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Ratten und Mäuse

Insbesondere im Winter bedrohen Hausratten und Hausmäuse die Nahrungs- und Futtervorräte im Keller, Estrich, in Speichern, Scheunen und Ställen. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren alle Lebensmittel verarbeitenden Gewerbe wie jene der Müller, Bäcker, Metzger und Wirte von Nagetierschäden betroffen, Bauern zusätzlich in der Produktion. Entsprechend wurden die Ratten und Mäuse als Schädlinge bekämpft.

Die Hausratte (Rattus rattus) verbreitete sich vor allem entlang der grossen Handelsrouten und Schifffahrtswege nach Europa. In der Schweiz lässt sie sich in römischer Zeit (1.-4. Jh.) im archäozoologischen Fundmaterial von Gutshöfen und aus Augusta Raurica nachweisen. Auch für das Mittelalter liegen einige archäozoologische Nachweise vor (z.B. Ostturm der Habsburg, Schloss Nidau).

Rattenfallen, Mausefallen. Kupferstich aus den Basslerischen Ausruff-Bildern von David Herrliberger, 1749 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
Rattenfallen, Mausefallen. Kupferstich aus den Basslerischen Ausruff-Bildern von David Herrliberger, 1749 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). […]

Ratten gelten als Ungeziefer, wie der Zürcher Stadtarzt und Naturforscher Konrad Gessner schon in seinem «Thierbuch» (1563) darstellte. Zur Abwehr empfahl er, Früchte tragende Eibenzweige in den Zimmern aufzuhängen und nannte, nebst Hund und Katze, Wiesel, Marder und Iltis als Rattenfänger. In der St. Galler Stadtkirche St. Laurenzen wurden die Ratten so zahlreich, dass sie den Gottesdienst störten und die Frauen erschreckten, so dass die Kirchenleute 1734 beschlossen, gegen diese Ratten mit Fallen und Gift vorzugehen. Ratten können – wie Nager im Allgemeinen – verschiedene Krankheiten übertragen. Bekannt geworden ist die Hausratte vor allem als Wirtstier für das Pestbakterium (Pest).

Die aus den asiatischen Steppengebieten stammende Wanderratte (Rattus norvegicus) wanderte wohl von Osten her in Europa ein und erreichte die Schweiz erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wahrscheinlich von Süddeutschland kommend, verbreitete sie sich innerhalb weniger Jahrzehnte entlang der Flussläufe über das ganze Mittelland bis in die Westschweiz. Im ausgehenden 19. Jahrhundert setzt die gezielte Zucht und Haltung der Wanderratte als Labortier ein. Seit etwa den 1960er Jahren wird die Wanderratte in einer urban geprägten Gesellschaft auch als sauberes, intelligentes und soziales Haustier gehalten.

Die ursprünglich in den Trockengebieten Eurasiens beheimatete Hausmaus (Mus musculus) wurde vom Menschen – zusammen mit der Ausbreitung der agrarischen Wirtschaftsweise – verschleppt. Die bislang frühesten archäozoologischen Nachweise aus der Schweiz datieren in die ausgehende Eisenzeit und in die römische Zeit.

Der Chronist Aegidius Tschudi erwähnt für 1372 eine Mäuseplage, die zwei Drittel des Korns auf den Feldern vernichtete. Wegen der maschinellen Feldbearbeitung treten seit dem 20. Jahrhundert kaum mehr Plagen in dieser Intensität auf. Besonders Feldmäuse (Microtus arvalis) und Schermäuse (Arvicola terrestris) können aber immer noch empfindliche Schäden im Obst- und Feldbau auf montaner Stufe (Voralpen, Jura) anrichten, gerade weil auch für beide Arten zyklische Massenvermehrungen typisch sind. Anhand der abgelieferten Mäuseschwänze lassen sich in Solothurner Rechnungsbüchern von 1538-1643 alle vier bis neun Jahre solche Vermehrungsspitzen nachweisen. Dabei zeigt sich eine Korrelation zur klimatischen Entwicklung (z.B. lange Schneebedeckung um Winter).

Die Tätigkeit des Feldmausers war in der Landwirtschaft lange Zeit eine wichtige saisonale Nebenbeschäftigung. Da das Einkommen nur bescheiden war und von der Jahreszeit, der Mäusepopulation und dem Klima abhing, arbeiteten oft Altbauern, Kleinbauern, Knechte oder Jugendliche als Feldmauser. Im Zürcher Unterland wurden Ende des 18. Jahrhunderts drei Mauser gezählt, die das Mausen als eigentliches Handwerk ausübten. Es handelt sich dabei um eine einfache manuelle Tätigkeit, die dennoch spezifische Kenntnisse über die Lebensweise der verschiedenen Mäusearten und des Maulwurfs verlangt.

Quellen und Literatur

  • Idiotikon 4, 473-482; 6, 1913-1919
  • T. Meier, Handwerk, Hauswerk, Heimarbeit, 1986, 191, 229, 386, 394
  • M. Körner, «Gesch. und Zoologie interdisziplinär: Feld- und Schermäuse in Solothurn 1538-1643», in JbSolG 66, 1993, 441-454
  • K. Lussi, Der Feldmauser, 1993
  • F. Santoianni, Topi, 1993
  • Die Mausefalle, Ausstellungskat. Olten, 1996
  • S. Ineichen, Die wilden Tiere in der Stadt, 1997
  • Rats, Ausstellungskat. Neuenburg, 1998
Weblinks

Zitiervorschlag

Peter Lehmann: "Ratten und Mäuse", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.12.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/049109/2011-12-16/, konsultiert am 03.10.2022.