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Feudalismus

Der Begriff Feudalismus, abgeleitet vom germanisch-mittellateinischen feudum (deutsch Lehen), bezeichnet das auf Lehnswesen und Grundherrschaft aufgebaute mittelalterliche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem Europas, in dem die über den Grundbesitz verfügende adelig-aristokratische Oberschicht politische, richterliche und militärische Herrschaftsfunktionen ausübte (Feudalgesellschaft). Er bezieht sich somit auf agrarische, vorwiegend naturalwirtschaftlich und hierarchisch geordnete Gesellschaftsformen. Im Verlauf seiner Geschichte erfuhr der Begriff einen Bedeutungswandel: Er wurde nicht mehr allein auf das Lehnswesen bezogen, sondern als universalhistorische Kategorie verwendet.

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts kamen die Ausdrücke féodalité und féodal auf zur Bezeichnung des Lehnswesens und traten neben die älteren Begriffe vassal und vassalité (Vasallität). Ende des 18. Jahrhunderts begannen politische und geschichtsphilosophische Inhalte die ältere Bedeutung zu überlagern. In ihrem Kampf gegen die féodalité bezeichnete die Französische Revolution jede Form vorrevolutionärer Herrschaft als feudal. In deren Windschatten sah die Helvetische Republik 1798 die Loskäuflichkeit der Feudallasten vor, d.h. vieler der bis dahin gültigen Herrschaftsrechte und Herrschaftsabgaben. Der Ausdruck Feudalismus trug somit in der Schweiz wie im übrigen Europa nach 1800 den Stempel einer überlebten Gesellschaftsordnung.

Im 19. Jahrhundert bemühte sich die Wissenschaft um die Erforschung der mittelalterlichen Wirtschaft und Gesellschaft einschliesslich des Lehnswesens; Ergebnisse flossen im 20. Jahrhundert in die Diskussion um den Feudalismus-Begriff ein. Als Erste stellten Rechtshistoriker im Zeichen entstehender Nationalstaatlichkeit das Lehnswesen als komplexe Institution mittelalterlicher Staatlichkeit dar. Wirtschaftshistorische Forschungen machten auf die Gegensätzlichkeit von Grundherrschaft (agrare Adelsherrschaft über unfreie Bauern) und Stadt (Geldwirtschaft freier Bürger) aufmerksam. Im späten 19. und im 20. Jahrhundert löste die ältere Soziologie den Feudalismus von seiner spezifisch europäischen Erscheinung und öffnete ihn der Weltgeschichte: zum Beispiel wurde Europas Kolonialismus als eine auf Eroberung gründende Gewaltherrschaft über ausgebeutete Bauern interpretiert. Kulturhistoriker ihrerseits sahen die Zeit des Feudalismus als eine Stufe in der Entwicklung der Menschheit. Im allgemeinen Verständnis des beginnenden 20. Jahrhunderts bildete der Feudalismus staatsrechtlich "den direkten Gegensatz zur Theorie der Volkssouveränität" ("Brockhaus", Edition 1908).

Die weltgeschichtlich wirksamste Deutung erfuhr der Feudalismus-Begriff in der Geschichtsphilosopie des Marxismus: Im marxistischen Geschichtsbild kommt der Feudalgesellschaft die Bedeutung einer Entwicklungsstufe zwischen der antiken Sklavenhalter- und der modernen kapitalistischen Gesellschaft zu. Feudalismus wurde zum politischen Kampfbegriff des Marxismus-Leninismus im Sinne einer "ausbeuterischen Herrschaft" durch eine adelige Herrenklasse und allgemein durch Staat und Kirche als Herrschaftsträger. Solange der Feudalismus-Begriff dem marxistisch-leninistischen Umschreiben der Weltgeschichte diente und ihn manche Historiker deshalb als ideologisch belastet und unwissenschaftlich einstuften, spielte er in der Geschichtswissenschaft nur eine beschränkte Rolle.

Die 1968er-Bewegung griff den Terminus Feudalismus auf und wandte ihn auf unterschiedliche Formen von historischer und aktueller Ausbeutung an und – zwar umstritten – auch auf aussereuropäische Gesellschaftssysteme, insbesondere solche der Dritten Welt. Über die Universitäten fand Feudalismus samt Komposita (Feudalherren, Feudalherrschaft, Feudalgesellschaft, Feudalstaat, Feudalwesen, Feudalsystem, Feudalisierung usw.) verstärkt Eingang in die Geschichtsschreibung, anfänglich noch unter den klassenkämpferischen Vorzeichen der Ausbeutung, zunehmend aber – oft in Unkenntnis der marxistisch-leninistischen Interpretation – zur wertfreien Bezeichnung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher sozioökonomischer Zustände. Nachdem sich auch Marxisten vom marxistisch-dogmatischen Feudalismus-Begriff zu lösen begannen, kam in den 1980er Jahren eine internationale Feudalismus-Diskussion in Gang: Feudalismus wird in der wissenschaftlichen Terminologie nunmehr klar abgegrenzt und als universalhistorische Kategorie verwendet, wobei der interkulturelle Vergleich half, die Eigenart der europäischen Sozialgeschichte besser zu erkennen.

Quellen und Literatur

  • P. Liver, Vom Feudalismus zur Demokratie in den graubündner. Hinterrheintälern, 1929
  • H. Rennefahrt, Grundzüge der bern. Rechtsgesch. 4, 1936, 144-172
  • G. Bois, Crise du féodalisme, 1976
  • HbSG 1, 461-466; 2, 817-820
  • LexMA 4, 411-421
  • S. Reynolds, Fiefs and Vassals, 1994
  • Wb. zur Gesch., hg. von E. Bayer, 51995
  • Dictionnaire encyclopédique du Moyen Age 1, 1997, 586-588
Weblinks

Zitiervorschlag

Anne-Marie Dubler: "Feudalismus", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 22.12.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/048181/2015-12-22/, konsultiert am 28.09.2022.