitäre Hilfe. Nach den Überschwemmungen von 1834 und 1839 in den Zentralalpen wurde die nationale Hilfsaktion jeweils von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft koordiniert. Die Sammlungen wurden durch Vereine, insbesondere durch Frauen, getragen. Die erfolgreichste Aktion lösten nach dem Hochwasser 1868 die Presse (Strategie des Sammelwettbewerbs) und der Bundesrat aus (Besuch der Schadensgebiete, Spendenaufruf, Einsatz der Armee). Meist traten als Spender das städtische Bürgertum, namentlich in der Westschweiz, und Auslandschweizer hervor. Die Gelder kamen besonders den Unterschichten in den alpinen Randregionen zugute und trugen dazu bei, diese enger an die Nation zu binden. In Ermangelung einer Elementarschadenversicherung (Versicherungen) sind neben nationalen zahlreiche regionale und lokale Aktionen für Brand-, Hochwasser-, Hagel- und Sturmgeschädigte nachgewiesen, über die wenig bekannt ist. Mit dem 1903 gegründeten Elementarschadenfonds wurde die Organisation von Hilfsaktionen institutionalisiert.

Schwere Natur- und Brandkatastrophen in der Schweiz seit 1500

JahrTypEreignisSchäden (in Mio. Fr.)aOpferSpenden (in Mio. Fr.)a
1515ÜberschwemmungBuzza di Biasca?ca. 600?
1584BergsturzYvorne?ca. 120?
1618BergsturzPlurs (bündnerisches Veltlin)?ca. 900?
1806BergsturzGoldau>420ca. 500>38
1834ÜberschwemmungZentralalpen>70027>72
1839ÜberschwemmungZentralalpen>290?>36
1861FeuerGlarus>7805>311
1868ÜberschwemmungZentralalpen>1 10050>335
1876ÜberschwemmungMittelland>720?>99
1881BergsturzElm>84114>63
1910ÜberschwemmungMittelland>50027>84
1951LawinenAlpen>15098>120
1965GletscherabbruchMattmark?88?
1987ÜberschwemmungZentralalpen1 200857
1993ÜberschwemmungWallis, Tessin900328
1999OrkanMittelland, Alpen1 80014-
2000ÜberschwemmungZentralalpen7301372
2005ÜberschwemmungZentralalpen3 000649

a Angaben real in Franken von 2000

Schwere Natur- und Brandkatastrophen in der Schweiz seit 1500 -  Autor

Ab 1919 war die Liga der Rotkreuzgesellschaften (Rotes Kreuz) für internationale Katastrophenhilfe zuständig, doch engagierte sich die Schweiz erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Ausland. Unter der Devise "Neutralität und Solidarität" führten das Schweizerische Rote Kreuz und die 1946 gegründete Glückskette ab 1951 Hilfe für Katastrophenopfer in Westeuropa, ab 1960 auch für Betroffene ausserhalb Europas durch. 1973 kam das 1970 ins Leben gerufene Schweizerische Katastrophenhilfekorps in den Sahelländern und in Äthiopien zu seinem ersten Einsatz.

Das Dorf Gondo, das durch den Erdrutsch vom 15. Oktober 2000 entzweigeschnitten wurde © KEYSTONE.
Das Dorf Gondo, das durch den Erdrutsch vom 15. Oktober 2000 entzweigeschnitten wurde © KEYSTONE. […]

Naturkatastrophen und Brandkatastrophen wurden ab dem 18. Jahrhundert zum Anlass genommen, präventive Massnahmen unter dem Beizug von Experten zu ergreifen. Die Häufung von Hochwassern um die Mitte des 19. Jahrhunderts führte zur Eindämmung zahlreicher Flüsse (Wasserbaugesetz 1877) und zur Aufforstung im Hochgebirge (Forstgesetz 1876). Nach dem Lawinenwinter 1951 wurde der Lawinenschutz ausgebaut (Lawinen). Das Wasserbaugesetz 1991 sieht vor, auf die Umwelt Rücksicht zu nehmen und den Schutz vor Naturkatastrophen vor allem durch raumplanerische Massnahmen sicherzustellen. Ab den 1930er Jahren bauten öffentlich-rechtliche Gebäudeversicherungen in 19 Kantonen ein Rückversicherungs- und Solidaritätssystem auf, das die Prävention fördert und eine Bewältigung von schweren Naturkatastrophen ohne Mehrbelastung der Versicherten erlaubt. Mit der Verfügbarkeit neuer Kommunikations- und Transportmittel, schwerer Baumaschinen, der Errichtung und Schulung von Krisenstäben und dem Einsatz des Zivilschutzes sowie der Genie- und Rettungstruppen der Armee wurde das Krisenmanagement verbessert.

Quellen und Literatur

  • G. Röthlisberger, Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz, 1991
  • U. Müller et al., Katastrophen als Herausforderung für Verwaltung und Politik, 1997
  • Stadtzerstörung und Wiederaufbau, hg. von M. Körner, 3 Bde., 1999-2000
  • Am Tag danach, hg. von C. Pfister, 2002
  • Traverse, 2003, H. 3
Weblinks

Zitiervorschlag

Christian Pfister: "Naturkatastrophen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/047887/2010-09-07/, konsultiert am 08.12.2022.